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25.03.2026
12:12 Uhr
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Die Bande soll wie ein Unternehmen organisiert sein und Millionen Euro umgesetzt haben. Nun erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage gegen zwei Männer – darunter der mutmaßliche Koordinator für den Verkauf in München. Gegen einen dritten wird wegen versuchten Mordes ermittelt.

Am 2. Dezember schießt die Münchner Polizei auf einen mutmaßlichen Komplizen der „Firma“, als dieser mit seinem Auto auf einen Beamten zurast. Catherina Hess
Ihr Geschäft: der Handel mit Kokain. Ihre Kooperationspartner: die montenegrinischen, serbischen und kroatischen Clans des berüchtigten „Balkan-Kartells“. Ihr Name: „die Firma“. Ermittler von Zollfahndung und Polizei sowie Staatsanwälte aus München und Frankfurt am Main sind dabei, die kriminellen Geschäftsbeziehungen einer gut strukturierten Bande der organisierten Kriminalität ans Licht zu bringen. Mindestens 36 Mitarbeiter der „Firma“ haben sie schon aus dem Verkehr gezogen. Gegen zwei mutmaßliche Bandenmitglieder wurde jetzt in München Anklage erhoben.
Der Beschuldigte F. soll nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft München I und der „GER Südbayern“ – das ist die Gemeinsame Ermittlungsgruppe Rauschgift des Zollfahndungsamts München und des Bayerischen Landeskriminalamts – sowie des Kommissariats 82 im Münchner Polizeipräsidium seit dem Jahr 2021 für die „Firma“ als Koordinator und Disponent für den Verkauf von Kokain in Süddeutschland und besonders im Münchner Stadtgebiet tätig gewesen sein. Offenbar ein lukratives Geschäft für F. und die „Firma“: Drei Millionen Euro soll der Kroate durch den Weiterverkauf der Drogen erwirtschaftet haben. Geld, das die Staatsanwaltschaft München I am Ende der Hauptverhandlung, deren Termin bislang nicht feststeht, einziehen möchte.
Ein Fahnder der Polizei zeigt bei einer Tour durch die Samstagnacht, wie in München konsumiert und gedealt wird. Nicht diskret, sondern beinahe unverschämt offen.
Nach Angaben einer Sprecherin der Staatsanwaltschaft besteht der „Verdacht, dass der 39-Jährige für die Koordinierung der aus Frankfurt eintreffenden Rauschgiftkuriere, den Weiterverkauf des angelieferten Kokains sowie den Rückfluss des hierdurch erwirtschafteten Bargeldes verantwortlich war“. Das Kokain stammt nach Erkenntnissen der Ermittler ursprünglich aus Bolivien und wurde durch Mitglieder der „Firma“ in den Niederlanden und in Brüssel angekauft.
Der Beschuldigte F. wurde Anfang Dezember bei einem spektakulären Einsatz zur Mittagszeit in der Münchner Fußgängerzone festgenommen. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. Fahnder waren bereits am Tag zuvor darauf aufmerksam geworden, dass der Verdächtige aus Bosnien nach München zurückgekehrt war.
In der Sendlinger Wohnung des Mannes stellten die Ermittler drei Rolex-Uhren und 16 5000 Euro Bargeld sicher. 4,5 Kilogramm Kokain seien ebenfalls in der Wohnung gefunden worden, hieß es im Dezember im Zusammenhang mit der Festnahme. Insgesamt soll der Kroate von Oktober 2023 bis Oktober 2024 im Stadtgebiet von München 123 Kilogramm Kokain verkauft haben, ehe er sich nach Bosnien absetzte. Elf Fälle glaubt die Münchner Staatsanwaltschaft ihm nachweisen zu können. Für Drogenhandel „in nicht geringer Menge“ sieht das Betäubungsmittelgesetz eine Mindeststrafe von fünf Jahren vor. Der Mann soll zuletzt eine „herausgehobene Rolle“ in „der Firma“ gespielt haben.
Besonders brisant ist der Fall, weil zumindest der mutmaßliche Münchner „Firma“-Großdealer nach Informationen der Süddeutschen Zeitung mit dem berüchtigten „Balkan-Kartell“ vernetzt gewesen sein soll. Dabei handelt es sich um ein Geflecht krimineller, teils kooperierender, teils konkurrierender Clans aus Serbien, Montenegro, Kroatien, Bosnien und Slowenien. Ein brutaler Krieg zwischen zwei verfeindeten Gruppierungen der organisierten Kriminalität, die aus benachbarten Dörfern in der Bucht von Kotor stammen, soll mittlerweile bis zu 100 Tote gefordert haben.
Gegen 33 weitere Mitglieder der im Jahr 2019 gegründeten „Firma“ ermittelt seit Jahren die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main. Allein 2020 machte die Gruppierung mit dem Verkauf von 380 Kilogramm Kokain einen Umsatz von mehr als zehn Millionen Euro. In den Jahren 2023 und 2024 brachte die „Firma“ nach Erkenntnissen aus Frankfurt noch einmal 725 Kilogramm Kokain für etwa 15,5 Millionen Euro auf den illegalen Markt.
Die Bande hatte tatsächlich eine unternehmensähnliche Struktur: Mitglieder wurden nach festgelegten Tarifen bezahlt. So erhielt etwa der Koordinator ein monatliches Festgehalt. Die Entlohnung der Kuriere richtete sich nach der Menge der transportierten Drogen, bei einem Grenzübertritt verdoppelte sich das Honorar.
Acht Mitglieder der „Firma“, zwei Geschäftspartner und einer ihrer „Geldwäscher“ wurden nach Angaben der Münchner Staatsanwaltschaft vom Landgericht Frankfurt bereits zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Etwa 8,5 Millionen Euro wurden eingezogen. Fünf weitere Mitglieder der „Firma“ wurden in Frankfurt mittlerweile angeklagt, unter ihnen ein 58-Jähriger, der für den Einsatz der Kuriere und die Verteilung des Kokains zuständig gewesen sein soll. Mehrere Mitglieder und Geschäftspartner der „Firma“ sitzen in Kroatien, Italien und der Schweiz in Haft.
Auch in München haben Ermittler weitere Tatverdächtige aus dem Netzwerk der „Firma“ festgenommen. Ende November ging ihnen ein mutmaßlicher Komplize des 39-Jährigen ins Netz. In seiner Tiefgarage entdeckten die Fahnder die bislang größte Menge an Kokain im Stadtgebiet München: 22 Kilogramm. Anfang März wurde gegen den Beschuldigten S., der in Untersuchungshaft sitzt, Anklage erhoben.
Ein weiteres Ermittlungsverfahren richtet sich gegen einen Mann aus Obersendling. Auch er soll ein Komplize des mutmaßlichen „Firma“-Großdealers F. sein. Ihm wird nicht allein Drogenhandel vorgeworfen, sondern auch versuchter Mord. Als Polizisten den Mann am 2. Dezember – unmittelbar nach dem Großeinsatz gegen F. – festnehmen wollten, raste er mit seinem Auto auf einen Polizisten zu. Ein Schuss aus einer Polizeiwaffe traf den 34-Jährigen in den Arm und stoppte ihn. In seiner Wohnung fanden die Ermittler drei scharfe Schusswaffen samt Munition, eine ballistische Schutzweste und falsche Papiere. Auch dieser Verdächtige sitzt in Untersuchungshaft.
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