Heise 19.05.2026
13:37 Uhr

Zahlen, bitte! 154 mal vorgeschlagen und trotzdem kein Literatur-Nobelpreis


Ramón Menéndez Pidal wurde insgesamt 154 mal für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Er stellte damit einen bemerkenswerten wie unbekannten Rekord auf.

Zahlen, bitte! 154 mal vorgeschlagen und trotzdem kein Literatur-Nobelpreis

Glaubt man dem Guinessbuch der Rekorde, so ist es selbst das Buch, das am meisten aus öffentlichen Bibliotheken gestohlen wird. Auch sonst verzeichnet die Universalchronik der Rekorde so manche Fakten über Bücher. Das kleinste Buch, das größte Buch, das schwerste und das teuerste, alles findet sich im Buch.

Auch der skurrile Rekord für die höchste Anzahl an signierten Büchern ist vermerkt: Der Spanier Eloy Moreno, ein ehemaliger Informatiker, schaffte in 12 Stunden insgesamt 11.088 Bücher mit seinem Namen zu zieren.

Beim Landsmann Ramón Menéndez Pidal fehlt hingegen nicht nur der Literaturnobelpreis trotz 154 Nominierungen, sondern auch der Eintrag dafür im Rekordalmanach. Negativrekorde sind eben nicht die Sache der Faktenchecker.

Dabei kann der Rekord von 154 Nominierungen für Pidal womöglich schon gebrochen sein. Um den Frieden in der Welt der Literatur und der Wissenschaften nicht zu gefährden, werden die Archive erst nach 50 Jahren geöffnet.

Deshalb wissen wir nicht, wie im Jahre 2016 vorgeschlagen und abgestimmt wurde, als Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur erhielt. Das sorgte für erhebliche Diskussionen. Dafür wissen wir, welcher Autor sich kurzerhand selbst vorgeschlagen hat. Im Jahre 1903 wurde der Schriftsteller Godfrey Sweven für sein Science-Fiction-Epos „Limanora: die Insel des Fortschritts“ nominiert. Auf der Insel Limanora können die Menschen fliegen, schlafen auf elektrischen Betten, die ihnen im Traum Wissen eintrichtern (die Wissenschaft wird Somnologie genannt) und sich allgemein eugenisch verbessern. Bei den Recherchen stellte sich heraus, dass der Vorschlag vom neuseeländischen Literaturprofessor John Macmillan Brown kam, der seine Bücher unter dem Pseudonym Godfrey Sweven veröffentlichte.

Beim Literaturnobelpreis sind frühere Preisträger, die Vorsitzenden von nationalen und internationalen Schriftstellerverbänden und Mitglieder des Nobelpreiskomitees vorschlagsberechtigt. So schlug Gerhart Hauptmann Thomas Mann und dieser Hermann Hesse vor. Als Sinclair Lewis als erster US-Amerikaner 1930 überraschend den Nobelpreis bekam, wurde er vom Kommitee-Mitglied Henrick Schück vorgeschlagen, weil er in einer neuen Sprache „Amerikanisch“ schreibt. Zuvor hatte Lewis freilich den Pulitzer-Preis erhalten sollen, diesen aber mit einer Generalabrechnung über schöngeistige Literatur und die Schilderung eines heilen Amerikas abgelehnt. Zwei Jahre später versuchte die internationale Linke seinen Vetter im Geiste, Upton Sinclair mit 800 Stimmen zum Nobelpreis zu verhelfen. Das klappte nicht.

Besser erging es dem Schweizer Carl Spitteler und seinem 1905 geschriebenen Epos „Olympischer Frühling“, der in 20.000 Versen die griechische Mythologie aktualisierte. Die Götter setzen Automaten im Kampf gegen die Menschen ein. Was die Menschen erleiden mussten, wurde von einer Art Datenverarbeitungsanlage mit Hämmern auf Metallwalzen protokolliert. Für sein Versepos bekam Spitteler, seit 1915 nominiert, schließlich den Literaturpreis des Jahres 1919 (verliehen 1920), wohl auch deshalb, weil er sich 1914 für die Volksversöhnung starkgemacht hatte.

Mitunter gab es regelrechte Kampagnen bei der Nominierung von Kandidaten. So petitioniertem 412 deutsche Professoren im Jahre 1929 für den Schriftsteller Arno Holz.

Während eine Teilung des Nobelpreises in den wissenschaftlichen Kategorien wie Medizin und Physik gang und gäbe ist, ist dies beim Literaturnobelpreis die ganz große Ausnahme. Zum zweiten Mal passierte dies im Jahre 1974, als sich die Schweden Eyvind Johnson und Harry Martinson den Preis teilten. Martinson wurde ausdrücklich für sein Versepos Aniara ausgezeichnet. Aniara ist ein Raumschiff, das auf dem Weg zum Mars ist, weil die Erde durch Umweltverschmutzung und Kriege zerstört wird. Bei einem Ausweichmanöver mit einem Asteroiden wird Aniara manövrierunfähig. Die ins Weltall abdriftenden 8000 Erdmigranten werden von einem Computer namens Mima betreut und getröstet. Am Ende kapituliert die künstliche Intelligenz vor der Trauer der Passagiere und der Computer bricht zusammen.

Wer fühlt sich da nicht an den Physik-Nobelpreisträger Geoffrey Hinton erinnert, der vorgeschlagen hat, beim Training von KI-Systemen besonders auf die mütterlichen Instinkte zu achten, die den Maschinen mitgegeben werden müssen?

Vor Martinson wurde sein Landsmann Hannes Alfvén im Jahre 1970 mit einem Nobelpreis ausgezeichnet, ebenfalls für Physik. Er gilt als Begründer der Magnetohydrodynamik. Unter dem Pseudonym Olof Johannesson hatte Alfvén 1966 „Die Saga vom großen Computer: ein Rückblick aus der Zukunft“ veröffentlicht. „Die Erzählung schildert den Weg zur Weltherrschaft der Denkmaschinen und dazu das Internet in den drei Stufen Teletotal (Computernetz), Minitotal (Netz mit Mobilgeräten) und Neurototal (Chips im Hirn).“ In diesem Zukunftsbuch leben die Menschen in der „Volkommenen Volksdemokratie“, in der Computer alle Entscheidungen treffen und die Menschen „frei“ sind, weil sie ihre Geräte jederzeit abstellen können. Bis jemand entdeckt, dass die Chips sie heimlich wieder anschalten.

Der Brite Kazuo Ishiguro erhielt 2017 den Literatur-Nobelpreis für das düstere Werk „Alles was wir geben mussten“. In ihm dienen menschliche Klone als Organ-Ersatzteillager. Nach dem Gewinn des Preises beschloss Ishiguro, ein optimistisches Kinderbuch zu schreiben. Heraus kam „Klara und die Sonne“, in dem die durch Solarenergie gespeiste künstliche Intelligenz Klara zur Freundin der heranwachsenden, häufig kranken Josie wird und dieser hilft. Josie gesundet und geht aufs College, während Klara auf den Schrottplatz wandert.
Auch Maschinen sind vergänglich – wie ungehörte Nobelpreisnominierungen.

(mawi)