SZ 06.05.2026
17:02 Uhr

(+) Klimawandel: Forscher warnen: Amazonas könnte zur Savanne werden


Die Kombination aus Erderwärmung, Dürren und Abholzung könnte den südamerikanischen Regenwald über eine kritische Schwelle stoßen. Danach wäre er womöglich nicht wiederzuerkennen.

(+) Klimawandel: Forscher warnen: Amazonas könnte zur Savanne werden
Durch die zunehmende Trockenheit im Amazonasgebiet drohen größere Feuer. Fernando Souza/ZUMA Press Wire/dpa

Der Amazonas ist die wohl größte Recycling-Anlage der Welt. Das Wasser, das den südamerikanischen Regenwald so artenreich macht, bringen feuchte Luftmassen vom Atlantik. Haben diese sich im Osten abgeregnet, setzt die Wiederaufbereitung ein: Wurzeln saugen die Feuchtigkeit aus dem Boden, die Blätter der Bäume lassen sie verdunsten, um sich zu kühlen. Über den Wipfeln entstehen Wolken, die weiter westlich erneut abregnen. Das wiederholt sich einige Male, so bleiben selbst weit vom Meer entfernte Regionen feucht.

Doch dieses atmosphärische Förderband könnte ins Stottern geraten und damit weite Teile des Regenwalds absterben lassen, warnt eine Studie im Fachmagazin Nature. Die Forscherinnen und Forscher um Nico Wunderlich von der Goethe-Universität Frankfurt schätzen darin, dass der Amazonas einen Kipppunkt erreichen könnte, sofern die Erderwärmung eine Schwelle von 1,5 bis 1,9 Grad überschreitet und der Regenwald ähnlich schnell abgeholzt wird wie bislang.

Bereits seit einiger Zeit verdichten sich die Hinweise, dass der Amazonas zu den Kippelementen im Klimasystem zählt, ähnlich wie der Grönländische Eisschild oder die tropischen Korallenriffe. Ab einer bestimmten Temperatur schalten diese Elemente in einen neuen Zustand, ein Zurück ist kaum noch möglich, so die Annahme. Für den Amazonas dürfte das einen Übergang von einem feuchten Regenwald zu einer trockenen Savanne bedeuten, einer offenen Landschaft mit weniger Bäumen und geringerer Artenvielfalt.

Doch an welchem Punkt kippt das System? Um das zu klären, simulierten die Wissenschaftler die Auswirkungen verschiedener Emissionsszenarien und Entwaldungsraten auf Niederschläge und Feuchtigkeitstransport. Gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels allein zeigte sich der Amazonas vergleichsweise stabil. Erst ab einer Erwärmung um 3,7 bis vier Grad über dem vorindustriellen Niveau würden große Teile des Regenwalds laut der Berechnung zu einer Savannenlandschaft degradieren.

Vor allem westliche Regionen wie Peru und Bolivien wären betroffen, da diese ihre Niederschläge zu großem Teil aus dem Regenwald selbst beziehen. Derzeit nähert sich die Welt der 1,5-Grad-Schwelle, bis Ende des Jahrhunderts könnten es nach derzeitigen Prognosen um die drei Grad sein, wenn die Menschheit ihre Treibhausgas-Emissionen nicht schnell und drastisch reduziert.

Die Aussichten für den Amazonas verschlechtern sich jedoch, wenn man zusätzlich die Entwaldung berücksichtigt. Derzeit gelten etwa 17 Prozent des Lebensraums als geschädigt, etwa durch Brandrodung für die Landwirtschaft, Bergbau oder den Bau von Straßen. Die Forscher schätzen, dass eine Entwaldung von 22 bis 28 Prozent ausreichen würde, um den Regenwald in Kombination mit einer Erwärmung um 1,5 bis 1,9 Grad kippen zu lassen. Beide Marken sind nicht mehr allzu fern.

„Globale Erwärmung und Abholzung verändern die Niederschlagsmuster im gesamten Amazonas“, erklärt Arie Staal, Assistenzprofessor an der Utrecht University und Co- Autor der Studie, in einer Pressemitteilung. „Wenn Abholzung den Feuchtigkeitstransport in einem Teil des Amazonas unterbricht, können ganze Regionen, Hunderte oder sogar Tausende Kilometer entfernt, durch sich ausbreitende Dürreeffekte an Widerstandskraft verlieren.“

Wie schnell der Amazonas degradieren könnte, haben die Forscher nicht berechnet. Andere Studien gehen von einem Zeitraum von einigen Jahrzehnten bis Jahrhunderten aus. Allerdings gibt es bereits jetzt Anzeichen einer Verschlechterung. So breiten sich zunehmend Dürren im Amazonasgebiet aus, was Experten auf abnehmende Niederschläge sowie auf die fortschreitende Entwaldung zurückführen. Auf abgeholzten Flächen verdunstet weniger Wasser, wodurch die Luft austrocknet. Trockenzeiten verlängern sich, die Brandgefahr steigt. „Infolgedessen zerstören neue Feuermuster immer größere Waldflächen“, heißt es dazu in einer 2024 erschienenen Studie.

Noch ist es nicht zu spät, diesen Kreislauf zu durchbrechen. „Die Menschheit ist in der Lage, die globale Erwärmung einzudämmen, bevor die gefährlichsten Werte erreicht werden“, schreiben die Nature-Autoren. Bis dahin sei es entscheidend, die Abholzung zu stoppen. Lohnen würde sich das nicht nur für den Amazonas selbst, sondern auch für intensiv landwirtschaftlich genutzte Regionen etwa im Süden Brasiliens und im Norden Argentiniens, die ebenfalls vom recycelten Wasser aus dem Regenwald abhängig sind.

Immerhin haben einige südamerikanische Regierungen das Ziel ausgerufen, die Entwaldung im Amazonas bis 2030 einzustellen. Brasilien plant zudem, zwölf Millionen Hektar wiederaufzuforsten, das entspricht etwa einem Drittel der Fläche Deutschlands. Solche Anstrengungen sind laut den Forschern um Wunderlich „von globaler Bedeutung“.

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