SZ 03.05.2026
14:52 Uhr

(+) Bayerische Geschichte: Ein neuer Schatz der Wittelsbacher


Die staatliche Münzsammlung in München hat mehrere wertvolle Orden ersteigert. Sie bezeugen die Geschichte der Herzöge in Bayern, einer wittelsbachischen Nebenlinie.

(+) Bayerische Geschichte: Ein neuer Schatz der Wittelsbacher
Der Orden vom Pfälzer Löwen aus dem Jahr 1768. Die staatliche Münzsammlung hat ihn im März ersteigert. Foto: Sebastian Beck

Schwer zu sagen, was mehr funkelt. Die auf Samt gebetteten Orden oder die Augen von Martin Hirsch. Der Leiter der staatlichen Münzsammlung in München wirkt überaus glücklich mit seinem kleinen Schatz, den er sich vor ein paar Wochen ersteigert hat. Es kommt nicht allzu oft vor, dass er sich per Telefon bei einer Auktion einklinkt, aber in diesem Fall handelte er gewissermaßen in höherem Auftrag: Ein deutsches Auktionshaus hatte diverse Ehrenzeichen aus dem Besitz der Familie von Wilhelm Herzog in Bayern (1752–1837) zur Versteigerung angeboten, verbunden mit dem Hinweis, dass diese eigentlich in ein Museum gehörten. Dieser Meinung war auch Hirsch.

Als Chef eines eher kleinen staatlichen Museums verfügt er allerdings nur über einen bescheidenen Etat für Ankäufe. Dennoch gelang es ihm, unterstützt vom Freundeskreis und dem Haus Wittelsbach, einen hohen fünfstelligen Euro-Betrag aufzutreiben und die wertvollen Stücke so für den Freistaat zu sichern. Obendrein gewährte das Auktionshaus einen Rabatt, wer aber wie viel genau beitrug, darüber herrscht diskretes Schweigen.

Orden sind nicht nur schön anzusehen, sie erzählen vor allem die Geschichte ihrer Träger. So auch im Falle des Pfälzer Löwenordens aus dem Jahr 1768, dem wertvollsten Neuzugang der staatlichen Münzsammlung. Er ziert eine weiß-blaue Schärpe, die erkennbare Gebrauchsspuren aufweist. Das liegt daran, dass ihr Besitzer immerhin 84 Jahre alt wurde und die Auszeichnung bereits als sechzehnjähriger Jüngling erhalten hatte. Seine Verdienste dürften zu diesem Zeitpunkt zwar eher überschaubar gewesen sein. Aber bei der Verleihung von Orden ging es im 18. Jahrhundert nicht etwa um die Würdigung von langjährigem Engagement oder sportlichen Höchstleistungen, sondern in erster Linie um die Festigung von Familienbanden und Adelsbeziehungen. Und deshalb wurde Wilhelm Pfalzgraf und Herzog von Zweibrücken-Birkenfeld zu Gelnhausen 1768 von Kurfürst Carl Theodor in den Ritterorden vom Pfälzer Löwen aufgenommen.

Man mag das für eine eher unbedeutende historische Fußnote halten, aber der einstige Knabe aus der Pfalz trug seit 16. Februar 1799 als Erster den neuen Titel Herzog in Bayern – ein kleiner, aber bedeutender Unterschied zu Herzog von Bayern. Wilhelm wurde dank der Beförderung durch den Kurfürsten und späteren König Max Joseph zum Ahnherren einer Nebenlinie der Wittelsbacher, die bis heute mit ihrem Chef Max Emanuel Herzog in Bayern fortgeführt wird.

Das Wort Nebenlinie klingt erst einmal ziemlich unfreundlich. Aber Wilhelm Herzog in Bayern und seine Nachfahren waren nicht etwa Vice Presidents for Forgotten Things, sondern sie spielten im europäischen Hochadel eine bedeutende Rolle. Davon zeugt ein weiteres Prunkstück der Versteigerung aus dem Familienbesitz der Herzöge in Bayern: der Orden der Edlen Damen der Königin Maria Luisa von Spanien.

Das gute Stück aus der Zeit um 1860 ist in mint condition, also ungetragen. Sogar das Schulterband liegt noch säuberlich aufgerollt in der zugehörigen Schatulle. Auf deren Unterseite klebt der handschriftliche Hinweis, dass der Orden für immer und ewig in Besitz des Hauses bleiben solle. Eine Anweisung, gegen die mehr als 160 Jahre später offenkundig verstoßen wurde. „Aus der königlichen Familie“ heißt es im Katalog des Auktionshauses bezüglich der Herkunft. Wer genau all die Orden zur Versteigerung gegeben hat, das vermag auch Martin Hirsch nicht zu sagen.

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Bekannt hingegen ist, wer vom Spanischen Königshaus geehrt wurde: Herzogin Ludovika in Bayern, die von 1808 bis 1892 lebte. Die Frau galt mit ihrer Liebe zur Natur und Leutseligkeit als Nonkonformistin. Sie residierte meist alleine mit ihren zehn Kindern in Possenhofen am Starnberger See oder auch am Tegernsee, während sich ihr Gatte Max Joseph anderswo herumtrieb. Eine von Ludovikas Töchtern, Elisabeth Amalie Eugenie in Bayern, heiratete 1854 ihren Vetter Franz Joseph I. und wurde so zur Kaiserin von Österreich – und als Sisi überdies zur Legende.

Auch die anderen Ehrenzeichen, die nun in der staatlichen Münzsammlung aufbewahrt werden, bezeugen die weit verzweigte Geschichte der bayerischen Herrscherdynastie – dazu gehören noch ein Ludwigs-Orden aus dem Jahr 1827 und ein Königlicher Erlöser-Orden von 1833 aus Griechenland, das die Wittelsbacher immerhin drei Jahrzehnte lang regierten. Und schließlich ist da noch ein äußerst fescher Michaelsorden, gestickt um das Jahr 1799, ebenfalls neu und ungetragen: „Quis ut deus“ lautet die Aufschrift – „Wer ist wie Gott?“

All diese Gegenstände sind untrennbar mit Personen aus dem Hause Wittelsbach und deren Biografien verbunden. Ihr Stammbaum gleicht freilich mehr einem weit verzweigten Buschwerk als einer schlanken Fichte. Die Heiratspolitik der vergangenen zwei Jahrhunderte und die daraus resultierenden Verwandtschaftsbeziehungen sind, gelinde gesagt, komplex. Damit darf sich nun Martin Hirsch abmühen, denn er plant bereits eine Ausstellung mit seinen Neuerwerbungen. Schließlich wurden sie nicht angeschafft, um in einem der Panzerschränke der Sammlung eine letzte Ruhestätte zu finden.

Orden und Ehrenzeichen gehören nicht unbedingt zum Kernbestand einer Münzsammlung, aber sie sind, wie Hirsch findet, eine „sehr schöne Erweiterung“. Und vielleicht locken sie auch mehr Publikum ins angeschlossene Museum am Residenzplatz 1. Die Postanschrift zählt zwar zu den exklusivsten Bayerns, trotzdem liegt der Eingang etwas versteckt unter einem Torbogen. Drinnen erwartet Besucher die größte numismatische Bibliothek Deutschlands, ein spektakulärer Saal, der auch schon als Drehort für Filme diente. Die Sammlung wurde bereits Ende des 16. Jahrhunderts von Herzog Albrecht V. gegründet, von den Schweden im Dreißigjährigen Krieg geplündert und später kontinuierlich erweitert. Schätzungsweise 300 000 Exponate, zumeist Münzen und Scheine, aber auch Medaillen lagern hier.

Vom ausufernden Ehrungswesen der vergangenen Jahrhunderte ist nicht mehr allzu viel übrig geblieben. Immerhin, die Wittelsbacher verleihen noch den Hubertus- und den Georgsorden als sogenannte Hausorden. Die exklusivste Auszeichnung, die heute der Freistaat Bayern vergibt, ist der Maximiliansorden – die Zahl der lebenden Inhaber ist auf hundert begrenzt. Der Bayerische Verdienstorden ähnelt nicht nur zufällig dem Pfälzer Löwenorden, jener ist tatsächlich sein historisches Vorbild. Die maximal 2000 Träger des Verdienstordens dürfen sich über ihr hohes Ansehen freuen und einige im Vergleich zu früher bescheidene Privilegien genießen: Zeitlebens erhalten sie freien Eintritt in die staatlichen Museen Bayerns und kostenlose Fahrten auf dem Ammersee, Tegernsee, Starnberger See und dem Königssee.

Der bayerische Kurfürst und sein Leben zwischen zwei Frauen, Krieg und Exil – erzählt in 900 Briefen an seine Mätresse Gräfin von Arco.

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