Heise 21.06.2026
08:13 Uhr

Hinterland of Things: „Wir müssen vom Erkenntnismodus in den Aktionsmodus“


Deutschland soll vom Erkenntnismodus endlich in den Aktionsmodus kommen. Auf der Hinterland of Things zeigt Dominik Gross Wege auf, wie das gelingen kann.

Hinterland of Things: „Wir müssen vom Erkenntnismodus in den Aktionsmodus“

Trotz ambitionierter Ziele im Koalitionsvertrag sei der Staat „meilenweit davon entfernt", Start-ups ausreichend zu fördern, sagte Dominik Gross, Mitgründer und Geschäftsführer der Founders Foundation, auf der Konferenz „Hinterland of Things, die in dieser Woche in Bielefeld stattfand. Als Beispiel für die stockende Reformen nannte er die geplante 24-Stunden-Unternehmensgründung, deren bundesweiter Start auf 2029 verschoben worden sei.

Statt auf den Bund zu warten, stellte Gross den „Bielefelder Shortcut“ vor. Gemeinsam mit dem Start-up Paket der Stadt Bielefeld, der Oberbürgermeisterin Christiane Bauer, der Volksbank Ostwestfalen, dem Teuto Seed Club, The Trailblazers und weiteren Partnern soll in Bielefeld eine Gründung inklusive operativer Gesellschaft, Konto, Steuernummer, Holding-Struktur und einer Förderzusage von bis zu 64.000 Euro innerhalb von 24 Stunden möglich werden. Etwas Ähnliches gibt es in Schleswig-Holstein mit www.startuphafen.sh, andere Bundesländer planen die Initiative „Gründen in 24 Stunden“.

Zudem zeigte Gross Schritte für das neue „Wirtschaftswunder“ aus Europa. Beim Bereich KI plädierte Gross für Spezialisierung – nicht die großen Sprachmodelle, sondern spezifische Modelle machten Europa stärker. Als Robotik-Beispiel nannte er Neura Robotics, dessen Finanzierungsrunde zeige, dass Deutschland noch eine Chance habe; ein Teil der Mittel fließe in sogenannte „Robotic Gyms“, also Trainingsumgebungen für Roboter. Beim Thema Energie forderte er eine Infrastruktur, die sowohl KI als auch Wind und Solar trägt, und verwies auf Start-ups wie Proxima Fusion und TerraLayer.

„Im Defense-Tech-Bereich sind wir in Deutschland tatsächlich sogar über den Standort München weltweit führend“, sagte Gross. Das habe damit zu tun, „dass im Defense Dech Bereich oder auf einem Defense Bereich viel von Hardware Richtung Software geht“. Künftig werde es Themen geben wie „Military AI zum Beispiel, Cloud-Systeme, also das heißt, so ein europäisches Palantir ist natürlich ein Wunsch“. Er verwies unter anderem auf Weltraumprojekte und auch auf ERC System, das Notfallmedikamente mit einer Drohne liefert.

„Gründer aus dem Mittelstand sind gleichzeitig auch die Start-ups für den Mittelstand," so Gross. Dabei machte er auch auf die Finanzierungslücke gegenüber den USA aufmerksam, wo Firmen wie OpenAI hohe Investitionen erhalten, ohne bereits profitabel zu sein. Gross verwies auf das KI-Unternehmen Anthropic, das im ersten Halbjahr in zwei Runden mehr eingesammelt habe als ganz Europa in einem Jahr an Risikokapital investiere. Anthropic hat eine Finanzierungsrunde von über 65 Milliarden US-Dollar abgeschlossen. Die Bewertung kletterte dadurch in den Bereich von rund einer Billion Dollar. Daraus leitete Gross ab, dass Risikokapital „nicht nur eine Frage der Finanzen, sondern auch eine Frage der wirtschaftlichen und der technologischen Souveränität" sei.

Anlässlich der Konferenz haben wir im Vorfeld mit Gross über den geforderten „Aktionsmodus“ und die Lage von Deutschland für Start-ups gesprochen.

Es ist nicht zu erwarten, dass man plötzlich sagt, er ist weg und alles ist wieder gewissermaßen wie vorher. Die Zeit bleibt nicht stehen, wir bewegen uns stetig nach vorne und dürfen auch den Blick nicht ausschließlich nach Westen richten, denn die Veränderungen passieren global. Das heißt, dass man in Europa mehr auf sich angewiesen ist, ist eine klare Erkenntnis, die es auch vorher schon gab.

Genauso ist es mit Technologien, natürlich allen voran Künstliche Intelligenz: Dass KI alles oder vieles verändern wird, fällt nicht erst jetzt vom Himmel. Dass wir einen demografischen Wandel haben, ist auch nichts Neues. Wenn wir nicht plötzlich aus dem Land heraus ein riesiges Bevölkerungswachstum haben und die nächste Boomerwelle kommt, ist das relativ klar. Also: Wir kennen die Dynamiken, Veränderungen und Herausforderungen – geopolitisch, technologisch, gesellschaftlich und ökonomisch. Das Einzige, was nicht passiert, ist, dass wir in den Aktionsmodus umgeschwenkt sind. Dass wir gesagt haben: Jetzt haben wir die Erkenntnisse, jetzt setzen wir um.

Ein gutes Beispiel ist das sogenannte Klemmen-Valley. Das gibt es hier in der Region Ostwestfalen-Lippe. Das sind diese ganzen Steckverbindungen. Die stecken in jedem Kraftwerk, in jedem Transformationskasten, in jeder Maschine weltweit. Unternehmen wie Phoenix Contact oder Wago – das sind Hidden Champions, die kaum jemand kennt, die aber enorme wirtschaftliche Wertschöpfung betreiben. Genau das ist die Logik: Wir müssen in bestimmten Bereichen – auch wenn es manchmal Nischen sind – Weltmarktführer sein. Das ist das Gewicht, das wir in die Waagschale werfen können. Und übrigens ein Thema, dass insbesondere in Zeiten von KI eigentlich im Zentrum unserer Diskussionen stehen müsste. Denn Zahlen zeigen: Die großen LLMs werden zwar in Amerika entwickelt, aber in der konkreten Anwendung, da sind wir in Europa und vor allem die Gründerinnen und Gründer voraus. Wir bauen Geschäftsmodelle für konkrete, teilweise nischige, aber reale Anwendungsfälle.

Aber ich glaube, wir müssen aufhören, immer nur in den Rückspiegel zu schauen. Niemand hier am Tisch kann sagen, er hat die Glaskugel und sieht, was in der Zukunft funktioniert. Die Frage ist, was wir jetzt tun. Und da gibt es durchaus Bereiche, wo wir noch die Chance haben, wirklich vorne zu sein. Im Bereich KI-Infrastruktur sind wir tatsächlich eines der Länder weltweit, die gerade am meisten investieren, um Rechenzentren aufzubauen.

Ich kenne das Modell aus Israel. Israel hat einen richtigen Start-up-Durchlauf, aber keinen Mittelstand. Die werden alle ins Ausland verkauft, und dann machen die Gründer wieder etwas Neues, weil sie diesen unbändigen Hunger haben. Per se also ein Modell, das auch funktionieren kann. In Deutschland brauchen wir beides: den etablierten Mittelstand als Rückgrat unserer Wirtschaft und hungrige Start-ups.

Und zweitens brauchen wir meiner Meinung nach in Europa eine Weiterentwicklung des Kapitalmarktes. Wir haben ein sehr fragmentiertes Börsensystem und in Europa konkurrieren diese Börsen miteinander. Wenn wir den European Market wieder aufbauen wollen, müssten wir eigentlich dahin kommen, gemeinsame Handelsplattformen und harmonisierende Regulierungen zu entwickeln, damit überhaupt auch mal Vergleichbares zustande kommt wie beim Nasdaq. Wenn Mistral als europäisches KI-Unternehmen wirklich groß werden will und den europäischen Markt als Heimatmarkt anstrebt, braucht es dafür auch das entsprechende Kapital. OpenAI wird angeblich hunderte Milliarden Dollar verbrennen, bevor sie Break-even erreichen. Das bekommt man auf dem europäischen Kontinent schlicht nicht zusammen.

Amerika wird als abgeschlossener Wirtschaftsraum nicht funktionieren, Europa auch nicht, China auch nicht, auch wenn es da gewisse Bestrebungen gibt. Es geht eher darum, was wir unter diesen Rahmenbedingungen aufbauen. Wir werden trotzdem Weltmarktführer entwickeln können – vielleicht nicht die alles dominierenden Plattformen, aber in ausreichend vielen Bereichen und Nischen.

Wenn man auf den Defense-Tech-Bereich schaut, sieht man, dass da schon etwas entsteht: Helsing, Quantum Systems, Stark aus Berlin, Istro – überall entstehen diese Unternehmen. Die Frage ist, wie wir wirtschaftliche Rahmenbedingungen schaffen, damit die hier bleiben können.

Die Logik muss sein: Wir bauen uns eine wirtschaftliche Power auf, wo wir in bestimmten Bereichen so gut sind – auch manchmal in Nischen –, dass wir Weltmarktführer sind, das kann in den Bereichen wie der Industrie, Robotik und Energie der Fall sein. Das ist das Gewicht, das wir dann auch in solchen Verhandlungen einbringen können. Und das kommt aus dem Hinterland – ob aus dieser Region, aus Heilbronn, aus Nürnberg, aus Oldenburg oder wo auch immer. Das sind genau diese Unternehmen hier, und das werden auch die neuen Start-ups sein, die dafür sorgen, dass wir dieses Gewicht reinbringen können.

(mack)