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14.04.2026
16:06 Uhr
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Die Stadt war zu Festspielzeiten Besuchsziel Adolf Hitlers und jahrelang Heimat von Houston Stewart Chamberlain, Vordenker der Nationalsozialisten. Kritiker fordern bei der Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit mehr Tempo.

Seit Jahren gibt es in Bayreuth Pläne für ein Dokumentationszentrum zur NS-Ideologiegeschichte – die Stadt war jahrelang Heimat von Houston Stewart Chamberlain, einem, wenn nicht dem völkischen und antisemitischen Vordenker der Nationalsozialisten und Schwiegersohn Richard Wagners. Nun könnte es aus Kostengründen auf eine deutlich kleinere Version des Dokuzentrums hinauslaufen, für die sich am Montag der 17-köpfige Kulturausschuss des Stadtrats bei sieben Gegenstimmen aussprach.
Ein britischer Adelsspross, glühender Wagnerianer und Richard-Wagner-Schwiegersohn, gilt als ein Wegbereiter der nationalsozialistischen Rassentheorie. In seinem ehemaligen Wohnhaus in Bayreuth soll nun ein Dokumentationszentrum entstehen.
Zuvor hatten sich die Ausschussmitglieder mit einer Machbarkeitsstudie zu dem Dokuzentrum beschäftigt, die das Kulturreferat der Stadt bei der Historikerin Henrike Claussen in Auftrag gegeben hatte und die fünf Varianten umfasst.
Das erste Szenario sieht ein großes Dokuzentrum mit zwei Standorten vor: einer – wie schon länger angedacht – im ehemaligen Wohnhaus Chamberlains an der Wahnfriedstraße 1, das nahe des Richard-Wagner-Museums liegt und bislang das dann umzusiedelnde Jean-Paul-Museum beheimatet; ein anderer im früheren Elternhaus von Hans Schemm, NSDAP-Gauleiter der Bayerischen Ostmark, einstiger Bayerischer Kultusminister und Gründer des Nationalsozialistischen Lehrerbundes, an der Brautgasse 2. Wegen der räumlichen Distanz von gut zehn Gehminuten rät Claussen von dieser Variante ab.
Diese laut Studie überdies teuerste Variante fand im Ausschuss ebenso wenig Zustimmung wie eine umfangreiche Dauerausstellung nur im früheren Wohnhaus des Rassen-Ideologen Chamberlain. Die könnte zwar eine hohe Förderung bringen, für die klamme Stadt wäre sie aber wegen der jährlichen Betriebskosten von mindestens 600 000 Euro ebenfalls vergleichsweise teuer.
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Gleichwohl weist Claussen, die für ihre Studie unter anderem die Leiter der NS-Dokuzentren in Nürnberg, am Obersalzberg und in München befragt hat, auf die steigende Attraktivität des Kultur- und Wagner-Festspielstandorts Bayreuth durch ein Dokuzentrum größeren Umfangs hin; ebenso darauf, dass bisher keine bestehende Institution die Ideologiegeschichte des Nationalsozialismus in den Mittelpunkt stelle. „Ein solches Dokumentationszentrum bietet die Chance, ein seit Langem bestehendes Desiderat in der nationalen Erinnerungslandschaft zu beheben und Bayreuth einen besonderen Platz im Kontext der Erinnerungsarbeit zu sichern“, heißt es.
Die Stadt war zu Festspielzeiten beliebtes Besuchsziel Adolf Hitlers und habe bei der „Ideologisierung, Kulturpolitik und Selbstinszenierung des NS-Regimes“ eine „herausgehobene Rolle“ eingenommen. Die Nationalsozialisten hätten die Festspiele gezielt als Plattform genutzt, um ihre Ideologie zu verbreiten.
Kritiker monieren bereits seit geraumer Zeit, Bayreuth setze sich mit seiner Vergangenheit im Nationalsozialismus – etwa im Vergleich mit Städten wie Nürnberg – allzu spät und langsam auseinander. Auch Claussen stellt bei den Planungen zum Dokuzentrum zwischenzeitlichen „Stillstand“ fest und merkt an, es liege weder ein schlüssiges inhaltliches Konzept vor noch gebe es einen zentralen Ansprechpartner in der Stadtverwaltung für die Projektplanung.
Sollte der Stadtrat am 29. April der Empfehlung des Kulturausschusses folgen, fände die Auseinandersetzung mit der NS-Ideologiegeschichte in Bayreuth künftig im eher kleineren Rahmen statt. Die mehrheitlich befürwortete Variante ist ein sogenannter „Hub für Erinnerungskultur“ im Dachgeschoss von Chamberlains früherem Haus an der Wahnfriedstraße mit „minimaler Ausstellungsfläche“, Raum für Bildungs- und Vermittlungsarbeit und temporären Formaten auch außerhalb der Räumlichkeiten. Das Jean-Paul-Museum könnte in diesem Fall bleiben.
Diese Variante wäre deutlich günstiger, wenngleich auch sie die – in diesem Fall wohl deutlich weniger geförderte – Sanierung des Gebäudes erforderte. Allein hierfür veranschlagt die Studie Kosten von mindestens 3,3 Millionen Euro. Das Haus befinde sich „in einem sehr schlechten baulichen Zustand“, im Dachgeschoss sei es bereits zu Wasserschäden gekommen und Teile des Dachs, insbesondere auch die denkmalgeschützte Sternwarte, seien derzeit nur notdürftig mit Planen abgedeckt.
Ausschussmitglieder wollen ihr Votum gegen ein größeres Dokuzentrum im SZ-Gespräch derweil nicht als Stimme gegen die Erinnerungskultur verstanden wissen. Es tue ihm im Herzen weh, sagt eines, „aber der Haushalt gibt das nicht her“. Ein anderes Mitglied betont, die Qualität eines Dokuzentrums bemesse sich nicht allein an dessen Größe. Überdies habe man in der inhaltlichen Ausgestaltung bei einer größeren Variante weniger Spielraum, weil mehr Fördergelder mit strengeren konzeptionellen Vorgaben einhergingen.
Abzuwarten bleibt, ob der Stadtrat der Empfehlung des Ausschusses in zwei Wochen folgt oder ob die Fraktionen noch einen Kompromiss erarbeiten. Unabhängig von der künftigen Variante des Dokuzentrums herrschte im Kulturausschuss am Montag Konsens darüber, das Chamberlain-Haus im eigenen Besitz zu behalten und zu sanieren sowie einer weiteren Empfehlung Claussens nachzukommen: Sie regt an, eine zusätzliche Studie in Auftrag zu geben, um „Erinnerungsarbeit in Bayreuth zu bündeln, zu professionalisieren und für ein breites Publikum zugänglich zu machen“.
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