SZ 19.04.2026
14:05 Uhr

(+) Internationale Beziehungen: Warum Berlin Brasília braucht


Fast das halbe Bundeskabinett reist diesen Montag nach Niedersachsen, um dort die Kollegen aus Brasilien zu treffen, dem Partnerland der Hannover-Messe. Das hat auch strategische Gründe.

(+) Internationale Beziehungen: Warum Berlin Brasília braucht

Schloss Herrenhausen in Hannover ist ein prunkvoller Ort. Genau der richtige Rahmen für den Empfang eines Staatsgastes. Erst recht, wenn der Luiz Inácio Lula da Silva heißt, der Staatspräsident Brasiliens ist und mit großem Gefolge anreist. Und das nicht nur, weil Kanzler Friedrich Merz (CDU) wegen einer ungeschickten Bemerkung nach seinem letzten Brasilien-Besuch im November ein bisschen was gutzumachen hat. Lulas Land ist für Deutschland so wichtig wie lange nicht, vielleicht wie noch nie.

Der Zufall will es, dass Brasilien in diesem Jahr Partnerland der Hannover-Messe ist, der wichtigsten hiesigen Industriemesse. Dass dem so sein würde, wurde schon vor zwei Jahren vereinbart – in einer Zeit also, als in den USA noch der Demokrat Joe Biden regierte und niemand sich eine Vorstellung davon machte, wie schnell sein Nachfolger Donald Trump sicher geglaubte Verhältnisse würde zertrümmern können. Weder hatten seinerzeit amerikanische Zölle die Exportwirtschaft in Unsicherheit gestürzt, noch ahnte irgendwer, dass in der Straße von Hormus die womöglich größte Energiekrise aller Zeiten ihren Lauf nehmen könnte. Da wirkt Brasilien wie ein Hort der Stabilität: eine Demokratie mit offenen Märkten.

Entsprechend groß ist der Empfang, den der Konservative Merz seinem linken Gast Lula bereitet. Militärische Ehren und ein erstes Vieraugengespräch am Sonntag, gemeinsamer Messerundgang am Montag, dann Regierungskonsultationen im Schloss Herrenhausen samt festlichem Mittagessen. Allein aus Berlin reisen dazu acht Kabinettsmitglieder an. Ähnlich viele kommen aus Brasília.

Zu besprechen gibt es, mal abgesehen von der fragilen Weltlage, einiges. Brasilien hat, ebenso wie Deutschland, Interesse an einer Reform der Vereinten Nationen, beide Länder streben einen Sitz im Sicherheitsrat an. Da kann man sich gut unterstützen. Wie die EU und Deutschland tritt auch Lula mit aller Kraft für den Multilateralismus ein, als Antwort auf neuen Nationalismus in aller Welt. Bei einer Konferenz in Barcelona hatte er am Wochenende, kurz vor seiner Weiterreise nach Hannover, den Wert der Demokratie beschworen. Wo diese Rückschläge erleide, „taucht ein Hitler auf“, hatte Lula gemahnt.

Und dann sind da ja auch noch die wirtschaftlichen Beziehungen. Brasilien ist Deutschlands wichtigster Handelspartner in Südamerika, Handelsvolumen: 20 Milliarden Euro im Jahr 2024, darunter Exporte im Wert von 13 Milliarden. Umgekehrt hat die deutsche Wirtschaft ein Auge auf Brasiliens Rohstoffe geworfen, Seltene Erden etwa oder das knappe Niob, das für die Fertigung von Solarzellen nötig ist. 2024 importierte Deutschland von dort Rohstoffe im Wert von drei Milliarden Euro. Auch stehen nach Zahlen der Bundesregierung 1300 Unternehmen mit deutschem Kapital in Brasilien für zehn Prozent der industriellen Wertschöpfung dort. Und da Lula mit seinem milliardenschweren Programm die brasilianische Industrie wiederbeleben will, hat auch er einiges zu gewinnen. In Hannover sagte Lula am Sonntagabend, Brasilien könne der EU helfen, Energiekosten zu senken und auf erneuerbare Energien umzustellen.

Passend dazu tritt in knapp zwei Wochen das Mercosur-Abkommen in Kraft, jedenfalls vorläufig. Bringen es die Kritiker innerhalb der EU nicht noch zu Fall, entstünde so eine Freihandelszone, die 715 Millionen Menschen und 20 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung umfasst. In Zeiten, in denen sich die USA abschotten, China mit Handel Machtpolitik betreibt und Russland aus guten Gründen Sanktionen unterliegt, ist das vor allem für die Exportnation Deutschland ein Hoffnungsschimmer. Merz hat jeden Grund, Lula den roten Teppich auszurollen.

Zumal das letzte Aufeinandertreffen der beiden nicht ganz unbelastet endete. Damals, im vorigen November, war Merz ins nordbrasilianische Belém gereist, zur UN-Klimakonferenz. Doch nicht nur blieb er vage, was Lulas Lieblingsprojekt anging – einen milliardenschweren, von der Weltgemeinschaft gefüllten Fonds zum Schutz des Regenwaldes. Zurück in Deutschland wählte Merz obendrein den kurzen Aufenthalt in Belém als Beispiel dafür, wie schön es in Deutschland ist, im Unterschied zu Weltregionen wie jener. Lula antwortete mit Spott, aber halb Brasilien war beleidigt.

Der Beitrag des Landes zum Weltklima ist ohnehin nicht zu unterschätzen. Tropische Regenwälder können das Klima schützen, wenn sie denn stehen bleiben – oder aber anheizen, sobald sie Plantagen oder Minen weichen. Unter Lula ist die Entwaldung zumindest zurückgegangen, und auch diese Partnerschaft ließe sich stärken: etwa durch einen aufgestockten Beitrag Deutschlands zu Lulas Tropenwald-Fonds. Das nötige Forum dafür gäbe es diese Woche auch, mit weniger Prunk und in Berlin: Dort richtet der Bund den Petersberger Klimadialog aus, ein jährliches Meeting von Umweltministern aus aller Welt. Merz wird am Mittwoch dort erwartet.

Während die Weltgemeinschaft in Belém um minimalste Klimaziele ringt, kann Fernando Galvão Bezerra aus seiner Cessna dem Regenwald von oben beim Sterben zusehen. Ein Flug über menschengemachte Abgründe.

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