SZ 22.04.2026
15:23 Uhr

(+) Serie A: Der „Caso Escort“ beschäftigt Italiens Fußball


70 Profis aus der Serie A, darunter italienische Nationalspieler, sollen Kunden einer Mailänder Escortagentur gewesen sein. Gegen die ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen „Ausbeutung und Beihilfe zur Prostitution“.

(+) Serie A: Der „Caso Escort“ beschäftigt Italiens Fußball

Hinterland, so nennt man auf Italienisch den Speckgürtel, der sich um die Stadt Mailand zieht. Wer die schönsten Seiten der norditalienischen Metropole kennenlernen möchte, sollte im Zentrum bleiben, zwischen dem eleganten Brera, der feinen Einkaufsstraße Via Montenapoleone oder im schönen Navigli. Wer hingegen mal die echte, in Teilen finstere Stadt kennenlernen möchte, kann zum Beispiel nach Cinisello Balsamo hinausfahren: Im nördlichen Hinterland verbergen sich die Geschichten, die man sich rund um den Duomo meistens nur zuraunt. Gelegentlich aber kommt die ganze Wahrheit ans Licht.

Ein handfester Skandal beschäftigt derzeit die italienischen (Sport-)Medien, er findet seinen Ursprung in Cinisello Balsamo: Dort hatte „Ma.De Milano“ seinen Unternehmenssitz, eine sogenannte Eventagentur, die für ihre Angestellten offenbar auch Unterkünfte im Hinterland zur Verfügung gestellt hatte. Eine große Zahl „sehr junger“ Frauen arbeitete für „Ma.De Milano“, die meisten von ihnen seien zwischen 18 und 20 Jahren alt gewesen. So steht es in den Ermittlungsakten der Mailänder Staatsanwaltschaft und der Guardia di Finanza, der Finanzpolizei. Dort steht auch, was sich hinter der Eventagentur wirklich verbarg: eine Escortagentur, mit besten Kontakten in die italienische Promi- und Sportwelt.

Im türkischen Wettskandal sind offenbar auch 27 Spieler der Süper Lig betroffen, dazu gehören Profis der Spitzenklubs Galatasaray Istanbul und Besiktas.

Wegen „Ausbeutung und Beihilfe zur Prostitution“ wird gegen die Agentur ermittelt. Das Paar an der Spitze sowie zwei andere Mitarbeiter stehen unter Hausarrest. Es geht um 1,2 Millionen Euro an Einnahmen, die in den vergangenen zwei Jahren offenbar nicht versteuert wurden, und darum, wie mit den Frauen umgegangen wurde. Vor allem aber geht es im Caso Escort um einen Einblick in eine (Un-)Kultur, über die man immer wieder Gerüchte hörte, ohne aber einen Einblick zu bekommen: Die Inanspruchnahme von sexuellen Dienstleistungen ist offenbar in Mailand unter den gesellschaftlich in Italien hoch angesehenen Fußballern noch weiter verbreitet als bislang angenommen.

Die Namen von mindestens 70 Spielern aus der Serie A finden sich laut Angaben der Nachrichtenagentur Ansa in den Dokumenten. Spieler von Inter Mailand, der AC Milan, von Juventus und FC Turin sowie aus Verona, Sassuolo und Monza haben die Dienste der Agentur in Anspruch genommen. Das Online-Magazin „Open“ publizierte sogar einige offenbar in den Akten nicht verdeckte Namen, darunter die mehrerer italienischer Nationalspieler.

Für sie gab es anscheinend sogar ein eigenes Programm: Der „servizio dopopartita“, der Service nach dem Spiel, richtete sich gezielt an Fußballer, offenbar oftmals jene der Gastmannschaften. Treffen für mehrere tausend Euro wurden dann entweder in schicken Nachtclubs im Zentrum, in einem Hotel oder gleich im privaten Umfeld organisiert. Zum Service hätten nicht nur junge Frauen gezählt, sondern auch eine Versorgung mit Lachgas. Ein sogenannter „Ballon“ gilt in der Szene als aufputschende Droge, kann allerdings bei Dopingkontrollen nicht nachgewiesen werden und sei daher besonders bei Fußballern beliebt, wie aus den Chats der Organisatoren hervorgeht.

Auch Formel-1-Fahrer und olympische Eishockeyspieler tauchen in diesen Protokollen auf. Teilweise wurden auch Reisen auf die griechische Insel Mykonos oder in die Karibik organisiert. Nicht selten hatte das Konsequenzen: Eine der Frauen sagte aus, sie sei nach einem Treffen mit einem Fußballer schwanger geworden, sie wisse allerdings weiterhin nicht, von wem.

Rechtliche Konsequenzen drohen den Fußballern nicht. Gegen sie wird derzeit nicht ermittelt, da die Inanspruchnahme der Dienste in Italien keine Straftat darstellt. Die gesamten Auswüchse des Prostitutionsrings allerdings werden noch untersucht, der Fall führt derzeit zu mehr Aufmerksamkeit für einige der dunkleren Ecken Mailands, im Hinterland wie im Zentrum: Die berüchtigte Partyszene mit ihren Diskotheken und zahlreichen Escortagenturen ist durch den Fall (mal wieder) in den Fokus gerückt. Genauso wie die Frage nach dem Charakter der großen Helden, als die Fußballer in Italien gerne verehrt werden. Die Zeitung La Stampa nannte die Ermittlungen in Erinnerung an den großen Manipulationsskandal der Serie A vor etwa 20 Jahren das „Calciopoli delle Escorts“.

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