SZ 31.05.2026
16:06 Uhr

(+) Netflix: Emily wohnt nicht mehr hier


Die Kultserie „Emily in Paris“ wird eingestellt. Für Fans eine traurige Nachricht – aber was bedeutet das für jene Menschen in Paris, die damit ihr Geld verdient haben? Ein Spaziergang durch die französische Hauptstadt.

(+) Netflix: Emily wohnt nicht mehr hier
Sie ist Emily – oder sollte man besser sagen: Sie war es. Lily Collins bei der Weltpremiere der fünften Staffel im vergangenen Dezember. Aurelien Morissard/AP/dpa

Eine braune Eingangstür aus Holz, wie es so viele in Paris gibt: Keine Tafel, keine Erklärung – für Nichteingeweihte erschließt sich nicht, warum ausgerechnet hier auf dem Place de l’Estrapade im 5. Arrondissement von Paris Dutzende Menschen anstehen, um sich vor diesem Haus mit der Nummer 1 fotografieren zu lassen. Und zwar nicht nur Teenager, sondern auffallend viele Frauen jenseits der 50. Denn da, genau da hat ihre Heldin gewohnt. Seit Oktober 2020 läuft bei Netflix die Serie „Emily in Paris“, die die Geschichte einer jungen amerikanischen Marketingmanagerin erzählt, die nach Paris kommt und in einer kleinen Wohnung in diesem Gebäude lebt. Alles sehr romantisch, mit Wirren im Liebesleben und Job – was man halt so braucht für eine Handlung, die sich über mehrere Staffeln zieht.

Wer es genau wissen will, bucht eine „Emily in Paris“-Führung, die Auswahl ist mit mehr als drei Dutzend Anbietern groß. Die von Netflix autorisierte Tour kostet mindestens 52 Euro und dauert zweieinhalb Stunden. Aber Achtung! Hier wird ein Blick hinter die Kulissen geboten, der bei Hardcore-Fans Enttäuschung auslösen könnte. Denn Jasmin, die Führerin, gibt preis, dass nur in der ersten Staffel Emilys Apartment tatsächlich in diesem Haus war. Als zu sehen war, welcher Code für das Öffnen der Haustür eingegeben wurde und Fans daraufhin ins Treppenhaus und bis in die Wohnung stürmten, musste Netflix reagieren. Und offenkundig an die genervten Hausbewohner etwas zahlen, wie aus Jasmins Fingerbewegung zu schließen ist. Danach sah das Apartment „sehr nach Plastik“ aus, verrät sie – einfach andernorts nachgebaut.

Den Begriff „Fake“ nutzt sie danach noch mehrmals. Der pittoreske Blumenladen in der Serie ist in Wahrheit ein Copyshop. Das italienische Lokal „Terra Nera“ auf dem Platz war die Location für gleich drei Restaurants, wo Emily Lebensabschnittspartner traf. Und Jasmin gibt den Tipp, sich nicht als Emily-Fan in der Bäckerei „Moderne“ erkennen zu geben, weil man dort schon so genervt sei und die Kundschaft möglicherweise hinausschmeiße. Auch wenn das von Emily bevorzugte Pain au Chocolat dort mehr als bei der Konkurrenz kostet.

Segen und Fluch zugleich ist diese Serie, der „Emily“-Effekt sichert Jobs und ermöglicht höhere Preise. Damit wirbt eine Immobilienfirma, die gerade drei Objekte am ursprünglichen Drehort zum Kauf anbietet. Wie Quentin Girot von der Immobilienagentur Junot der Zeitung Le Parisien sagte, habe die Serie den Ruf der Gegend und ihre Attraktivität für Immobilien gesteigert. „Der Platz ist dank der Serie zu einer Ikone geworden. Der Verkauf einer Wohnung hier bedeutet einen Mehrwert.“

Die 152 Quadratmeter große Vierzimmerwohnung und das 31 Quadratmeter große Studio im dritten Stock werden für 3,8 Millionen Euro beziehungsweise 20 765 Euro pro Quadratmeter angeboten. Dieselben Eigentümer verkaufen eine 40 Quadratmeter große Zweizimmerwohnung im selben Stockwerk für 650 000 Euro – das sind 16 250 Euro pro Quadratmeter. Vor allem amerikanische Kunden fühlten sich angezogen, sagt der Immobilienmakler. „Es gibt Käufer, die ihre eigene Version von ‚Emily in Paris‘ leben oder das Haus ihren Kindern vererben möchten. Sie fühlen sich vertraut, und aus Investorensicht ist es eine sichere Anlage.“

Nun könnte Kunden eine Nachricht verunsichern, die vergangene Woche verbreitet wurde: Netflix plant, die Serie nach sechs Staffeln einzustellen. Die Dreharbeiten zu den letzten Episoden laufen schon – in Griechenland. In der fünften Staffel war Emily bereits unterwegs in Rom und Venedig, was den Namen der Serie etwas ad absurdum führt.

Ob die Wohnungen an dem Place de l’Estrapade bereits verkauft sind, darüber gibt die Immobilienfirma keine Auskunft. Das Aus bedeutet jedenfalls für Veranstalter in Paris, die den gesamten Emily-Kosmos vermarkten – von Shoppingtouren über Foodführungen bis zu Bootsfahrten – absehbar wirtschaftliche Einbußen. Rund um Emily hat sich eine gut laufende Merchandising-Maschinerie etabliert: Es gibt alles – Parfum, Handyhüllen oder Handtaschen. Angefeuert wird der Verkauf durch Produktplatzierungen, die sich Netflix auch bezahlen lassen soll: So war die Luxustasche „Peekaboo“ auffällig deutlich in der zweiten Folge der fünften Staffel zu sehen, noch vor dem Start brachte Fendi eine exklusive Kollektion auf den Markt mit Preisen bis zu 7700 Dollar.

Für vergleichsweise bescheidene 45 Euro preist Jasmin während der Führung den acht Frauen und dem einen Mann ihre Kappe mit dem „Emily in Paris“-Logo an. Noch hofft sie, dass es nicht endgültig „Au revoir“ heißt. Denn als Emily nach Rom entschwand, soll der französische Präsident Emmanuel Macron persönlich angerufen haben, um Netflix zur Rückkehr nach Paris und zur Fortsetzung der Serie zu bewegen. Die genervten Bewohner auf dem Place de l’Estrapade sind jedenfalls froh, wenn wieder mehr Ruhe einkehrt.

Richard Linklater erzählt in seiner Komödie „Nouvelle Vague“ von den Dreharbeiten zu Jean-Luc Godards Klassiker „Außer Atem“. Eine zauberhafte Zeitreise ins verrauchte Paris der Fünfziger.

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