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18.05.2026
14:18 Uhr
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In Deutschland hat sich diese Sprachregelung durchgesetzt: Kritik an der rechten Regierung ist okay, aber nicht an der Gesellschaft, die sei ja mehrheitlich liberal. Diese Vorstellung ist so schön. Und so falsch.

Klar, Benjamin Netanjahu unternimmt alles, um im Amt zu bleiben. Aber zuerst hat ihn eine Mehrheit der Menschen da hineingewählt. Ronen Zvulun/Reuters/dpa
Das ist ja gerade noch einmal gutgegangen. Nicht nur die ESC-Zuschauer in der Wiener Stadthalle dürften am Samstagabend aufgeatmet haben, als klar war: Bulgarien hat mit dem Lied „Bangaranga“ gewonnen. Ein Eurovision-Finale in Tel Aviv oder Jerusalem? Im Moment erscheint das unvorstellbar.
Der angeblich so unpolitische Song Contest war in den vergangenen Monaten erneut die Arena für eine wichtige Debatte: Wie stark soll Europa auf Distanz gehen zu Israel? Und auf Distanz zu wem – zur Regierung, zum Staat oder gar gleich zur israelischen Gesellschaft? Die Antwort, die Deutschland offenbar gefunden hat: Die Kriegsführung und Annexionspläne von Benjamin Netanjahu und seiner Regierung gilt es zu verurteilen. Aber beim ESC tritt ja nicht die Regierung an.
Kann man diese Unterscheidung überhaupt treffen? Aus der Eindeutigkeit, mit der dies etwa Kulturstaatsminister Wolfram Weimer regelmäßig behauptet, spricht ein weitverbreiteter Irrtum: Israel sei immer noch eine mehrheitlich liberale Gesellschaft, die in die Fänge einer Rechts-außen-Regierung geraten sei. Eine Vorstellung, die so schön wie falsch ist.
Erst einmal: Israel ist nach wie vor eine Demokratie, selbst wenn Netanjahu immer wieder an ihren Institutionen sägt. Seit 30 Jahren wählt hier eine Mehrheit der Menschen Parteien rechts der Mitte. Sie wählt Regierungen, die den Siedlungsbau vorantreiben und einer Zweistaatenlösung entgegenwirken. Es ist höchste Zeit, diese Realität anzuerkennen. Denn sie wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern: Naftali Bennett – Netanjahus aussichtsreichster Gegner bei der Wahl im Herbst – steht der Siedlerbewegung ebenfalls nahe. Die neue Wählergeneration der 18- bis 22-Jährigen sieht sich zu drei Vierteln als „rechts“. Und die Nationalreligiösen und Ultraorthodoxen bekommen weit mehr Kinder als die liberale Mittelschicht Tel Avivs.
Entfesselt durch den Schmerz nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 findet in der israelischen Debatte derweil eine bemerkenswerte Verrohung statt. Zur besten Sendezeit wird über Szenarien gesprochen, die den Tod von Kindern in Gaza in Kauf nehmen, da diese sowieso zu Terroristen heranwüchsen. Palästinenser werden mit Ungeziefer und Vieh verglichen. Eine Mehrheit der Menschen in Israel redet so nicht, aber sie toleriert diesen Hass. Die kalkulierte Grausamkeit der israelischen Armee in Gaza ist nicht im Vakuum entstanden.
Ein großer Teil der israelischen Gesellschaft hat nach der zweiten Intifada und nach dem 7. Oktober den Glauben an eine diplomatische Lösung mit den Palästinensern verloren. Dass das so nicht bleiben muss, zeigt eine andere Umfrage: Demnach könnte sich eine knappe Mehrheit der Israelis theoretisch durchaus einen palästinensischen Staat vorstellen, wenn auch unter engen Voraussetzungen.
Und dann sind da noch die großen Proteste, die Netanjahus Politik immer wieder hervorruft. Gegen seine Versuche, die Justiz auszuhöhlen, gegen die Korruption. Und auch gegen den Krieg in Gaza wurde demonstriert. Zumindest, als viele das Leben der Geiseln durch Netanjahus Kriegsführung in Gefahr sahen. Wer sich in Israel dagegen für den Schutz palästinensischer Zivilisten starkmacht, muss mit gesellschaftlicher Ächtung rechnen. Eine kleine Minderheit tut es trotzdem. Diese mutigen Menschen und Initiativen verdienen Respekt und jede Unterstützung. Wer ihnen also einen Gefallen erweisen will, erkennt die gesellschaftliche und politische Realität an.
Er ließ den Haftbefehl gegen Netanjahu beantragen, seit einem Jahr aber lässt er sein Amt in Den Haag ruhen: Es geht um den Verdacht der sexuellen Belästigung. Jetzt stellt sich der Brite als Opfer einer Verschwörung dar.
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