|
28.05.2026
14:19 Uhr
|
Der TSV 1860 steht vor dem Absturz in die Regionalliga. Investor Hasan Ismaik verweigert weiter die nötigen 2,7 Millionen Euro für die Drittliga-Lizenz – und meldet sich nun selbst zu Wort.

Als die SZ am Mittwoch Hasan Ismaik erreichte, verwies der Investor zunächst darauf, für Fragen zum TSV 1860 München sei ausschließlich sein Vertreter „Mr. Herbert“ zuständig: Aufsichtsratschef Herbert Bergmaier. Der Ismaik-Statthalter wollte sich zu den aktuellen Vorgängen bei den Löwen – Ismaik hat Darlehen gekündigt, 2,7 Millionen Euro fehlen, der Lizenzentzug und der Sturz in die Regionalliga droht – jedoch nicht öffentlich äußern. Als die SZ Ismaik per Whatsapp darauf hinwies („Mr. Herbert does not talk“), überlegte es sich der Investor offenkundig anders – und gab doch noch eine eigene Stellungnahme heraus.
Es gelte, „eine wichtige Wahrheit“ zu akzeptieren, schrieb Ismaik in den sozialen Medien: „Das Problem kann nicht weiter von einer Saison zur nächsten allein durch neue Darlehen aufgeschoben werden.“ Diese Wahrheit entspricht der seit Jahren bestehenden Auffassung der Vertreter des Stammvereins. Sie stimmten im Aufsichtsrat der Profifußball-KGaA gegen Budgeterhöhungen zum Zwecke sportlicher Aussichten; diese Erhöhungen wurden dann von den Investorenvertretern durchgesetzt, die in dem Gremium die Mehrheit haben. Mittlerweile hat Ismaik seine Vertreter im Aufsichtsrat, der über die Budgethoheit verfügt, allerdings ausgetauscht.
Lässt sich die Situation beim TSV 1860 bis zum 3. Juni noch retten? In der Auseinandersetzung mit Hasan Ismaik geht es bereits um Szenarien für die Zukunft. Eine seiner Forderungen hat es in sich.
Seine neuen Vertreter, darunter Bergmaier und Biel Ballester Relat, stimmten unlängst noch einer „Weiterführung der Finanz- und Investitionsplanung“ zu; demnach sinkt der Drittliga-Etat zur kommenden Saison von mehr als sechs auf knapp über vier Millionen Euro. Ganz im Sinne von Ismaiks Stellungnahme: „Manchmal ist es notwendig, einen Schritt zurückzugehen, um eine solide und stabile Zukunft aufzubauen. Wenn der Verein von Grund auf neu aufgebaut werden muss, dann müssen wir dies mit Mut und Realismus tun.“ Entscheidend sei „nicht, in welcher Liga wir heute spielen, sondern dass wir einen Verein aufbauen, der in der Lage ist, stark zurückzukehren und über viele Jahre hinweg fortzubestehen“.
Das lässt sich so deuten, dass Ismaik nicht um jeden Preis die Zugehörigkeit zur dritten Liga und damit zum Profifußball erhalten will. „Wir müssen uns konzentrieren auf finanzielle Stabilität, den Aufbau einer Mannschaft mit echtem Spirit, die Unterstützung des Nachwuchsleistungszentrums und die Arbeit im Rahmen realistischer und klarer Möglichkeiten“, so Ismaik. Einen solchen Ansatz vertritt auch der Unternehmer Bergmaier, der lange Jahre Vorsitzender der investorenkritischen Fangruppierung Pro 1860 war und sich dann mit Ismaik anfreundete.
Nachdem Ismaik in 15 Jahren etwa 80 Millionen Euro in 1860 investiert hat, ohne sportlichen Erfolg zu generieren, schrieb er nun: „Nach all diesen Jahren müssen wir ehrlich und unmissverständlich sein: Die derzeitige Situation kann so nicht weitergehen.“ Da wird ihm kaum jemand widersprechen. Und nachdem der Zweitliga-Aufstieg mit einem aufgemotzten Etat und großen Namen überdeutlich gescheitert ist, hat Ismaik offenkundig keine Lust mehr, Löcher für einen Drittliga-Verbleib zu stopfen. In einer „revised version“, einer Neufassung, seines Schreibens betonte Ismaik am Donnerstag, keine Institution könne auf Dauer von Übergangslösungen leben: „Ich sage das nicht, um jemandem die Schuld zu geben: nicht der Geschäftsführung, nicht den Fans, nicht dem Partner, nicht einmal mir selbst.“ Wenn die Löwen von Grund auf neu aufgebaut werden müssten, „selbst aus niedrigeren Ligen heraus, dann ist das keine Schande“.
Die Frage bleibt dennoch, warum er nun so kurzfristig das Darlehen gekündigt hat, das die kommende Lizenz sichern sollte – wenige Tage übrigens, bevor die nächsten Gehaltszahlungen an Spieler und Angestellte anstehen. Und obwohl einer der Darlehensverträge ihm das Recht festschreibt, dass der Stammverein gegen den Willen der Investorenseite keinen Geschäftsführer einsetzen kann.
Die offenkundige Antwort, wenn man das Kündigungsschreiben liest: Im Kern geht es um die Forderung, dass der e.V. auf sein Vorkaufsrecht bei einem Anteilsverkauf verzichtet. Ismaik beteuerte jedoch: „Wir haben zusätzliche Lösungen vorgelegt, die verhindern würden, dass der Verein in die Insolvenz fällt, und ihm die Möglichkeit gegeben wird, Stabilität zu erreichen, unter Wahrung der Rechte des Vereins und seiner Fans.“ Und im Rahmen der Neufassung wurde er noch konkreter: Er wolle klarstellen, „dass wir entgegen der kursierenden Information von dem e.V. nicht den Verzicht auf Vorerwerbs- und/oder Vorkaufsrechte fordern. Sämtliche Rechte des e.V. sollen insofern erhalten bleiben.“ Damit widersprach Ismaik auf bemerkenswerte Weise dem Schreiben seiner eigenen Firma von vor einer Woche.
Andere seiner sieben Forderungen bestätigte Ismaik in seiner Stellungnahme: „Der Verein braucht mehr als nur eine neue Finanzierung. Er braucht eine echte Restrukturierung, ein klares Finanzkontrollsystem, Compliance – und ein Management, das nach modernen institutionellen Standards arbeitet, wie es bei erfolgreichen Vereinen und Unternehmen längst üblich ist.“ Das klingt nach großen Maßstäben für einen möglichen Regionalligisten.
Nahezu poetisch eröffnete Ismaik seine Neufassung. „Es gibt Momente in der Geschichte jedes Vereins, in denen die Frage nicht mehr lautet: Wer lag falsch? Wer hatte recht? Wer hat gewonnen? Wer hat verloren? Sondern die eigentliche Frage lautet: Haben wir noch den Mut, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen?“ Der Verein brauche „etwas Tieferes als Begeisterung, etwas Beständigeres als Versprechen und etwas Ehrlicheres als Parolen“.
In München gibt es neben dem FC Bayern auch den TSV 1860 München: einen großen Fußballverein mit Tradition, der einst vorn in der Bundesliga mitspielte. Doch seit Jahrzehnten schlittern die Löwen von einer Krise in die nächste. Wer ist schuld an diesem Absturz?
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien
Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: