SZ 13.05.2026
00:05 Uhr

(+) Übergewicht: Wie den Abnehmerfolg behalten?


Zwei Studien haben Mittel getestet, mit denen sich möglicherweise das Gewicht nach einem Abnehmversuch länger halten lässt: eine neue Abnehmpille und ein Bakterienpräparat.

(+) Übergewicht: Wie den Abnehmerfolg behalten?

Dies ist die frustrierende Wahrheit hinter vielen Abnehmerfolgen: Sie schwinden wieder, sobald das Ernährungs- und Fitnessprogramm beendet ist, sobald die Abnehmspritze abgesetzt wird. Nun hat das Fachblatt Nature Medicine  gleich zwei Studien veröffentlicht, in denen Mittel gegen die Misere getestet wurden.

Der erste Versuch setzte auf Tabletten mit dem Wirkstoff Orforglipron, der ähnlich wie die Abnehmspritzen wirkt, aber in Europa noch nicht zugelassen ist. Die Wissenschaftler verabreichten die Pillen Menschen, die unmittelbar zuvor das Maximale aus einer der Abnehmspritzen herausgeholt hatten. Als die Probanden nicht mehr in nennenswertem Maße abnahmen, erfolgte der Wechsel auf die täglich zu schluckenden Tabletten. Ein Jahr später konnten die Studienteilnehmer noch durchschnittlich 75 bis 80 Prozent ihres Abnehmerfolges vorweisen. Die Teilnehmer in der Kontrollgruppe, die ein Placebo erhalten hatten, bewahrten dagegen nur 38 bis 49 Prozent des ursprünglichen Gewichtsverlustes. Die Nebenwirkung von Orforglipron waren wie bei den Abnehmspritzen in erster Linie Magen-Darm-Beschwerden.

Die 376 Teilnehmer umfassende Studie sei sauber durchgeführt, sagte Marie Spreckley, Forscherin der University of Cambridge, dem britischen Science Media Center (SMC). Allerdings betrug die Beobachtungszeit nur ein Jahr, sodass unklar ist, ob sich der neue Wirkstoff auch langfristig bewährt.

Wie wirken die Präparate, welche Nebenwirkungen gibt es, und wann kommen neben den Spritzen auch Tabletten? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Bleibt die Frage, wem damit geholfen ist, von den Spritzen auf die Tabletten zu wechseln. Zum einen vermutlich dem Hersteller, der auch an der Studie beteiligt war. Orforglipron wurde als Abnehmmedikament entwickelt, erwies sich aber in den ersten Tests als weniger effektiv als die Wirkstoffe in den Spritzen. Damit könnte es für das Unternehmen vorteilhaft sein, die Tabletten als Option zum Gewichtserhalt zu positionieren. Dennoch könnten die Pillen auch für einen Teil der Patienten längerfristig attraktiv sein. Sie sind einfacher anzuwenden und müssen, anders als die Abnehm-Pens, nicht kühl gelagert werden – eine Erleichterung für Reisen. Zudem lassen sich die Tabletten leichter produzieren, was die Hoffnung nährt, dass sie preiswerter als die Spritzen sein werden.

Überraschender wirkt die zweite Studie, in der ein Teil der Probanden einen Darmkeim schluckte. Erwachsene, die zuvor acht Wochen lang mit einer klassischen Ernährungsumstellung Gewicht verloren hatten, erhielten nun einen speziell aufbereiteten Stamm des Bakteriums Akkermansia muciniphila. Nach 24 Wochen Einnahmezeit hatten die Teilnehmer im Schnitt noch 85 Prozent ihres Erfolges beibehalten. Die Probanden in der Placebogruppe konnten nur 67 Prozent ihres Diätergebnisses retten. Es wurden keine nennenswerten Nebenwirkungen berichtet.

Nur wird dieses Ergebnis dadurch geschmälert, dass insgesamt lediglich 90 Menschen an der Studie teilnahmen und die Beobachtungszeit nur kurz war. Rima Chakaroun, Wissenschaftlerin an der Klinik für Endokrinologie, Nephrologie und Rheumatologie der Universität Leipzig, warnte daher laut SMC: Bei dem Bakterienpräparat handele es sich bislang „um ein Nahrungsergänzungsmittel ohne Zulassung als Medikament, für das eine einzige kontrollierte Studie mit moderatem Effekt und erheblichen Interessenkonflikten vorliegt. Auf dieser Grundlage eine allgemeine Empfehlung auszusprechen, wäre wissenschaftlich nicht vertretbar.“ An der Arbeit waren Wissenschaftler des Herstellers, der belgischen Akkermansia Company,  sowie des Abnehmspritzenherstellers Novo Nordisk beteiligt.

Im Darm des Menschen siedeln Billionen Bakterien, Viren und Pilze. Eine ungünstige Zusammensetzung des Mikrobioms wird für viele Krankheiten verantwortlich gemacht. Stimmt das?

Wie die Bakterien auf die Gewichtsentwicklung wirken könnten, ist ebenfalls noch nicht sicher. Stefan Kabisch, Studienarzt in der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin am Deutschen Zentrum für Diabetesforschung, hält es für möglich, dass die Keime im Darm die Aufnahme bestimmter Nährstoffe blockieren, sodass sie wieder ausgeschieden werden. „Denkbar sind zusätzliche Effekte des Mikrobioms auf Nervenbahnen zum Gehirn, sodass Sättigungsmechanismen beeinflusst werden.“ Spezifische Darmbakterien könnten womöglich auch Signalmoleküle oder Stoffwechselprodukte freisetzen, die den Stoffwechsel unterstützen, sagte der Mediziner dem SMC. Er führte zugleich eine weitere Einschränkung an: „Die vorliegende Arbeit weist auch darauf hin, dass Menschen mit bereits starkem Akkermansia-Vorkommen im Darm zu Beginn der Studie relativ wenig von der zusätzlichen Zufuhr profitieren. Nicht allen Menschen nützt das Präparat also gleichermaßen.“

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