SZ 08.10.2026
01:40 Uhr

(+) Israels Gedenktag zum 7. Oktober 2023: Die Familien der Opfer fordern eine Untersuchung


Zum dritten Mal erinnert Israel an das Massaker, bei dem etwa 1200 Menschen getötet und 251 nach Gaza verschleppt wurden. Ohne Aufarbeitung der Geschehnisse, sagen die Angehörigen, „können wir nicht heilen“.

(+) Israels Gedenktag zum 7. Oktober 2023: Die Familien der Opfer fordern eine Untersuchung

Nach etwa einer Stunde, in der die Menschen im Hayarkon-Park in Tel Aviv schweigend und weinend der Gedenkveranstaltung zum 7. Oktober 2023 zuhörten, gibt es zum ersten Mal Applaus. Auf der großen Bühne steht am Mittwochabend Omri Shifroni. Sein Neffe und seine Nichte, die Zwillinge Liel und Yanai, verbrannten während des Massakers der islamistischen Palästinenserorganisation Hamas in einem Haus im Kibbuz Be'eri. Bildschirme blenden Bilder der beiden Zwölfjährigen ein. „Ohne eine Untersuchung können wir nicht heilen“, sagt Shifroni. „Sonst können wir nicht sicher sein, dass es nie wieder passiert.“ Viele Menschen im Publikum stehen auf und klatschen.

Was er meint, ist ein unabhängiger Untersuchungsausschuss, der sich der Frage widmet, warum das Versagen des Sicherheitsstaates Israel am 7. Oktober möglich war: Zum dritten Mal erinnert Israel an das grausame Massaker, bei dem etwa 1200 Menschen getötet und 251 nach Gaza verschleppt wurden. Es ist das erste Jahr, in dem keine Geiseln mehr in dem Küstenstreifen ausharren, und das erste Mal, dass dieses Gedenken mitten im Wahlkampf stattfindet. In nicht einmal drei Wochen wird in Israel gewählt – und der 7. Oktober ist eines der wichtigsten Themen für die Menschen.

Auch drei Jahre nach dem Überfall der Hamas auf Israel herrscht kein Frieden in der Region. Wie schauen Israelis auf die humanitäre Lage in Gaza?

Diese zentrale Veranstaltung wurde von den Familien der Opfer organisiert. Sie setzt sich ab von den Reden der Politiker. Der offizielle Gedenktag für den 7. Oktober war in Israel nämlich bereits am 5. Oktober – weil er sich nach dem jüdischen Kalender richtete. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sprach an diesem Montag zwar auch über das Leid der Familien. Aber er thematisierte auch die Kriege, die daraus folgten und noch folgen könnten. „Israel wird die Tentakel des Terrors durchtrennen, die ‚Achse des Bösen‘ zerschlagen und die Kernsysteme Irans selbst – den Kopf des dämonischen Oktopus – zum Einsturz bringen“, sagte er.

Israels Staatspräsident Isaac Herzog schlug am Abend des 7. Oktober, bei einer weiteren Gedenkfeier auf dem Gelände des Nova-Musikfestivals, das vor drei Jahren überfallen worden war, einen etwas anderen Ton an. 378 Menschen waren auf dem Festival getötet worden, 44 entführt. „Wir haben das Recht, uns zu verteidigen und den Terror zu bekämpfen“, sagte er, „aber wir sehnen uns nach Frieden, und wir wollen auch, dass unsere Nachbarn in Frieden leben.“

Bereits am frühen Morgen um 6.29 Uhr, zu der Uhrzeit, zu der vor drei Jahren der Angriff begann, blockierten Menschen eine Straße in Tel Aviv für einen Moment der Stille. Zur Mittagszeit folgte eine weitere Schweigeminute.

In mehreren Städten demonstrierten allerdings auch Menschen und forderten eben jene staatliche Untersuchungskommission. Bisher gibt es keine umfassende Aufarbeitung seitens der Regierung zu der Frage, wie die Hamas ihren Großangriff unbemerkt planen und in diesem Ausmaß morden konnte. Netanjahu wehrt sich gegen eine solche Kommission. Berichten zufolge versammelten sich Demonstranten auch vor seiner privaten Residenz und vor dem israelischen Parlament, der Knesset, in Jerusalem.

Auf der großen Bühne am Abend führte schließlich Eli Sharabi durch die Veranstaltung. Sharabi war selbst ein Opfer der Hamas, er hatte 491 Tage als Geisel in Gaza verbracht, die meiste Zeit davon in einem Tunnel tief unter der Erde. Erst als er im Zuge eines Geiselaustauschs freikam, erfuhr er, dass seine Frau und seine Töchter am 7. Oktober getötet worden waren. Sharabi hat über sein Schicksal und seine Erlebnisse in den Tunneln in Gaza ein Buch geschrieben, in dem er seinen Überlebenswillen beschreibt.

Knapp zwei Stunden lang sprachen auch Angehörige bei der Veranstaltung über ihre persönlichen Erlebnisse, ihren Verlust. Eine Mutter erzählte von ihrer Tochter. Elf Tage lang habe sie auf eine Nachricht von ihr gewartet, dann klopfte es an ihrer Tür. Man teilte ihr mit, dass nur drei Zähne von ihr geborgen werden konnten. Ein Schwerpunkt der Veranstaltung war auch eine Würdigung der Helfer und Sicherheitskräfte, die freiwillig kamen und kämpften. In Filmen, die eingeblendet wurden, sprachen sie über den Horror, den sie bei der Untersuchung der Opfer gesehen haben.

Eli Sharabi verließ irgendwann seine Rolle als Moderator und richtete Worte an seine eigene verstorbene Familie. „Es ist merkwürdig, zu jemandem zu sprechen, der nicht mehr da ist“, sagte er. „Ihr wart bei mir in den Tunneln, ihr wart bei mir am Tag der Entlassung, und ihr seid auch jetzt mit mir hier“, sagte er, während leise Klaviermusik spielt. „Israel wird euch nicht vergessen.“ Es war der zweite Moment, in dem das Publikum im Park applaudierte.

Das Trauma des 7. Oktober hat die Menschen in Israel verändert: Seit Irene Nurith Cohn Leichenteile barg, fürchtet sie Muslime. Und die Friseurin Tal Weinberger schwatzt nicht mehr mit dem arabischen Straßenarbeiter.

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