SZ 14.09.2026
20:20 Uhr

(+) Das rät eine Schulpsychologin: Warum ein bisschen Stress in der Schule gar nicht so schlimm ist


Schulpsychologin Regina Knape erklärt, was die Schüler und Schülerinnen heutzutage wirklich belastet – und warum ein „Du schaffst das schon“ selten hilft.

(+) Das rät eine Schulpsychologin: Warum ein bisschen Stress in der Schule gar nicht so schlimm ist
„Sei neugierig! Du wirst viel für dein Leben erfahren“, möchte Schulpsychologin Regina Knape den Schülern zum Schulstart zurufen. Ob sie das motivieren könnte?
Foto: Imago

Die Sommerferien enden und mit ihnen die Zeit, in der die Schüler die Seele baumeln lassen können. Von Dienstag an wird das Leben wieder stressig. So empfinden das viele Schüler und Schülerinnen in Bayern, wie eine regionale Auswertung der aktuellen Sinus-Jugendstudie im Auftrag der Barmer Krankenkasse ergab. Ein Drittel der 14- bis 17-Jährigen fühlt sich demnach stark durch Schulstress beeinträchtigt.

SZ: Frau Knape, am ersten Schultag geht manch ein Kind mit Bauchgrimmen in die Schule. Ein Drittel fühlt sich gestresst. Sind unsere Kinder empfindlicher geworden?

Regina Knape: Das Phänomen Schulstress ist so alt wie die Schule selbst. Das finden Sie schon in der Literatur, wo Protagonisten Ärger mit Lehrern beschreiben. In den 1970er-Jahren gab es erhöhte Suizidraten von Schülern. Das war damals für die Länder der Anlass zu fragen, ob man nicht Schulpsychologen ins Schulsystem holen sollte. Was in Bayern dann auch geschehen ist. Später hatten wir das Thema Lehrerburnout und mit dem G8 den Schülerburnout. Ich erinnere mich, dass ich dazu im Landtag sprechen sollte. Auch da war die große Frage: Was ist mit den Schülern los? Wieso haben die so einen hohen Schulstress?

Aber die Zeiten von schwarzer Pädagogik sind doch vorbei. Warum setzt der Unterricht die Kinder trotzdem so unter Druck?

Zu einem gewissen Grad ist Stress normal. Überall, wo wir uns in Konkurrenz beweisen und Leistung erbringen müssen, entsteht Stress. Ein bisschen Stress tut uns gut. Er treibt uns an, ins Handeln zu kommen, manchmal sogar in einen Flow. Aber dafür müssen die Herausforderungen so sein, dass sie uns schaffbar erscheinen. Ungesund wird es erst, wenn sich einzelne Anlässe, Stress zu haben, zu einer Art Dauerstress summieren. Das kann dann zu einer Vielzahl von Problemen führen von generalisierten Angststörungen über Schulverweigerung bis zu sozialen Phobien, also der Angst unter Menschen zu gehen. Das kommt alles vor.

Und solche Krankheitsbilder nehmen zu. Warum? G8 ist doch wieder abgeschafft ...

Ja, und das hat den Schülern viel gebracht, weil sie wieder mehr Zeit haben zu lernen und zu wachsen. Der Druck kommt von woanders: Wir hatten die Pandemie, wir haben den Krieg in der Ukraine, Rechtsruck in der Politik, die wirtschaftliche Krise mit der Frage, wie wir Gesundheit und die Rente künftig noch bezahlen sollen. Hinzu kommt, dass Jugendliche über Social Media heute ganz anders in Konkurrenz stehen, schön auszusehen. Es gibt digitales Mobbing. Das ist ein Hintergrundrauschen von Problemen, das auf die jungen Gehirne einwirkt und zu einem erhöhten Erregungsniveau führt. Dann können einzelne Anlässe Stress zu haben, sich eher zu einem Dauerstress summieren.

Das empfinden auch viele Eltern so. Und sie wollen ihr Kind vor noch mehr Stress beschützen. Das geht so weit, dass im Freundeskreis diskutiert wird, ob man sein Kind aufs Gymnasium geben soll.

Eltern und auch Lehrer meinen es gut, manchmal zu gut. Zu viel beschützen stärkt das Kind nicht, sondern schwächt es. Wenn ein Kind gute Noten hat und die Eltern es trotzdem nicht aufs Gymnasium schicken, vermitteln sie: „Wir trauen Dir das nicht zu“. Psychisch günstiger für das Kind wäre es zu sagen: „Das wird keine leichte Sache, aber du hast unsere Unterstützung. Da kann auch mal ne Fünf bei rauskommen, aber das bügeln wir dann wieder aus.“ Insgesamt bräuchten wir wieder einen positiveren Leistungsgedanken mit einer guten Fehlerkultur. Wir wollen doch Kinder, die Rückschläge aushalten und sich danach wie ein Schilf im Wind trotzdem wieder aufstellen.

Ein Beispiel zum Schuljahresstart: Das Kind weint morgens und will nicht in die Schule. Wie reagiert man richtig?

Ich würde auf keinen Fall darüber hinweggehen. Auch Sätze, wie: „Das wird schon, du bist doch toll oder du schaffst das schon“, kann man weglassen. Die bringen dem Kind nichts. Es fühlt sich ja gerade genau anders. Ich würde das Empfinden unbedingt ernst nehmen, das Kind abholen, seine Gefühle benennen: „Du bist nervös. Ich bin es auch. Wir müssen das gemeinsam schaffen.“ Und dann einen Vorschlag machen. Ich übergebe dich der Lehrerin oder begleite dich bis zu deiner Freundin und nach der Schule machen wir was Schönes und schauen weiter. Wichtig ist auch, dass man sich als Eltern selbst nicht zu viel Sorgen macht. Manche Kinder sagen mir: „Wenn ich schon das Gesicht meiner Mutter sehe, wird mir schlecht.“

Wann wäre der Punkt, wo man sich als Eltern ernsthaft Sorgen machen sollte?

Wenn das Kind sich über Tage und Wochen zurückzieht, würde ich mit den Lehrkräften sprechen. Die meisten Eltern kommen zu spät. Dabei ist es normal, dass man in der Kindheit und Pubertät mal mit etwas nicht klarkommt. Das einem Kind zu sagen, entlastet. Wichtig ist, Zuversicht zu vermitteln, dass man das bewältigen kann – nicht durch Aussitzen, sondern durch einzelne Schritte des Handelns. Da kommt der Schulpsychologe ins Spiel, der fragt, woran liegt es genau? Was würde dir guttun? Das Kind kann sich dann mal aussprechen. Vielleicht braucht es in einzelnen Fächern Unterstützung? Ich finde ohnehin, dass wir mehr in individuelle Förderung investieren müssen. Diese Schülergeneration lebt in einer komplexeren Welt, die auch Angst macht. Wir haben in den Klassen einen unterschiedlichen Leistungsstand und sehr unterschiedliche Unterstützung zu Hause. Eine gleiche Behandlung für alle funktioniert nicht mehr.

Welchen Satz würden sie den Schülern zum Schulstart mit auf den Weg geben?

Sei neugierig! Du wirst viel für dein Leben erfahren. Fragen stellen und Fehler machen ist ok und – auch wenn’s mal nervt oder schwer ist – hol dir Hilfe und bleib dran.

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