SZ 05.06.2026
19:02 Uhr

(+) TSV 1860 München: Eine große Geschichte – und ein riesiger Absturz


Wer ist Hasan Ismaik, was ist HAM – und wieso ist der TSV 1860 in so schlechter wirtschaftlicher Lage, obwohl er so viele Zuschauer hat? Sieben Fragen und Antworten für Löwen-Neulinge.

(+) TSV 1860 München: Eine große Geschichte – und ein riesiger Absturz

Wer ist Hasan Ismaik?

Bei seiner Vorstellung beim TSV 1860 in der Allianz-Arena im Jahr 2011 sagte Ismaik auf die Frage nach seiner Tätigkeit: „Erst habe ich studiert, dann wurde ich Kaufmann.“ Sehr viel mehr wussten auch die Verantwortlichen des TSV 1860 nicht über ihn. Der heute 48-Jährige handelte demnach erfolgreich mit Immobilien und Öl und profitierte vom Immobilienboom 2007 im Nahen Osten. 2014 wurde er vom Wirtschaftsmagazin Forbes als erster Milliardär Jordaniens genannt. Wenn er in München auftauchte, präsentierte er sich je nach Anlass freundlich, humorvoll und gebildet – oder auch cholerisch.

Was ist sein Unternehmen?

Ismaik besitzt mehrere Unternehmen. Die Firma HAM, die nach seinem Vornamen Hasan Abdullah Mohamed benannt ist, wurde eigens für die Beteiligung am TSV 1860 München gegründet, wie im Kooperationsvertrag zu lesen ist: „Bei der HAM handelt es sich um ein Unternehmen in der Rechtsform der Limited. Die HAM ist ein in den Vereinigten Arabischen Emiraten für den Zweck dieses Vertrages gegründetes Unternehmen.“ Zudem hat Ismaik im Zusammenhang mit den Löwen noch die in München ansässige Firma HI Squared, über die er die Merchandising GmbH des TSV 1860 zu 100 Prozent besitzt.

Nachdem der Stammverein der Löwen den Kooperationsvertrag gekündigt hat, erklärt der Investor, er wolle die „vertraglichen Rechte wahren“. Fans setzen die Spielbetriebsgesellschaft unter finanziellen Druck.

Wie viel hat er seit wann investiert?

Ismaik spricht stets von über 80 Millionen Euro, die er in den Klub investiert hat. Dabei rechnet er den Kaufpreis der Anteile (18 Millionen) hinzu. Wenn man sich vorstellt, er hätte das Geld seit 2011 erfolgreich angelegt, beispielsweise in ETFs, ist sein Verlust allerdings mindestens doppelt so hoch.

Wann begann der Niedergang des TSV 1860?

Der Niedergang begann mit einer folgenschweren Kombination: Der frühere Präsident Karl-Heinz Wildmoser entschied sich, gemeinsam mit dem FC Bayern die Allianz-Arena zu errichten. Und dann stieg der TSV 1860 kurz vor deren Eröffnung im Jahr 2004 aus der Bundesliga ab. Als Zweitligist konnte er in der überdimensionierten Arena mit ihren immens hohen Kosten nicht überleben. Er trat seine Anteile ab und wurde zum Mieter, jedoch zu Konditionen, die ihm ebenfalls die Luft zum Atmen nahmen. 2011 verhinderte Ismaik mit seinem Einstieg die Insolvenz – und zahlte noch sechs Jahre lang Miete an die Bayern, ehe 1860 im Jahr 2017 erstmals in die Regionalliga stürzte und ins Grünwalder Stadion umzog.

Warum ist 1860 in so schwieriger wirtschaftlicher Lage, wenn es doch immer so viele Zuschauer hat?

Das Grünwalder Stadion ist für viele Löwenfans die Heimat, aus wirtschaftlicher Sicht ist es in seinem momentanen Zustand aber auch kein idealer Spielort. Die Erlössituation ist durch fehlende Namensrechte und vor allem fehlende Business Seats und Logen gegenüber fast allen anderen Profivereinen nachteilig. Zahlungskräftiger Kundschaft kann der TSV 1860 nur einen Vip-Bereich am Trainingsgelände mit Shuttlebus zum Stadion anbieten. Entscheidend für die aktuelle Finanznot: In den Budgetplanungen durch den Aufsichtsrat, in dem Ismaiks Vertreter die Mehrheit hatten, wurde regelmäßig ein Minus im Millionenbereich einkalkuliert, um den Kader zu verstärken und die Wahrscheinlichkeit eines Zweitliga-Aufstiegs zu erhöhen. So auch diesmal – nur dass Ismaik den damit verbundenen Darlehensvertrag plötzlich kündigte.

Und hat der Verein denn nicht eine richtig große Geschichte?

Passenderweise waren die Sechziger am erfolgreichsten in den Sechzigerjahren. 1963 qualifizierte sich der Klub für die Bundesliga, damit gehört er – im Gegensatz zum FC Bayern – zu ihren Gründungsmitgliedern. 1964 gewann der TSV 1860 den DFB-Pokal, 1965 stand er im Europapokal-Finale der Pokalsieger. Und er wurde 1966 deutscher Meister, also genau vor 60 Jahren. In dieser Saison gab es das erste Bundesligaderby gegen die Bayern. Mit dem Abstieg des TSV 1860 in die Zweitklassigkeit im Jahr 1970 änderten sich die Kräfteverhältnisse, doch die Löwen tauchten bis zu den Achtzigerjahren durchaus noch das eine oder andere Mal in der Bundesliga auf. Die zweite große sportliche Ära war dann unter Wildmoser – mit zehn Jahren Bundesliga von 1994 bis 2004 und dem Höhepunkt Champions-League-Qualifikation gegen Leeds United im Jahr 2000.

Der Stammverein des TSV 1860 arbeitet daran, den Spielbetrieb für die Regionalliga zu sichern. Es geht um Spielerverträge, Sponsoren, Miete – und darum, was für ein Wappen auf den Trikots prangt.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: