SZ 26.03.2026
14:58 Uhr

(+) Prozess in München: Pfarrer soll Jugendliche nach Oktoberfestbesuch missbraucht haben


Laut Staatsanwaltschaft nutzte der katholische Seelsorger das Vertrauen der Opfer aus, die gerade ihre Väter verloren hatten, und vergriff sich an ihnen. Mehr als 20 Jahre nach den mutmaßlichen Taten sitzt er jetzt auf der Anklagebank.

(+) Prozess in München: Pfarrer soll Jugendliche nach Oktoberfestbesuch missbraucht haben

Michal R. (Name geändert) hat die Hände übereinander gefaltet, den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen. Fast möchte man an einen Büßer denken, der aufrichtig bereut, was man ihm vorwirft: Staatsanwältin Susanne Heinrich trägt vor, wie der 58-Jährige das Vertrauen zweier Buben, deren Väter gerade verstorben waren, als Pfarrer ausgenutzt und sie mehrfach sexuell missbraucht haben soll. Einmal soll der Seelsorger sogar mit den Jugendlichen nach München gefahren sein und sie auf dem Oktoberfest mit Bier abgefüllt haben, um sich später im Hotelzimmer an den nahezu bewusstlosen jungen Männer zu vergreifen. Vor dem Landgericht München I will R. nun „Verantwortung übernehmen“, wie er sagt.

Die Taten, die dem Angehörigen des katholischen Ordens „Deutsche Provinz der Pauliner“ vorgeworfen werden und die er zum Prozessauftakt auch einräumt, liegen mehr als 20 Jahre zurück. Es ist zu vermuten, dass die beiden jungen Männer das Geschehene lange Zeit verdrängt hatten – bis sich einer von ihnen wieder erinnerte, jahrelang mit sich kämpfte und schließlich Anzeige bei der Polizei erstattete.

Zu besagter Tatzeit, etwa 2004 bis 2005, war Michal R. als Seelsorger in eine kleine Gemeinde im Breisgau bei Freiburg entsandt. Im Dachgeschoss des Pfarrheims hatte er einen Raum eingerichtet, in dem er sich mit männlichen Jugendlichen seines Pfarrverbandes traf. Dazu besorgte der Pfarrer Alkohol, man schaute Videos, feierte, rauchte – bei heruntergelassenen Rollos. Bei den mehrmals wöchentlich stattfinden Treffen soll sich der Angeklagte „den angetrunkenen oder betrunkenen Jugendlichen auch körperlich“ genähert haben, so die Anklageschrift.

Unter diesen Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren befanden sich auch die später geschädigten Robert L. und Peter V. (Namen geändert). Der Vater von Robert L. war gerade gestorben, als der Pfarrer gezielt Kontakt zu L. suchte und fragte, ob er nicht Ministrant in seiner Kirche werden wolle. Er lud den 14-Jährigen ins Dachzimmer ein, machte ihm teure Geschenke wie einen Computer oder eine Snowboardausrüstung und inszenierte sich laut Staatsanwaltschaft als Vaterersatz. „Sie haben behauptet, sie hätten mit dem Opfer eine Beziehung geführt“, hält eine Gutachterin im Prozess dem Angeklagten vor. Dazu schweigt er.

Auch Peter V. hatte seinen Vater verloren. Und Michal R. tauchte bei der evangelischen Trauerfeier uneingeladen auf. Er lud den Heranwachsenden zu den Saufgelagen im Dachzimmer ein. Wenn die Jugendlichen jeweils alleine mit dem Pfarrer und betrunken waren, soll  er sich an ihnen vergriffen, Nacktfotos angefertigt und sie begrapscht haben. Einem erklärte er laut Anklage, dass Sexualkontakte zwischen Männern zum Erwachsenwerden dazu gehören würden.

Im Jahr 2005 fuhr der Pfarrer mit den beiden Jugendlichen zum Oktoberfest: Michal R. zahlte die Fahrt, die Verpflegung, das Bier – und ein Hotelzimmer. Am Ende, so steht es in der Anklage, seien die beiden Jugendlichen so betrunken gewesen, „dass sie nicht mehr in der Lage waren, einen eigenen Willen zu bilden“. Im Hotelzimmer soll der Pfarrer die nahezu bewusstlosen Jugendlichen missbraucht haben, von denen sich einer noch mehrfach übergab. Die Geschädigten sagten später, sie hätten sich „leer und schuldig“ gefühlt.

Nach der Anzeige im Jahr 2023 durchsuchte die Polizei die Wohnung von Michal R. und fand auf seinem Smartphone acht jugendpornografische Bilder. „Die stammen aus meinem Handeln“, räumt R. vor Gericht ein. Verteidiger Thomas Novak erklärt, sein Mandant habe Entschuldigungsbriefe geschrieben und bereue seine Taten zutiefst. Auch R. versichert, dass so etwas nie wieder vorkommen werde. „Mein Handeln war falsch und moralisch inakzeptabel.“ Er sei zu dieser Zeit in eine Alkoholsucht gerutscht, „ich wurde immer eingeladen, ich habe die Kontrolle über mich verloren“.

Bei einem Volksfest in seiner Gemeinde sei er rausgeschmissen worden, weil er so betrunken gewesen sei. Er habe mittags mit dem Alkohol begonnen, in diesem Zustand Gottesdienste abgehalten, bis ihn eine Frau angesprochen habe. Da habe er um seine Versetzung gebeten, er habe einen Schlussstrich ziehen wollen. In dem neuen Kloster in Bayern gebe es jetzt gar keine Suchtmittel mehr, „weil ein Mitbruder drogenabhängig war“.

Aber er habe trotzdem von dort aus wieder Kontakt zu den Jugendlichen im Breisgau aufgenommen, hält ihm die Staatsanwältin vor. Michal R. blickt wieder auf seine gefalteten Hände. Und schweigt. Ein Urteil wird Anfang April erwartet.

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