SZ 08.10.2026
10:42 Uhr

(+) Thomas Huber über Laura Dahlmeier: „Ich habe zum Heulen angefangen, weil ich gewusst habe, wir kommen zu spät“


Bei der SZ-Veranstaltung „Was uns der Berg lehrt“ spricht Bergsteiger Thomas Huber über Extremsituationen, über das Scheitern und auch darüber, wie er den Tod von Laura Dahlmeier verarbeitet hat.

(+) Thomas Huber über Laura Dahlmeier: „Ich habe zum Heulen angefangen, weil ich gewusst habe, wir kommen zu spät“
Ein SZ-Live-Abend über die Faszination der Berge: Extremkletterer und Bergsteiger Thomas Huber hält einen Vortrag über seine Erfahrungen.
Foto: Robert Haas

Thomas Huber ist glatte Granitwände im Yosemite Valley emporgekraxelt, hat Erstbesteigungen im Karakorum gemeistert und war bei Expeditionen in der Antarktis – doch manchmal steht auch der Ältere der zwei Huberbuam vor schier unüberwindbaren Hindernissen. Etwa auf der stauträchtigen A8. „Es ist gar nicht so einfach, von Berchtesgaden hierher nach München zu kommen“, stellt der trotzdem gut gelaunte 59-Jährige zu Beginn seines Vortrags fest – und sorgt damit für viel Heiterkeit unter den 800 Besucherinnen und Besuchern im bis auf den letzten Platz besetzten „Backstage“.

Dort soll es an diesem Abend jedoch nicht um Ärgernisse auf der Autobahn gehen, sondern um Erfahrungen im Extremen. Und darum, „was uns der Berg lehrt“ – so der Titel dieser SZ-Veranstaltung. Im Falle von Thomas Huber hat der Extremkletterer aus Berchtesgaden zwischen und auf den Gipfeln dieser Welt nicht nur seinen persönlichen Lebenssinn gefunden, sondern auch Momente größter Erfüllung ebenso wie tiefster Traurigkeit.

Wie nah diese beiden Extreme bisweilen beieinanderliegen, erlebt der Bergsteiger 2025 im Choktoi-Tal im westlichen Karakorum in Pakistan. Dort will sich Thomas Huber an der Nordwand des 7145 Meter hohen Latok I versuchen – ein Berg, der ihm zuvor mehrfach die Grenzen aufgezeigt und ihn zum Umkehren gezwungen hat. Nach fünf Tagen im Basislager und kurz bevor es mit dem Aufstieg beginnen soll, erreicht den Deutschen und seine zwei Begleiter aus den USA jedoch eine erschütternde Nachricht: Am nahen Laila Peak ist eine Bergsteigerin verunglückt, die Thomas Huber gut kennt – vom gemeinsamen Klettern, aber auch vom gemeinsamen Bier trinken, wie er in seinem Vortrag erzählt. Ihr Name: Laura Dahlmeier, einst Spitzenbiathletin und Olympiasiegerin.

„Der Hubschrauber hat uns geholt, und wir sind zum Laila Peak rübergeflogen“, sagt Huber. „Wir waren hundertprozentig überzeugt: Wir klettern da rauf und holen sie runter.“ Doch als die Gruppe die verunglückte Dahlmeier aus dem Hubschrauber entdeckt, ist sofort klar, dass sie nicht mehr lebt. „Ich habe zum Heulen angefangen, weil ich gewusst habe, wir kommen zu spät“, erzählt Huber. Er steht nun vor der Frage: „Wie machst du danach weiter?“

Seine Antwort lautet: „Ich brauche die Stille der Berge. Und ich muss jetzt an die Grenze gehen zwischen Leben und Tod.“ Und so besteigen Huber und seine Kompagnons einen namenlosen Berg im Choktoi-Tal – eine spitze Felszinne, mehr als 6000 Meter hoch. Nach einem „extrem wilden Abenteuer“, so Huber, erreichen sie den Gipfel. „Wir berührten ein Stückchen Erde, wo noch niemand war.“ Und dort wiederum habe er „nicht nur Laura gespürt, sondern auch meine ganzen anderen Freunde“, sagt Huber. So sei ihm klar geworden: „Durch uns leuchtet ihr Lächeln weiter, deshalb gehe ich auch weiter in die Berge.“

Alexander Huber ist einer der bekanntesten Extremsportler Deutschlands. Er klettert ohne Seil die steilsten Felswände empor und fühlt sich sicher. Doch dann geht er zum Arzt und hört den Satz: Wir haben da in Ihrem Kopf etwas gefunden.

Derlei extreme Erfahrungen sind nur wenigen Spitzenkletterern wie Thomas Huber vorbehalten. Und doch können die Berge auch weit weniger ambitionierte Wanderer etwas lehren – das zeigt die anschließende Diskussion mit Moderatorin und SZ-Redakteurin Antonia Franz, dem Psychologen und Bergführer Jan Mersch sowie der Ultraläuferin Ida-Sophie Hegemann. Ihr Gespräch dreht sich vor allem um Rückschläge und vermeintliches Scheitern – sei es, wenn Bergsteiger kurz vor dem Gipfel umkehren müssen oder eine Ausdauerathletin ein Rennen abbrechen muss.

Sie habe das 2025 beim „Zugspitz Ultra Trail“ erlebt, sagt Hegemann – einem Lauf um Deutschlands höchsten Berg, über 167 Kilometer und mehr als 8000 Höhenmeter. Obwohl sich die 29-Jährige akribisch vorbereitet hatte, musste sie infolge einer Blasenentzündung nach 14 Stunden aufgeben. „Ich konnte nicht mehr kontrollieren, wo ich hintrete und nicht mehr klar sehen“, sagt Hegemann. „In dem Moment musste ich entscheiden: Für heute ist das eine Niederlage – aber ich bin überzeugt, dass mich das auf Dauer stärker macht.“ Tatsächlich trat die Trailrunnerin dieses Jahr erneut beim „Zugspitz Ultra Trail“ an und holte sich bei dem auf 75 Kilometer verkürzten Lauf den Sieg bei den Frauen.

Ganz ähnlich klingt das bei Thomas Huber, der in Pakistan bei sieben Expeditionen auf den Latok I den Gipfel kein einziges Mal erreicht hat. „Die meisten Menschen denken, ich bin siebenmal gescheitert“, sagt der Extremkletterer – und das habe auch er am Anfang geglaubt. „Aber dann habe ich gemerkt: Ich bin kein einziges Mal gescheitert, weil es immer wieder nach vorne geht.“ Und scheitern, sagt Thomas Huber, „tust du erst dann, wenn du aufgibst“.

Ums Scheitern, aber auch um menschliche Schicksale im Gebirge hat sich im vergangenen Sommer die SZ-Serie „Drama am Berg“ gedreht. Sie erzählt unter anderem die Geschichte eines Bergführers, der zweimal vom Blitz getroffen wurde, sowie von der 14-jährigen Eva, die beim Klettern mit ihrem Vater abstürzte – er starb, sie dagegen überlebte. Die Serie sei bei der Leserschaft auf große Resonanz gestoßen, sagt SZ-Redakteurin Nadeschda Scharfenberg. Und angesichts der vielen Themenideen und möglichen Protagonistinnen und Protagonisten werde es im nächsten Sommer vermutlich eine zweite Staffel von „Drama am Berg“ geben.

Die Natur der Berge ist für viele eine Kraftquelle. Sie kann aber auch zur tödlichen Gefahr werden. In dieser Serie porträtiert die SZ Menschen, die in den Bergen Schicksalhaftes erlebt haben.

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