SZ 21.07.2026
15:02 Uhr

(+) Debatte über Leihmutterschaft: Zwischen wahrem Leben und reiner Lehre


Viele Bundespolitikerinnen und -Politiker wollen am Verbot der Leihmutterschaft festhalten. Trotzdem müsse die Debatte geführt werden, findet Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann.

(+) Debatte über Leihmutterschaft: Zwischen wahrem Leben und reiner Lehre

Das eine sei die „reine Lehre“, sagte Ex-Unionsfraktionschef Jens Spahn, „und das andere das echte Leben“. So versuchte er im Podcast „Ronzheimer“ seine Entscheidung für ein Kind aus dem Bauch einer Leihmutter zu rechtfertigen. Er meinte damit seine eigene Zerrissenheit im Umgang mit Leihmutterschaft, doch hat er damit zugleich den Stand der Debatte in Deutschland recht treffend zusammengefasst.

Die meisten Politikerinnen und Politiker sind sich eigentlich einig: Leihmutterschaft ist problematisch. Mindestens. Familienministerin Karin Prien sagte dem Portal The Pioneer, die Position der Union sei klar. Weder die kommerzielle noch die altruistische Leihmutterschaft sei mit dem Werteverständnis der CDU vereinbar. So hat es der CDU-Parteitag im Februar dieses Jahres beschlossen, um „Missbrauch, Ausbeutung und gesundheitliche Risiken zu verhindern“, heißt es im Beschluss. Prien sagte, sie stelle es sich persönlich „unendlich schwer“ vor, Leihmutter zu sein.

Bei der altruistischen Leihmutterschaft wird die Frau, die das Kind austrägt, nicht bezahlt. Sie erhält höchstens eine Aufwandsentschädigung, die zum Beispiel auch ausgefallenes Gehalt kompensieren kann. Bei der kommerziellen Leihmutterschaft darf die Frau bezahlt werden.

Nicht nur in der Union sehen sie Leihmutterschaft kritisch. In der SPD sind die Positionen differenziert. Die rechtspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Carmen Wegge, befürwortet die altruistische Leihmutterschaft „in engen Grenzen“. Die familienpolitische Sprecherin Jasmina Hostert sagte der SZ, aus ihrer Sicht stünden einer Legalisierung „wichtige ethische, soziale und rechtliche Gründe entgegen“. Dazu gehöre für sie auch die „Wahrung der Menschenwürde von Frau und Kind“. Noch drastischer formuliert es die SPD-Frauenpolitikerin und frühere Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier: „Leihmutterschaft ist die Benutzung und Kommerzialisierung des weiblichen Körpers“, sagte sie der Süddeutschen Zeitung. Man tritt Breymaier wohl nicht zu nahe, wenn man sagt, dass sie das vertritt, was Spahn die „reine Lehre“ nennt.

Aber dann ist da eben noch das „echte Leben“. Und in dem ist für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch der Gang ins Ausland heute beinahe Normalität. Denn nicht nur die Leihmutterschaft ist verboten, sondern auch die Eizellspende. Wenn die Eizellen einer Frau zum Beispiel aufgrund von Alter nicht mehr funktionieren, bleibt das der Ausweg für die Paare: Ihr werden die (zuvor in der Regel mit dem Sperma ihres Partners befruchteten) Eizellen einer fremden Frau eingepflanzt. Die Eizellspende ist in den meisten europäischen Ländern erlaubt. Das Bundesfamilienministerium schätzt, dass sich „jährlich mehrere tausend Paare für eine Kinderwunsch-Behandlung im Ausland“ entscheiden.

Für Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann ist dieses „echte Leben“ der Grund, die Debatte um Leihmutterschaft erneut zu führen. Das sagte sie verschiedenen Medien. Ist Haßelmann also offen für eine Lockerung des Verbots? „Ich gehöre zu denen, die eine mögliche Legalisierung einer Leihmutterschaft sehr, sehr kritisch sehen“, sagte sie der SZ, „das würde viele ethische Fragen aufwerfen, auch Fragen nach der Ausbeutung der Frauen.“ Aber: „Was wir nicht machen können, ist die Debatte nicht zu führen, denn sie ist ja da in unserer Gesellschaft.“ Haßelmann verwies auf den Bericht der Expertenkommission zur reproduktiven Selbstbestimmung aus dem Jahr 2024.

Die Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung aus Zeiten der Ampelkoalition hat für Deutschland das Modell der altruistischen Leihmutterschaft betrachtet, eine klare Empfehlung aber nicht ausgesprochen. Leihmutterschaft berge „selbst in altruistisch angelegten Modellen ein Potenzial für Umgehungen und Missbrauch“, hieß es darin. Sollte sich der Gesetzgeber dafür entscheiden, eine altruistische Leihmutterschaft zuzulassen, nennt der Bericht elf Bedingungen, die beachtet werden sollten. Unter anderem müsse das Kind in jedem Fall Kenntnis über seine eigene Abstammung erhalten. Leihmütter sollten entscheiden dürfen, ob sie das Kind nach der Geburt doch selbst behalten wollten. Zudem bedürfe es einer „angemessenen Aufwandsentschädigung“.

Auch an dem Modell der altruistischen Leihmutterschaft gibt es grundsätzliche Kritik. Die SPD-Frauenpolitikerin Breymaier findet, es sei eine „unglaubliche Arroganz, dass man weibliche Körper kauft, und dann verdienen die Kliniken daran, die Vermittlungsagenturen, aber die Frauen nicht“.

Zur Expertenkommission zur reproduktiven Selbstbestimmung gehörte auch Frauke Brosius-Gersdorf, die sich aber vor allem mit der Frage nach der Legalisierung von Abtreibungen beschäftigte. Die Meinung der Verfassungsrechtlerin ist im deutschen Diskurs eher selten. Sie findet, das Menschenbild der Union in puncto Leihmutterschaft entspreche „nicht dem Grundgesetz“.

„Die Union spricht mit dem Verbot der Leihmutterschaft und übrigens auch der Eizellspende in Deutschland Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung ab“, sagte Brosius-Gersdorf vor wenigen Tagen der Zeit. CDU und CSU wollten einen „paternalistischen Staat“, der „am besten weiß, was für Frauen und auch für potenzielle Leihmütter gut ist“. Sie sieht das Verbot der Leihmutterschaft als „Eingriff in die Grundrechte der betroffenen Paare“, die auf eine Leihmutter angewiesen seien, um Eltern zu werden. Dafür sehe sie „keine sachliche Rechtfertigung“.

Auch der Ethikratsvorsitzende Helmut Frister wirbt dafür, die Debatte zu führen. „Es ist ein bisschen so, dass die gesamte Gesellschaft das Problem ins Ausland verlagert“, sagte er dem Deutschlandfunk. Es bleibe eine Güterabwägung. Auf der einen Seite sei der große Wunsch der Paare, Eltern zu werden. Auf der anderen stünden die Rechte der potenziellen Leihmutter und das Wohl des entstehenden Kindes. Schutzmechanismen für beide könnte man aber besser in Deutschland einführen, als auf Regelungen im Ausland zu vertrauen, gab er zu bedenken.

Grünen-Fraktionschefin Haßelmann findet, die Debatte gehöre ins Parlament. „Eine Diskussion in Gesellschaft, Politik und Parlament ist nötig. Am Ende ist es eine Gewissensentscheidung in einer sehr schwierigen Frage“, sagte sie.

Selbstbestimmung oder Ausbeutung? Wie sehen eine Leihmutter, eine Forscherin und Eltern von Leihmütter-Kindern die aktuelle Debatte um Jens Spahn?

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