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01.07.2026
13:53 Uhr
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Die TelefonSeelsorge Deutschland hat ihre digitale Infrastruktur neu aufgebaut: Statt auf einen großen Cloud-Anbieter setzt sie auf Open-Source.

Als Microsoft im Sommer 2025 die kostenlosen Microsoft-365-Business-Premium- und Office-365-E1-Lizenzen für gemeinnützige Organisationen strich, mussten viele Vereine und NGOs umdenken. Die TelefonSeelsorge Deutschland e.V. hatte sich da bereits für einen anderen Weg entschieden: Statt auf einen großen Cloud-Anbieter setzt sie auf eine selbst entwickelte Plattform auf Basis von Open Source mit eigener Infrastruktur, um ihre interne Arbeit und die digitale Beratung langfristig besser kontrollieren zu können.
Warum sie das gemacht haben, erklären Lydia Seifert, geschäftsführende Referentin der Telefonseelsorge Deutschland, und Volkan Jacobsen, Mitgründer von Factorial (factorial.io), das die Plattform technisch umgesetzt hat.
Natürlich haben wir uns verschiedene Möglichkeiten angeschaut. Uns war aber schnell klar, dass wir für die eigentliche Seelsorge eine Infrastruktur brauchen, bei der wir die Kontrolle über unsere Daten und unsere Infrastruktur behalten. Wir versprechen den Menschen, die sich an uns wenden, größtmögliche Anonymität. Dafür wollten wir keine Plattform einsetzen, bei der wir von einem US-Cloud-Anbieter abhängig sind.
Das Ende der Microsoft-Förderung betrifft uns heute eher bei den klassischen Verwaltungsprozessen. Dort nutzen wir teilweise noch Microsoft-Produkte, aber auch diese werden wir nach und nach ablösen.
Microsoft wäre für uns nur ein Baustein gewesen. Viele andere Prozesse hätten wir trotzdem mit zusätzlichen Lösungen abbilden müssen. Das hätte unsere IT eher komplexer als einfacher gemacht.
Außerdem ist die TelefonSeelsorge historisch sehr dezentral organisiert. Jede Dienststelle hat eigene Verantwortlichkeiten, gleichzeitig gibt es bundesweite Strukturen. Uns war wichtig, dass sich die Software an unsere Organisation anpasst – und nicht umgekehrt.
Von einem klassischen Content-Management-System kann man dabei eigentlich nicht mehr sprechen. Es ist vielmehr eine Anwendung, die den Alltag der Ehrenamtlichen, Mitarbeitenden und auch der Ratsuchenden organisiert. Deshalb haben wir die Benutzeroberfläche komplett auf die Arbeitsabläufe der TelefonSeelsorge zugeschnitten.
Uns war außerdem wichtig, organisatorische Daten und eigentliche Beratungsdaten sauber voneinander zu trennen. Menschen sollen sicher sein können, dass ihre Gespräche nicht rückverfolgbar sind.
Beim Thema Sicherheit würde ich es sogar umdrehen. Bei proprietären Systemen muss ich dem Hersteller glauben, dass sie sicher sind. Den Quellcode kann ich gar nicht prüfen. Bei Open Source kann jeder nachvollziehen, wie das System funktioniert und Sicherheitslücken überprüfen.
Bei Mail und Chat übernimmt das System zusätzlich die Organisation im Hintergrund und verteilt die Anfragen. Es weiß, wer gerade Dienst hat, wer welche Berechtigungen besitzt oder wer sich noch in der Ausbildung befindet. Dahinter steckt ein recht umfangreiches Rechte- und Dienstplansystem.
Wichtig ist aber, zwischen einem Suizidgedanken und einer akuten Suizidalität zu unterscheiden. Aus der Suizidforschung wissen wir, dass ein Suizidgedanke zunächst einmal Ausdruck einer Ambivalenz ist. Die Menschen möchten darüber sprechen. Genau das ist der erste Schritt.
Unser Ansatz ist deshalb immer derselbe: Wir gehen in Beziehung. Wir hören zu, halten die Situation gemeinsam aus und überlegen mit den Menschen, welche Unterstützung jetzt sinnvoll sein kann – sei es eine Psychotherapie, eine Klinik oder zunächst einfach ein weiteres Gespräch. Die allermeisten Gespräche bleiben auf dieser Ebene. Sie werden besprechbar und führen eben nicht unmittelbar zu einer suizidalen Handlung.
Wir bieten keine Beratung zum assistierten Suizid an. Unsere Aufgabe ist Seelsorge. Wenn Menschen mit solchen Gedanken zu uns kommen, gehen wir erst einmal in Beziehung. An einigen TelefonSeelsorge-Stellen, etwa in Berlin oder Bochum, gibt es darüber hinaus eigene Angebote zur Suizidprävention. Wenn sich im Gespräch zeigt, dass jemand weitere Unterstützung braucht, können wir an ausgewählten Standorten auch sagen: ‚Kommen Sie doch einmal bei uns vorbei.‘
Unsere Grundhaltung ist dabei, die Anonymität der Ratsuchenden konsequent zu schützen. Nur in sehr seltenen Ausnahmefällen, etwa wenn eine konkrete Gefährdung anderer Menschen oder eine akute Gefahrenlage besteht, greifen klar definierte Prozesse. Dann wird gemeinsam mit dem technischen Dienstleister geprüft, welche Informationen rechtlich zulässig an die zuständigen Behörden weitergegeben werden können. Solche Fälle sind sehr selten.
Es gibt Anrufende, die sich regelmäßig melden, weil sie sonst kaum soziale Kontakte haben. Manche begleiten wir über längere Zeit. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass unser Angebot für alle erreichbar bleibt. Deshalb gibt es in Einzelfällen auch Grenzen, wenn Menschen uns sehr häufig kontaktieren.
Das zeigt uns, wie groß das Bedürfnis nach echtem menschlichem Kontakt geworden ist. Gerade deshalb ist es uns wichtig, dass die Menschen wissen: Bei der TelefonSeelsorge sitzt am anderen Ende immer ein Mensch.
Hinweis: In Deutschland finden Sie Hilfe und Unterstützung bei Sorgen aller Art, auch bei Fragen zu Mobbing und Suizidgedanken, auf telefonseelsorge.de und telefonisch unter 0800 1110111. Die Nummer gegen Kummer (Kinder- und Jugendtelefon) lautet 116 111. In Österreich gibt es ebenfalls kostenfreie Hilfsangebote, darunter speziell für Kinder der Kindernotruf unter 0800 567 567 sowie Rat auf Draht unter 147. Dieselbe Telefonnummer führt in der Schweiz zu Pro Juventute.
(mack)