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01.07.2026
09:46 Uhr
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Selbst der stets mäkelnde Trainer Javier Aguirre ist nach dem enorm überzeugenden Einzug ins Achtelfinale begeistert. Sein Rezept geht bestens auf: Tiki-Taco statt Tiki-Taka.

Julián Andrés Quiñones wäre vor der WM fast übersehen worden, weil er in der saudischen Liga spielt. Nun fliegt er mit Mexiko ins Achtelfinale. Ricardo Mazalan/AP Photo
Stadionchöre werden von ihren Besuchern regelmäßig erneuert; das Aztekenstadion bildet da keine Ausnahme. „Sí se puede“, hieß es traditionell im Stakkato, den Spruch adaptierte ein gewisser Barack Obama und übersetzte ihn zu einem „Yes, we can!“, das in die Geschichte der Politikkampagnen einging. Weniger korrekt hingegen ist jener Ruf, der traditionell bei Abstößen des Torwarts erschallt und auch am Dienstag beim Spiel gegen Ecuador klar zu hören war: „Puuuu-to!“ Es ist ein Schrei, der vom Weltverband Fifa als homophobe Entgleisung verfolgt worden ist („puto“ bedeutet „Schwuchtel“), nur bei der laufenden Fußball-Weltmeisterschaft, so weit bekannt, noch nicht.
Wie dem auch sei: Am Dienstag dominierte ein anderer Ausruf, der halb Feststellung, halb Frage ist: „¡¿Y sí sí?!“ Zu Deutsch heißt das in etwa: „Und wenn doch?“ Er steht dafür, dass Mexiko träumt, endlich mal bei der WM zu triumphieren. Nach dem enorm überzeugenden 2:0-Sieg gegen Deutschland-Bezwinger Ecuador gilt das mehr denn je. Sogar der gern mäkelnde Trainer Javier „El Vasco“ Aguirre wähnte sich nahe der Perfektion. Es fehlte allenfalls „ein Whisky“ zum vollkommenen Glück, sagt er.
Ist wohl besser so, dass Deutschland ein Achtelfinale gegen Frankreich erspart bleibt. Beim 3:0 gegen Schweden liefert die Deschamps-Elf eine Demonstration ab – und beschert ihrem Coach einen emotionalen Moment.
Aguirre, der zum dritten Mal in seiner Karriere die Auswahl seines Landes betreut, war über den Vortrag seiner Mannschaft nicht bloß begeistert, er war stolz. „Wir haben sie annulliert“, sagte Aguirre und hob das umso mehr hervor, als er daran erinnerte, Ecuador habe in der Gruppenphase doch glatt Deutschland geschlagen. Das sollte offenkundig der Stärkung des mexikanischen Selbstwertgefühls dienen – und das wiederum bedeutet, dass der Ruf des deutschen Fußballs bislang nicht atomisiert worden ist. Zumindest nicht in Mexiko. Andererseits lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Leistung der Mexikaner – insbesondere in der ersten Halbzeit – Lichtjahre vom drögen Vortrag des Teams von Julian Nagelsmann entfernt war. Aguirres mexikanisch gewürztes Rezept – Tiki-Taco statt Tiki-Taka – ging bestens auf.
Den ersten Treffer der Mexikaner steuerte ein gebürtiger Kolumbianer bei, der fast übersehen worden wäre, weil er in der saudischen Liga spielt: Julián Andrés Quiñones, der seine persönliche WM-Ausbeute auf drei Treffer schraubte und nun an der Hälfte der mexikanischen Tore beteiligt war. Roberto Alvarado, genannt El Piojo („die Laus“), hatte den Ball in die Tiefe gelöffelt; Quiñones startete aus der eigenen Hälfte in den freien Raum, schlug im Strafraum noch einen Haken und jagte den Ball danach ohne Gnade aus 14 Metern in den linken oberen Winkel (22. Minute). Beim zweiten Treffer steuerte Quiñones die Vorlage bei. Ecuadors Joel Ordóñez leistete sich einen Fehlpass im Spielaufbau, Raúl Jiménez spielte Doppelpass mit Quiñones und zielte ebenfalls in den Torwinkel, nur in den rechten, nicht in den linken (31.). Eine digitale Plattform, die sich auf die Messung von seismischen Bewegungen versteht, teilte mit, die Erde im Aztekenstadion habe gebebt.
Ob Trainer Aguirre das mitbekommen hat, blieb offen. Bedeutender war für ihn dies: „In der zweiten Halbzeit haben wir große Reife gezeigt“, sagte er. Das stimmte ihn umso zufriedener, als er überzeugt davon war, dass Ecuador ein unbequemer Gegner war und ist. Die Südamerikaner waren allerdings am Ende der Partie so entnervt, dass der frühere Bundesligaprofi Piero Hincapié in der Schlussphase eine rote Karte neuen Typs sah. Hincapié hielt sich die Hand vor den Mund und redete auf den Mexikaner Santi Giménez ein, der wiederum beim Schiedsrichter petzte. Der ehemalige Leverkusener habe ihn schwer beleidigt, erklärte Giménez.
Zu diesem Zeitpunkt war im Stadion schon spontan und a cappella das Lied „Cielito lindo“ angestimmt worden, es ist die offiziöse Hymne des Landes. Die Euphorie hatte diverse Gründe: Zum ersten Mal in der WM-Geschichte schaltete eine Auswahl des Concacaf-Verbandes (Nord-, Mittelamerika und Karibik) ein südamerikanisches Team aus. Zudem ist Mexiko – neben Ex-Weltmeister Spanien – der einzige WM-Teilnehmer, der im Turnier bislang kein Gegentor hat hinnehmen müssen. Und: Mexiko beschaffte sich zum ersten Mal seit 1986 „ein fünftes Spiel“ bei einer WM. Traditionell ist für die Mexikaner im Achtelfinale Feierabend; lediglich 1970 und 1986 haben sie es bis ins Viertelfinale geschafft. Der kleine Makel ist, dass diesmal das „fünfte“ Spiel bloß ein Achtelfinale ist (möglicher Gegner: England), weil die Fifa ein Sechzehntelfinale aus dem Hut gezaubert hat.
Bei der Fußball-WM 2026 läuft die K.-o.-Runde. Deutschland scheidet im Sechzehntelfinale aus. Der Spielplan mit allen Spielen, Terminen und Gruppen.
Daran, dass Mexiko verdient in die zweite K.-o.-Runde eingezogen ist, gebe es nichts zu deuteln, sagte wiederum Ecuadors Trainer Sebastián Beccacece, der nach dem Ausscheiden gewohnt wortreich seinen Abschied aus dem Amt verkündete. „Mein Vertrag läuft aus. Wir haben unsere Ziele nicht erreicht. Es erübrigt sich zu sagen, dass wir nicht weitermachen werden“, sagte der Argentinier. Er sei als Nationaltrainer Ecuadors glücklich gewesen: „Wir hinterlassen ein Erbe, das ist nicht wenig.“
Noch am Vorabend hatte er über das Chaos geklagt, das zu den Faktoren gehört, die der Stadt innewohnen: Die Fahrt vom Flughafen ins Hotel dauert satte drei Stunden, die hauptsächlich im Stau verbracht wurden; dann waren eine Reihe von mexikanischen Anhängern so frei, ihre Gäste mit einer Serenade mit Pyro-Untermalung zu unterhalten. An Schlaf war, in anderen Worten, nicht zu denken. Als die Ecuadorianer im Aztekenstadion am Dienstag angelangt waren, mussten sie eine Stunde auf den Spielbeginn warten. Wegen eines Gewitters wurde der Anpfiff gemäß den herrschenden Sicherheitsvorschriften verschoben.
Doch ob es wirklich daran lag, dass Ecuador die Mexikaner nur in zwei Situationen in Bedrängnis brachte, jeweils durch Abschlüsse eines gebürtigen Hanseaten? John Yeboah, in Hamburg geboren, streifte mit einem Linksschuss den linken Außenpfosten (18.), später fand er in Raúl „Tala“ Rangel seinen Meister. Der Torwart der Mexikaner lenkte Yeboahs zweiten gefährlichen Schuss um den Pfosten (40.). In der zweiten Halbzeit war derlei nicht zu sehen, sodass es beim 2:0 blieb. Bei einem Sieg, der die Mexikaner – „¡¿Y sí sí?!“ – hoffen lässt. Denn sie haben bei drei Weltmeisterschaften noch nie im Aztekenstadion verloren, das am Sonntag Schauplatz ihres Achtelfinales sein wird.
Zum dritten Mal empfängt die Stadt die Fußballwelt. 1970 stand hier für Pelé und seine Brasilianer sozusagen alles still. Und heute? Zeigt Guadalajara, worauf es wirklich ankommt – und was die Fifa nicht verstehen will.
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