Es ist eigentlich nur ein Sofa, aber es ist rosa. Die Kanten sind abgerundet, die Holzbeine schlank. Hätte dieses Möbelstück menschliche Fähigkeiten, es würde lächeln. So viel Freundlichkeit ist in einem deutschen Konzern verdächtig, mindestens aber auffällig: „Ich bekomme jedes Mal einen Kommentar, wenn Leute zum ersten Mal in mein Büro kommen“, sagt Ilse Henne und setzt sich in den passenden rosa Sessel gegenüber, an den Füßen trägt sie rote Mary Janes. 2024 ist Henne in das Eckbüro im „K1“ gezogen, dem würfelförmigen Hauptsitz von Thyssenkrupp in Essen, sie wurde Vorstand des traditionsreichen Industriekonzerns, bis heute als einzige Frau. Und wie es sonst so läuft, routinemäßig eben, wäre damals ein chromkantiges, schwarzes Ledersofa eingezogen. „Das habe ich verhindern können“, sagt Henne. Die 54-Jährige sagt das nicht in einem harten Ton. Ihr belgischer Akzent erweicht sogar deutsche Konsonanten. Härte ist überhaupt im Gespräch an diesem Tag nie erkennbar, Bestimmtheit hingegen schon.
