Heise 12.05.2026
13:37 Uhr

Zahlen, bitte! 5400 Kilometer über die Arktis im ersten Nordpolüberflug


Über 5400 Kilometer in 72 Stunden sind Roald Amundsen und seine Gefährten 1926 über den Nordpol geflogen – als erste Menschen der Welt.

Zahlen, bitte! 5400 Kilometer über die Arktis im ersten Nordpolüberflug

16 Männer und eine Hündin – das war die Besatzung des Luftschiffs, das zum ersten Mal in der Geschichte den geographischen Nordpol überflog. Genau 100 Jahre ist dieser Flug nun her, der, wie die New York Times 1926 titelte, „Arktis-Geschichte schreiben“ sollte.

Geleitet wurde die Expedition über den Nordpol von dem norwegischen Entdecker Roald Amundsen. Auch an Bord: der italienische Luftschiff-Konstrukteur Umberto Nobile mit seinem Foxterrier-Mischling Titina und der US-amerikanische Polarforscher Lincoln Ellsworth. Letzterer unterstützte das Unterfangen mit 100.000 US-Dollar. Heutzutage wird der Flug deswegen oft „Amundsen-Ellsworth-Nobile-Expedition“ genannt.

Gestartet ist die „Norge“ am 11. Mai 1926 im norwegischen Ny-Ålesund auf Spitzbergen. 72 Stunden lang war das Luftschiff auf der über 5400 Kilometer langen Strecke unterwegs, bis es am 14. Mai in Alaska landete. Die Entdecker hatten es kurz zuvor von der italienischen Regierung gekauft und von „N-1“ in „Norge“ (norwegisch für „Norwegen“) umgetauft.

Den Pol überflog die „Norge“ am 12. Mai 1926 um 2:25 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Dort platzierte die Besatzung insgesamt drei Fahnen, wie sie in einem Funkspruch bekannt gegeben hatte, den die New York Times damals abdruckte: „Zuerst ließ Roald Amundsen die norwegische Flagge herab, dann Ellsworth die Stars and Stripes und schließlich Nobile die italienische Flagge.“

Auf dem Weiterflug nach Teller in Alaska wollte die Besatzung „Festland, von dem wir glauben, dass es sich irgendwo im unerforschten Teil der Arktischen Ozeans befindet“ entdecken, wie Roald Amundsen in einem Interview vor der Expedition preisgab. Dichter Nebel sowie Beschädigungen an der Hülle des Luftschiffs, die von der Besatzung notdürftig versorgt werden mussten, machten dies jedoch unmöglich.

Trotz des erfolgreichen Ausgangs hat die Amundsen-Ellsworth-Nobile-Expedition eine tragische Vorgeschichte. Bereits 1925, ein Jahr vor dem „Norge“-Überflug, hatte Amundsen versucht, den Nordpol mit den zwei Flugbooten N24 und N25 des Typs Dornier Do J Wal zu überqueren.

Bei einer Routinelandung wurde die Besatzung durch erhebliche Schäden an der N24 jedoch dazu gezwungen, das Gefährt auf dem arktischen Eis zurückzulassen. 25 Tage lang verharrten die Männer dort, bis sie es schafften, wieder mit der N25 abzuheben und zurück nach Norwegen zu fliegen. Den Nordpol erreichten sie nicht.

Der Polarforscher Richard Evelyn Byrd soll den Nordpol zusammen mit dem Piloten Floyd Bennett zudem schon drei Tage vor der „Norge“ überflogen haben – das behaupteten die beiden US-Amerikaner zumindest. Dass sie den Nordpol jedoch jemals erreicht haben, ist nicht bewiesen und wurde bereits damals stark angezweifelt.

Schon 1909 soll der Nordpol erstmals zu Fuß von dem ebenfalls US-amerikanischen Forscher Robert Edwin Peary erreicht worden sein, wie dieser behauptete. Der Forscher Frederick Cook warf ihm vor zu lügen und gab an, den Nordpol selbst bereits 1908 erreicht zu haben, 18 Jahre vor dem „Norge“-Flug. Heutzutage gibt es starke Zweifel daran, dass einer von ihnen den Nordpol erreicht hat. Die Amundsen-Ellsworth-Nobile-Expedition von 1926 gilt damit als erste gesicherte Erreichung des geografischen Nordpols.

Im Jahr 1928, zwei Jahre nach der Expedition, verschwand Roald Amundsen schließlich spurlos. Unter seinem von der New York Times zitierten Motto: „Schnelle Hilfe ist doppelte Hilfe“ wollte er Umberto Nobile retten. Dieser war zuvor mit seinem Luftschiff „Italia“ auf einer umhertreibenden Eisscholle in der Arktis abgestürzt. Nobile und große Teile der „Italia“-Besatzung wurden gerettet. Von Amundsens Flugzeug konnten hingegen nur noch einige Trümmer geborgen werden. Es wird vermutet, dass er beim Rettungsversuch von Nobile abgestürzt und gestorben ist.

Dem bewegten Leben des Entdeckers Roald Amundsen widmet sich unter anderem ein Museum in seinem ehemaligen Wohnhaus im norwegischen Uranienborg.

Demnach hatte der 1872 geborene Amundsen schon sehr früh Interesse an der Polarerkundung. Zwischen 1903 und 1906 hat er dann auf der Gjøa-Expedition als erster Mensch die Nordwest-Passage mit einem Schiff durchquert. Der Seeweg führt durch Kanadas arktischen Archipel bis nach Alaska. Er verbindet den Atlantischen und den Pazifischen Ozean und bietet damit eine wichtige Handelsroute und heutzutage zudem einen idealen Verlauf für transkontinentale Seekabel.

1911 erreichte Amundsen mit seiner Fram-Expedition zudem als erster Mensch den Südpol. Er gewann das Rennen zum Pol nur knapp gegen die britische Terra-Nova-Expedition, deren Mitglieder am Südpol nur noch die norwegische Flagge und einige Zelte vorfanden und auf dem Rückweg ums Leben kamen. Amundsen und sein langjähriges Besatzungsmitglied Oscar Wisting waren damit weltweit die ersten Menschen am Nord- und Südpol.

Nach dem Flug über den Nordpol 1926 hatte Amundsen erklärt, dass die Expedition sowohl wissenschaftliche als auch kommerzielle Erkenntnisse hervorgebracht hätte. „Ich bin mir sicher, dass Luftschiffe in einer vergleichsweise kurzen Zeit regelmäßig Passagiere, Güter und Post über diese Route transportieren“, so der Entdecker. Entgegen seinen Erwartungen fanden nach dem Absturz von Nobiles „Italia“ und Amundsens Tod jedoch vorerst keine Nordpolüberflüge mehr statt, von einigen Versuchen der Sowjetunion abgesehen.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Frage nach kommerziellen Flügen über die Polarroute erneut gestellt. Ab 1954 bot schließlich Scandinavian Airlines (SAS) kommerzielle Flüge über die Route an. Zuerst nur zwischen Europa und Nordamerika, später auch in Richtung Asien. Es war das erste Flugunternehmen weltweit, das Linienflüge über die Polarroute angeboten hat.

Mit dem Ende des Kalten Krieges hat die Flugroute über den Nordpol an Bedeutung verloren. Fortan war es möglich, den direkten Weg über den russischen Luftraum und mit Zwischenlandung in Sibirien zu wählen. Seit dem Beginn des Ukraine-Krieges wird die Polarroute jedoch wieder häufiger genutzt, denn der russische Luftraum ist für die meisten westlichen Airlines gesperrt.

Doch die Polarroute ist nicht ungefährlich, wie das Bundesamt für Strahlenschutz erklärt. Je nach Flughöhe, Flugdistanz, Route und Sonnenaktivität sind Flugzeugpassagiere immer einer gewissen Höhenstrahlung ausgesetzt. Das Erdmagnetfeld gilt normalerweise als natürliche Abschirmung gegen die Strahlung. Am Nord- und Südpol wirkt diese Abschirmung jedoch besonders schwach. Passagiere sind auf der Polarroute also einer besonders starken Strahlenexposition ausgesetzt.

(mho)