SZ 24.04.2026
13:45 Uhr

(+) Haben & Sein: Not macht Wangen rot


Gute Zeiten, schlechte Zeiten: Warum Beauty-Produkte in Krisenzeiten boomen und wie der Geldbeutel der Zukunft aussehen könnte. (Antwort: sehr klein, weil fast nix drin.)

(+) Haben & Sein: Not macht Wangen rot
imago stock/IMAGO/mptv

2001 machte der damalige Estée-Lauder-Chef, Leonard Lauder, eine seltsame Beobachtung: Die Weltwirtschaft ging den Bach runter, der Verkauf seiner Lippenstifte hingegen nicht. Im Gegenteil, der Absatz nahm erstaunlicherweise noch zu. Wenn die Leute weniger Geld zur Verfügung hatten, so schloss Lauder, gönnten sie sich immerhin noch Kleinigkeiten, die das triste Leben ein bisschen schöner machten. Er nannte das den „Lipstick Index“. Wissenschaftlich klar bewiesen ist der Effekt nicht, aber er scheint sich gerade mal wieder zu bewahrheiten: Der französische Luxusriese L’Oréal hat seine Quartalszahlen vorgestellt und die sind trotz Iran-Kriegs und wachsender wirtschaftlicher Unsicherheit sehr viel besser als erwartet. Die Umsätze stiegen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 6,7 Prozent auf 12,2 Milliarden Euro, der größte Zuwachs der vergangenen zwei Jahre. Selbst in Europa, wo die Stimmung aktuell eher unbunt ist, legten die Verkäufe um 5,5 Prozent zu, was der Konzern sogar selbst mit dem „Lippenstift-Effekt“ erklärt. Wer jetzt draußen trotzdem kaum Frauen mit roten, beeren- oder mauvefarbenen Mündern sieht: Mittlerweile steht „Lipstick“ eher stellvertretend für alle möglichen kleineren Beautyprodukte, mit denen sich Frauen per Zerstäuber- oder Applikatordruck ein bisschen besser fühlen. Parfum, Rouge, Lidschatten – halt alles, was in einen kleinen Schminkbeutel passt.

Kopfnote Kokosnuss-Creme, als Basis Macadamia-Milch – geht’s um einen Nachtisch? Nicht im engeren Sinne, Milk Orchid ist ein neues Parfum. Doch wenn man genauer nachdenkt über den aktuellen Beauty-Trend der appetitlichen Düfte: Sie haben schon viel gemeinsam mit dem, was man von einem guten Dessert erwartet, Belohnung, Wohlgefühl, etwas Weltflucht in schwer verdaulichen Zeiten. Damit die hoch gehandelten Kompositionen aus Vanille- oder Puderaroma, gern verbunden mit einem Hauch von Karamell oder Feige, nicht allzu harmlos rüberkommen, wird entweder ein prägnanter Name erfunden („Dirty Milk“) oder an Instinkte appelliert („Mother’s Milk“, mit Kakao-Extrakt).  Bei Milk Orchid des New Yorker Labels Commodity, das demnächst auf den Markt kommt, funktioniert der Überraschungseffekt über den Flakon: Er ist schwarz, durchzogen von Streifen in Rahmweiß natürlich.

Ein üppiger Geldbeutel mit großem Kleingeldfach ist ein Auslaufmodell – da sind sich die niederländischen Tüftler der Marke Secrid sicher und haben deswegen vor einigen Jahren begonnen, den Geldbeutel der Zukunft zu entwickeln. Kernstück ist eine kleine Kartenbox aus Aluminium, die passgenau und sicher bis zu zwölf Kredit- und sonstige Karten aufnimmt und sie dank eines raffinierten Mechanismus bei Bedarf ganz ordentlich präsentiert – wie ein kleiner Kartenspielertrick sieht das aus. Rund um diese Kartenbox faltet sich eine klassische Hülle aus Leder oder anderen feinen Materialien, in der noch mal Fächer, darunter auch ein kleines für Münzen und ein Klammerfach für Geldscheine, integriert sind. Klingt kompliziert, funktioniert in der Praxis aber erstaunlich gut. Die raffinierten „Slimwallets“ sind nur etwa halb so groß wie ein normaler Herrengeldbeutel, tragen im Anzug oder in der Hose nicht auf und bieten eine Ordnung und einen Schutz der Karten, die klassische und eher weich gearbeitete Geldbeutel nicht unbedingt bieten. Für Minimalisten, die ohnehin schon das meiste mit dem Smartphone oder der Smartwatch erledigen, gibt es übrigens auch noch ganz puristische Modelle im Sortiment.

Slipper, Segelschuhe, Mokassins – die ehemals spießigen Klassiker sind heute heiß begehrt und lassen Sneakers alt aussehen.

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