|
22.03.2026
19:29 Uhr
|
Berchtesgadener Land, Rottal-Inn, Main-Spessart, Donau-Ries – die schwarze Karte der Landkreise erhält quer durch den Freistaat orangefarbene Flecken, FW-Kandidaten reüssieren. Der Abend sieht nach einem Triumph für Parteichef Hubert Aiwanger aus.

Der historische Wahlsonntag beginnt für Hubert Aiwanger mit einem Dämpfer. Es ist kurz nach 18 Uhr, Aiwanger hat gerade im Sitzungssaal des Landshuter Landratsamts Platz genommen und tippt auf seinem Handy herum. „Schaut nicht gut aus“, sagt er. Seine Freien Wähler liegen laut der ersten Prognose unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde, ihnen droht der Rauswurf aus dem Landtag in Rheinland-Pfalz.
Doch das war es dann auch mit den schlechten Nachrichten an diesem Wahlabend. Denn etwas später bricht für die Freien Wähler in Bayern eine Erfolgswelle los, deren Wucht man an diesem wolkenlosen Märztag noch gar nicht voll abschätzen kann.
In der zweiten Runde der bayerischen Kommunalwahl gewinnt die Aiwanger-Partei nicht nur im Kreis Landshut, wo der neue Landrat Alfred Holzner heißt, bislang Bürgermeister in Aiwangers Heimatgemeinde Rottenburg an der Laaber. Auch in den 22 anderen Landratsstichwahlen gegen die CSU liegen die Freien Wähler fast überall vorn, selbst in traditionellen CSU-Hochburgen: Kelheim, Rottal-Inn, Straubing-Bogen, Donau-Ries, Berchtesgadener Land, Miesbach, Tirschenreuth. Es ist eine lange Liste.
Die Freien Wähler, danach sieht es gegen 21 Uhr aus, können die Zahl ihrer Landräte in Bayern von 14 auf 28 verdoppeln. In manchen Kreisen deklassieren die FW-Herausforderer die Amtsinhaber der CSU regelrecht, etwa in Rottal-Inn: Dort holt Martin Koppmann 79 Prozent gegen den amtierenden Landrat Michael Fahmüller. Es ist ein Triumph, der das Machtverhältnis zwischen CSU und Freien Wählern erschüttert.
Um 18.30 Uhr stecken Aiwanger und sein Team im Landratsamt erstmals die Köpfe zusammen, es wird herzhaft gelacht. Als könnten sie ihr Glück kaum fassen. Nach dem ersten Wahlgang vor zwei Wochen hatte Aiwanger ja etwas verfrüht von einem „flächendeckenden Siegeszug“ für seine Freien Wähler gesprochen. Am Sonntag wird aus den großen Tönen Wirklichkeit. Wen kümmert in diesem Moment noch die verlorene Landtagswahl in Rheinland-Pfalz?
Von Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.
„Ich bin sehr zufrieden“, sagt Aiwanger der SZ in nüchternem Ton, kann aber ein breites Lächeln kaum unterdrücken. Das Ergebnis bedeute „eine deutliche Stärkung in der Fläche. Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen.“ Allein in Niederbayern erhöhe man die Zahl der Landräte von eins auf vier. Peter Dreier, der als FW-Landrat in Landshut nicht mehr angetreten ist, ist da weniger zurückhaltend: „Das ist ein Erdrutsch.“
Bei der CSU herrscht dagegen Entsetzen, ist das wirklich passiert? Generalsekretär Martin Huber nennt die Ergebnisse in einer Stellungnahme am Sonntagabend „sehr durchwachsen“ und räumt „schmerzhafte Niederlagen“ ein. „Häufig haben sich bei der Stichwahl alle anderen gegen die CSU verbündet.“ Bei Oberbürgermeister-Wahlen in Nürnberg, Erlangen oder Landshut habe man allerdings auch „große Erfolge“ erzielt. Das Abrutschen in den Landratsämtern kann das aber nicht aufwiegen, zumal auch die Niederlagen in Großstädten wie Augsburg und Regensburg wehtun.
Die 71 Landrätinnen und Landräte in Bayern genießen den Ruf „kleiner Könige“. So hat es Ministerpräsident Markus Söder (CSU) selbst formuliert. Für die CSU war die Dominanz bei diesen Königen Ausweis ihrer Vormachtstellung – wer hat das Sagen im Flächenland Bayern? Vor der Kommunalwahl zählte die CSU 53 Amtsinhaber, in Zukunft werden es noch 42 sein.
Die Partei hat vor allem an die Freien Wähler verloren, aber nicht nur: Im Landkreis Landsberg am Lech muss sich CSU-Landrat Thomas Eichinger seiner grünen Konkurrentin Daniela Groß geschlagen geben.
Verloren hat die CSU sogar in Landkreisen wie Cham, wo vor sechs Jahren der oberpfälzische Bezirkstagspräsident Franz Löffler noch 67,5 Prozent für die CSU erreichte. Er trat diesmal nicht mehr an, den Sieg holte ein Freier Wähler: Christian Schindler.
Im Berchtesgadener Land wird Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber als CSU-Kreisvorsitzende ihren Parteifreunden ein Debakel erklären müssen. Der Landkreis existiert in dieser Form seit 1972, und seither hat dort stets ein Landrat von der CSU regiert. Das hat sich am Sonntag geändert: Der FW-Landtagsabgeordnete Michael Koller schlug den bisherigen Berchtesgadener Bürgermeister Franz Rasp (CSU) mit 64,6 Prozent der Stimmen.
Im Landkreis Miesbach war CSU-Amtsinhaber Olaf von Löwis nicht mehr angetreten, doch hier ist die Mehrheit für die Freien Wähler sogar noch deutlicher. Der bisherige Haushamer Bürgermeister Jens Zangenfeind kam auf 78 Prozent der Stimmen und distanzierte seinen Schlierseer Amtskollegen Franz Schnitzenbaumer (CSU) mit 22 Prozent klar.
Schon im ersten Wahlgang hatte es einige Verschiebungen zwischen CSU und Freien Wählern gegeben: Etwa den Landkreis Kulmbach, wo der bisherige Landrat von den FW aufhörte, konnte die CSU mit mehr als 50 Prozent überraschend auf Anhieb hinzugewinnen. In Rhön-Grabfeld war es genau umgekehrt, die Freien Wähler ergatterten im ersten Durchlauf einen bisherigen CSU-Landkreis.
Die Freien Wähler verdoppeln fast die Zahl ihrer Landräte. Aiwanger spricht von „deutlicher Stärkung in der Fläche.“ In Bamberg siegt überraschend die SPD, genauso wie in Augsburg. Die Entwicklungen im Liveblog.
Die beiden Parteivorsitzenden Söder und Aiwanger waren vor den Stichwahlen noch einmal verstärkt im Einsatz in Bayern, um örtliche Kandidaten zu unterstützen. Daran, dass die CSU weiterhin die mit Abstand stärkste Kraft in Bayerns Kommunen ist, ändert der Wahlsonntag nichts. Im bayernweiten Gesamtergebnis des Statistischen Landesamtes für die Räte der 96 Kreise und kreisfreien Städte liegt die CSU mit 32,5 Prozent weit vorn auf Platz eins. Die Freien Wähler rangieren trotz ihrer Erfolge bei Ämtern mehr als 20 Prozentpunkte hinter der CSU; übrigens und auch knapp hinter Grünen, SPD und AfD.
Wobei das Ergebnis eine gewisse Unschärfe hat: Einige FW-Verbände wurden nicht zum Parteiergebnis hinzugezählt, weil sie zwar Teil der Freie-Wähler-Familie sind, aber unabhängig von der Partei. Zusammengerechnet sei man „deutlich auf Platz zwei“, behauptet Aiwanger.
Den Freien-Wähler-Chef dürfte das Stichwahlergebnis beflügeln. Schon nach dem ersten Wahlsonntag vor zwei Wochen hatte Aiwanger getönt: „Ich sehe das durchaus auch als Steilvorlage für die Landtagswahl in zwei Jahren.“
CSU-Chef Markus Söder wird sich voraussichtlich am Montag nach einer Schalte des Vorstands zu den Stichwahlen äußern. Erwartbar ist, dass nach der Schlappe um die Landratsämter die Sitzung nicht sonderlich harmonisch ausfallen wird.
Wer setzt sich im zweiten Wahlgang als Bürgermeister oder Landrat durch? Der aktuelle Stand in Karten und Grafiken.
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien
Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: