Die EU-Kommission könnte ihre geplanten Nachhaltigkeitsregeln für KI-Rechenzentren stark aufweichen und Hyperscalern damit mehr Spielraum beim Ausgleich ihrer Emissionen geben, berichtet die Financial Times.
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02.07.2026 13:45 Uhr |

Die EU-Kommission könnte ihre geplanten Nachhaltigkeitsregeln für KI-Rechenzentren stark aufweichen und Hyperscalern damit mehr Spielraum beim Ausgleich ihrer Emissionen geben, berichtet die Financial Times.
Im März sah ein erster Entwurf der EU-Kommission noch vor, dass Rechenzentren Grünstrom-Zertifikate nur dann voll anrechnen dürfen, wenn der Strom ungefähr zur gleichen Zeit und in derselben Strompreiszone erzeugt wurde wie ihr eigener Verbrauch und aus Anlagen stammt, die höchstens zehn Jahre alt sind. Damit sollte der Emissionsausgleich stärker an die tatsächliche Stromversorgung gekoppelt und der Bau neuer erneuerbarer Energien gefördert werden.
Einem von der Financial Times eingesehenen neuen Entwurf zufolge sollen diese Vorgaben nach Lobbyarbeit der Branche nun weitgehend entfallen. Zudem könnten künftig auch Zertifikate aus Kernenergie berücksichtigt werden, was insbesondere atomstromreichen Ländern wie Frankreich entgegenkäme.
Die Lockerung betrifft nicht nur eine technische Bilanzierungsregel, sondern auch die Aussagekraft des geplanten EU-Labels, weil Rechenzentren trotz fossiler Stromanteile ihre Emissionen künftig einfacher und kostengünstiger über Zertifikate ausgleichen könnten.
Der neue Entwurf soll am heutigen Donnerstag von Vertretern der EU-Kommission und Energieexperten beraten werden. Er ist nicht final und könnte sich im Anschluss noch ändern.
Der Kurswechsel zeigt den Konflikt, in dem die EU beim Ausbau von Rechenzentren steckt. Einerseits möchte sie ihre Klimaziele einhalten und den Energieverbrauch der Branche transparenter machen. Andererseits will sie den Ausbau von KI-Infrastruktur beschleunigen und wettbewerbsfähiger gegenüber den USA werden.
Laut Financial Times forderten unter anderem Amazon Web Services, Microsoft und der europäische Rechenzentrumsverband EUDCA die EU auf, mehrere Anforderungen zu streichen. Kritiker warnen indes vor den Folgen für das Energiesystem. Nach Einschätzung des Thinktanks EnergyTag könnten Rechenzentren ohne neue, lokale und zeitlich passende erneuerbare Energie die Nachfrage nach fossilem Gas erhöhen und damit Energiepreise sowie Versorgungssicherheit belasten.
Dass der Konflikt nicht nur theoretischer Natur ist, zeigen die jüngsten Nachhaltigkeitsberichte von Amazon und Google. Laut Bloomberg stiegen deren Treibhausgasemissionen 2025 deutlich an. Verantwortlich dafür ist vor allem der Ausbau von KI-Rechenzentren.
Amazon meldete einen Anstieg seiner Gesamtemissionen um 16 Prozent auf rund 81 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent. Die Emissionen aus eingekauftem Strom legten um 34 Prozent zu. Google meldete in einer enger gefassten Emissionsbilanz, die Teile der Lieferkette ausklammert, ein Plus von 18 Prozent. Googles Stromverbrauch stieg um 37 Prozent, die Emissionen aus eingekauftem Strom sanken durch zusätzliche Beschaffung sauberer Energie jedoch leicht.
Beide Unternehmen halten dennoch an ihren Klimazielen fest: Amazon strebt bis 2040 Netto-Null-Emissionen an, Google bereits bis 2030. Google räumt im eigenen Bericht ein, dass der Weg zu Netto-Null nicht geradlinig verlaufen dürfte, weil der Ausbau der KI-Infrastruktur derzeit schneller voranschreitet, als die Stromnetze sauberer werden.
(tobe)