SZ 22.03.2026
12:07 Uhr

(+) Abstiegsduell der Bundesliga: Werder vergrößert die Wolfsburger Existenzangst


Im Kämpfen-Kratzen-Beißen-Modus finden sich die Gäste aus Bremen inzwischen besser zurecht als der teure Kader des VfL Wolfsburg. Die Folgeeffekte des 0:1 sind unübersehbar.

(+) Abstiegsduell der Bundesliga: Werder vergrößert die Wolfsburger Existenzangst

In der 74. Minute versammelten sich noch einmal 35 bis 40 Millionen Euro an der Seitenlinie. Selbstverständlich war das Geld dort nicht in Geldkoffern verstaut, so weit würden sie es selbst beim VfL Wolfsburg nicht treiben, aber den gängigen Datenbanken ist es nun mal so zu entnehmen: Der Kroate Lovro Majer hat, je nach Höhe der geleisteten Bonuszahlungen, die stolze Ablöse von 25 bis 30 Millionen Euro gekostet; für den Japaner Kento Shiogai wurden erst in diesem Winter zehn Millionen hingelegt. Die beiden nicht gerade günstigen Fußballprofis warteten also auf ihre Einwechslung, und es wäre gemein, die Schuld allein bei ihnen abzuladen. Immerhin standen noch weitere lebende Beweise für die beliebteste aller Fußballweisheiten auf dem Rasen der Wolfsburger Arena: Geld ist keine Garantie für Tore. Und übrigens auch keine Garantie dafür, sich auf ewig existenzieller Sorgen zu entziehen.

Der VfL Wolfsburg hat am Samstag nicht nur keinen Treffer erzielt, er hat zudem einen Treffer kassiert. Und das spannenderweise gegen einen ebenfalls sehr abstiegsbedrohten Klub, der die Kritik aushalten muss, in der jüngeren Vergangenheit mit deutlich weniger Geld nicht ausschließlich Produktives angestellt zu haben. Werder Bremens 1:0-Sieg beim Werksklub war nicht schön, nicht stilbildend, womöglich lassen sich aus dieser Partie nicht mal steile Thesen produzieren, die das Ende dieser Saison überdauern werden. Wolfsburg und Werder sind nicht gerade artverwandte Klubs, sie kämpfen gerade nur gegeneinander ums selbe Ziel: irgendwie die Ligazugehörigkeit zu erhalten, zur Not mit einem Fußball, der nicht mal den Fußballern selbst Freude bereitet.

Schiedsrichterchef Knut Kircher spricht über die Fehler der Bundesliga-Referees, die Härte der Kritik, die Zukunft des VAR – und erklärt, warum es in Deutschland gerade keinen Top-Referee gibt.

In dieser Saisonphase, so sagte Werders an diesem Tag mal wieder exzellenter Torwart Mio Backhaus, gebe es „letzten Endes nur Sechs-Punkte-Spiele“. Mathematisch war diese Behauptung anfechtbar, gemeint war aber die Bedeutung dieser Partie, mit all ihren Folgeeffekten für die Tabellen- und Stimmungslage bei den jeweiligen Klubs: Bremen hat den Tabellenvorletzten Wolfsburg nun auf sieben Punkte distanziert; bei noch sieben ausstehenden Ligaspielen bedeutet das einen beachtlichen Vorsprung, der auf der einen Seite Zuversicht weckt und auf der anderen Defätismus verstetigt. Wie sehr die Gefühle im Kampf um den Klassenverbleib ausschlagen können, wurde in den Räumlichkeiten der Wolfsburger Arena dann an allen Ecken und Enden sichtbar.

Während die Wolfsburger Spieler nach dem Abpfiff in ihrer jeweiligen Landessprache fluchend in die Kabine stapften, scherzten der Japaner Yukinari Sugawara und der Halbjapaner Backhaus in ihrer Landessprache mit den japanischen Reportern. Diese reisen den beiden Bremern überall hinterher, um jede ihrer Handlungen in heimischen Medien zu dokumentieren. Der VfL-Sportdirektor Pirmin Schwegler rang (größtenteils vergebens) um Worte, wohingegen Werders Sportchef Clemens Fritz mit Blick auf den Arbeitseifer seines Teams ein „Riesenkompliment“ ausstellen konnte. Wolfsburgs Angreifer Jonas Wind analysierte mit finsterer Miene, dass man als Klub nicht alles richtig gemacht haben könne, wenn man in dieser Saison beim dritten Trainer angelangt sei. Dieter Hecking, besagter dritter Wolfsburger Trainer, stellte fest: „Die Situation wird jetzt nicht einfacher.“ Daniel Thioune, Bremens zweiter Coach in dieser Saison, saß wesentlich besser gelaunt bei der Pressekonferenz vorn auf dem Podium und durfte feierlich verkünden: „Wir sind komplett angekommen im Abstiegskampf.“ Und das war ausdrücklich als Lob gemeint, weil sein Team auf die vielfach erprobten Stilmittel Kämpfen, Kratzen, Beißen zurückgegriffen habe.

Das Spiel als solches war so, wie man sich ein Abstiegsduell eben vorstellt, wenn der Druck groß und das Selbstbewusstsein überschaubar ist: schlecht. Wolfsburg und Werder wandten sich jeweils Fehlervermeidungsstrategien zu, sie verteidigten, was zu verteidigen war – und vorn wurde jeweils darauf vertraut, dass der Gegner dann doch einen Fehler mehr machen würde als man selbst.

„Widerstandsfähigkeit“ sei gefragt gewesen, sagte Bremens Mittelfeldmann Leonardo Bittencourt, sowie die Bereitschaft, auch mal zu „leiden“. Im Nachhinein lassen sich natürlich sämtliche Spielszenen so interpretieren, dass sie in ein größeres Erzählmuster passen, am Samstag aber war es in den entscheidenden Momenten nicht zu übersehen: Die Darbietung des Wolfsburger Teams hatte zwar nichts mit jenen Totalverweigerungen zu tun, wie es sie in den vergangenen Wochen zuhauf gegeben hatte. Auf das, was in einem Duell dieser Art gefragt war, wirkten die Bremer aber besser vorbereitet als die bunt zusammengestellte Werkself. Die kann zwar 35 bis 40 Millionen Euro teure Fußballer an der Seitenlinie als Drohung auftreten lassen – diese Spieler jedoch sind mit ganz anderen Ambitionen in die Autostadt gekommen und müssen sich mit der aktuellen Krisenlage weiterhin arrangieren. „Uns fehlt die Leichtigkeit“, stellte Schwegler zutreffend fest: „Es werden weniger Spiele und weniger Chancen, aber es ist noch nicht alles verloren.“

Wobei auch bei den Bremern nichts leicht wirkte, auch nicht Justin Njinmahs Siegtreffer nach einem abgefälschten Schuss (68. Minute). Werders Mannschaft – oder das, was aufgrund des verletzungsbedingten Ausfalls der halben Startelf übrig geblieben war – schien sich jedoch mit jeder vollzogenen Spielminute, mit jedem gewonnenen Zweikampf besser mit der Gesamtlage zurechtzufinden. Routiniers wie Mittelfeldmann Bittencourt oder Kapitän Marco Friedl gewährleisteten zudem jene Rückendeckung, die einer wie Mio Backhaus benötigt, der erst 21-jährige Bremer Torwart tut sich inzwischen Woche für Woche als stabiler Rückhalt seines Teams hervor.

Gegen Wolfsburg hielt er, was er halten musste; parallel mit seinen Leistungen wachsen seine Ausstrahlung sowie die von ihm ausgestrahlte Sicherheit. Von seinem Coach Thioune bekam Backhaus für seinen Auftritt in Wolfsburg daher eine wohlverdiente „Eins mit Sternchen“ verliehen. „So ein Sieg schadet nie“, sagte Backhaus selbst dazu. Und lächelte, als er die simple Wahrheit hinter diesem Satz entdeckte.

Mit Dieter Hecking gewann der VfL Wolfsburg seinen bislang letzten Titel, nun soll der 61-Jährige den Abstieg des Klubs verhindern. Sein Plan? Er will keine „leeren“ Spielergesichter mehr.

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