Heise 21.04.2026
16:02 Uhr

Darknet Diaries Deutsch: Gestohlene Beats Teil 1


Wie weit würde ein Fan gehen, um einen ersten Einblick in die unveröffentlichten Songs seines Lieblingskünstlers zu bekommen?

Darknet Diaries Deutsch: Gestohlene Beats Teil 1

Dies ist der erste Teil von „Gestohlene Beats". Im Englischen Original von Jack Rhysider trägt diese Episode den Namen „Dubsnatch“.

Die deutsche Produktion verantworten Isabel Grünewald und Marko Pauli von heise online. Der Podcast erscheint wöchentlich auf allen gängigen Podcast-Plattformen und kann hier abonniert werden.

JACK (Intro): Ich habe mich gerade ein wenig eingelesen, und zwar ins Thema „Apple Scruffs“. Die Apple Scruffs, das waren so Beatles-Superfans. Aber nicht diejenigen, die sich da die Seele aus dem Leib geschrien und immer versucht haben, die Beatles anzufassen oder sowas. Nein, die Apple Scruffs fanden sowas peinlich. Sie mochten die Beatles so sehr, dass sie Jahre ihres Lebens darauf verwendet haben, die Band zu unterstützen. Ihre Einstellung war: „Ey, die Beatles sind wichtig. Wie können wir ihr Leben besser machen?“

Sie verbrachten sehr viel Zeit damit, herauszufinden, wo genau sich die Beatles an jedem Tag aufhielten, und sie sind dann dahin, um zu helfen – indem sie z.B. die hysterischen Massen der „Beatlemania“ zurückhielten, oder indem sie Blumen oder Essen anboten und Besorgungen machten.

Mit der Zeit lernten sie die Beatles dann persönlich kennen. Es gibt sogar Geschichten darüber, wie sie sich in Gebäude schlichen und sich da als Personal ausgaben, um ihnen noch besser helfen zu können. George Harrison schrieb später sogar einen Song namens „Apple Scruffs“, in dem bedankt er sich für die Unterstützung und er bekundet seine Sympathien für sie.

Ich bin jedenfalls erstaunt, welche unglaublichen Anstrengungen manche Musikfans auf sich nehmen. Sie überqueren Kontinente nur für einen flüchtigen Moment mit ihren Idolen, ertragen schlechtes Wetter oder campen tagelang vor Ticketcentern – eine Hingabe, die eigentlich jeder Logik widerspricht, oder? Die Risiken und Opfer, die manche Fans auf sich nehmen, sind wirklich bemerkenswert.

JACK: Okay, bist du bereit?

PROF DUBSTEP: Ja, das passt, aber könntest du … als Namen für mich, könntest du da „Professor Dubstep“ verwenden?

JACK: Professor Dubstep, find ich gut.

PROFESSOR DUBSTEP: Ja, das ist gut.

JACK: Also, Professor Dubstep, wo fängt das Ganze an?

PROFESSOR DUBSTEP: Die Geschichte?

JACK: Mh-hm.

PROFESSOR DUBSTEP: Also, stell dir Folgendes vor: Es ist Anfang 2014. Ich war dreizehn, saß da und arbeitete an meinem Minecraft-Server. Der stürzte ständig ab. Der Hoster war schrecklich. Das Team stritt sich und ich wollte einfach irgendwas anderes machen. Die Gruppe Knife Party wollte in dem Jahr ein neues Album herausbringen, aber es verzögerte sich. Es dauerte Ewigkeiten.

JACK: Professor Dubstep war Fan dieser Band, Knife Party, und wollte unbedingt deren neues Album hören. Sie waren in einem Podcast zu Gast und sprachen da auch eben über dieses neue Album. Es wurde sogar ein kleiner Ausschnitt aus einem neuen Track gespielt. Wow, cool! Da Professor Dubstep selbst Dubstep-Musik macht, war es nicht schwer, den Podcast runterzuladen, den Song da rauszuschneiden und ihn sich anzuhören.

PROFESSOR DUBSTEP: Ich dachte mir: „Hey, das ist ziemlich gut.“ Ich schneide das ein bisschen zusammen und lade es auf SoundCloud hoch, damit andere Fans es auch hören und genießen können. Ich habe es hochgeladen und hatte nicht erwartet, dass es besonders populär wird. Aber ein paar Stunden vergehen; ich arbeite weiter an meinem Server. Dann checke ich nach ein paar Stunden mein SoundCloud und die Plays schießen durch die Decke: 10.000, 20.000. Ich öffne Twitter und auch Twitter explodiert. Die EDM-Blogs – also die News-Seiten für Electronic Dance Music – hatten darüber berichtet und geschrieben: „Oh, der Track wurde zu früh auf SoundCloud hochgeladen, es ist ein Leak, bla bla bla“, was es gar nicht war.

JACK: Professor Dubstep war nicht danach, das richtigzustellen. Er beobachtete den Wahnsinn einfach stillschweigend. Aber weil die Leute dachten, es sei ein echter früher Leak, schrieben ihm manche via SoundCloud.

PROFESSOR DUBSTEP: Ich schaute also in meine SoundCloud-Nachrichten – und sah eine Nachricht von Dinodriller. Er schrieb, dass ich coole Musik hätte, coole unveröffentlichte Sachen. Ich hatte noch eine Nachricht von Spintire. Er fragte im Prinzip, ob er mich auf Skype hinzufügen und wir uns unterhalten könnten. Ich nutzte die Gelegenheit und dachte: „Mal sehen, was er will.“ Er fügte mich also hinzu und fragte: „Wie kommst du an diese Sachen?“ Ich erklärte es ihm. Ich sagte: „Eigentlich habe ich gar nichts. Das Ganze wurde nur zu etwas aufgeblasen, was es nicht ist – aber ich schaue mich gerne um und gucke, ob es versteckte Dinge gibt, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, aber versehentlich öffentlich gemacht wurden oder zu früh erscheinen.“ Er sagte, dass er genau das Gleiche macht: Er sucht nach offenen Verzeichnissen auf Servern und versehentlich veröffentlichten Infos. Wir verstanden uns gut, unterhielten uns darüber und redeten stundenlang.

JACK: Ja, es liegt so Vieles offen im Internet rum, das da eigentlich nicht sein sollte. Es gibt da diese eine Website, Shodan, die durchsucht das Internet nach genau solchen, eigentlich privaten Sachen, die versehentlich öffentlich zugänglich sind – da finden sich Überwachungskameras, Kennzeichenerkennungsgeräte, Server mit Standardpasswörtern und ganze Datenbanken, die einfach offenstehen. Aber diese Website deckt meistens Cybersicherheitslücken auf Webseiten auf. Es ist nicht wirklich der Ort, um unveröffentlichte Musik zu finden.

Da geht’s um etwas anderes. Da hilft vielleicht Google Dorking, eine erweiterte Google-Suchtechnik, mit der man Informationen findet, die normalerweise nicht in den Suchergebnissen angezeigt werden. Ich weiß, dass ich auf diese Weise schon einiges an Musik gefunden habe. Man könnte bei Google nach Musikdateien suchen, die den Bandnamen im Dateinamen enthalten, und Google zeigt einem bereitwillig Unmengen an Musik, die man einfach herunterladen kann – manchmal findet man bestimmt Dinge, die nicht öffentlich sein sollten. Die beiden gehen die Strategien im Chat durch, die Wege, um Musik online zu finden. Es ging dann auch um die Webseite Bitly, mit dem sich URLs verkürzen lassen.

PROFESSOR DUBSTEP: Damit kann man Links kürzen, aber sie hatten einen eklatanten Fehler in ihrem System: Wenn man ein ‚+‘ an das Ende eines gekürzten Links anhängte, der erstellt wurde, während der Nutzer eingeloggt war – dann konnte man einfach auf das öffentliche Nutzerprofil dieser Accounts klicken und alles sehen, was sie jemals über den Dienst gekürzt hatten. Viele der musikbezogenen Links, die wir uns ansahen, stammten zum Beispiel von Management-Accounts. Die teilten auch interne Dinge über den Link-Shortener, und wir konnten die einfach sehen und herunterladen.

JACK: Eine Sache, die Musikproduktionsfirmen oder Dubstep-Manager für ihre Musiker machen, ist so viel Werbung wie möglich. Deshalb sind Professor Dubstep und Spintire zusammen auf Twitter unterwegs und checken die Management-Firmen, und ja, sie sehen Manager, die Bitly-Links nutzen, um Bands zu promoten. Zum Beispiel verlinken sie auf Werbeflyer, Tourdaten oder neue Releases und nutzten Bitly, um die URLs für die Promotion zu kürzen. Professor Dubstep nutzte also den Bitly-Bug, um zu sehen, wofür diese Management-Firma Bitly sonst noch so verwendet hatte, was ihnen dann Unmengen an Links lieferte, die sie durchgehen konnten. Vieles war für die Öffentlichkeit bestimmt, aber manchmal fanden sie auch Sachen, die dort nicht hingehörten.

PROFESSOR DUBSTEP: Genau. Das waren entweder Audio-Dateien oder Photoshop-Dokumente oder manchmal interne Memos wie Promotion-Pläne für kommende Veröffentlichungen. Wir bekamen einfach einen Einblick in das Innenleben dieser Labels und Management-Firmen – wie sie funktionieren, wie sie ihre Sachen zusammenstellen und ihre Pläne schmieden. Das war wirklich interessant.

JACK: Das lieferte ihnen neuen Content, den sie auf SoundCloud oder Reddit posten konnten.

PROFESSOR DUBSTEP: Auf Reddit gibt es ja auch Direktnachrichten, und eine Nachricht landete in meinem Posteingang von einem Typen namens Jay Brown. Er fügte mich auch auf Skype hinzu und wir kamen ins Gespräch. Er war ein anderer Typ Mensch. Er war das, was man einen „Dubplate Trader“ nennt. Dubplates ist ein Spitzname für unveröffentlichte Musik, und heutzutage sind das im Grunde einfach MP3-Dateien – MP3s, die nicht für die breite Öffentlichkeit herausgegeben wurden. Es gibt eine ganze Szene, die diese Dateien im kleinen Kreis tauscht. Es ist ein bisschen wie bei Pokémon-Karten: Weniger wertvolle Karten werden ganz anders behandelt als die selteneren, und genau so ist es bei Dubplates. Dieser Typ, Jay Brown, kommt also auf mich zu und sagt: „Oh, ich hab da ein paar Sachen. Willst du sehen, was ich habe? Ich hab dies und das und jenes“, und präsentiert es fast so, als wäre er eine Art Drogendealer. Ich war nicht wirklich an seinen Sachen interessiert. Es gab da einen bestimmten Track, „Suffer“ von Knife Party, aber ich hatte nichts, was ich ihm geben wollte, weil ich kein Trader war. Ich hatte aber meine paar Dinge, die ich über meine Link-Shortener gefunden hatte, und dann beschloss ich, etwas aus dem Nichts zu erschaffen. Also nahm ich einen Clip von dieser Radioaufnahme und schnitt ihn so zusammen, dass er halbwegs vernünftig klang, und präsentierte ihm den.

JACK: Du hast also quasi deine eigene Musik erstellt, die ähnlich klang, oder …?

PROFESSOR DUBSTEP: Nein …

JACK: … so bearbeitet, dass …?

PROFESSOR DUBSTEP: … ich habe einen unveröffentlichten Track so bearbeitet, dass er klang, als wäre es eine originale Quelldatei, obwohl es keine war. Ich habe also versucht, etwas echt wirken zu lassen, was es nicht war, damit er es glaubt und mir das Ding schickt, das er hatte und das echt war. Das war schon ein ziemlich raffinierter Plan, ziemlich abgebrüht.

JACK: Ja, das führt zu ner ziemlich interessanten Situation: Wenn es um offizielle Veröffentlichungen geht, kommen diese ja aus dem offiziellen Kanal. Aber wenn man an eine inoffizielle Veröffentlichung kommt, dann man weiß ja eigentlich nie, ob es auch wirklich eine ist. Es könnte von ihnen stammen, es könnte aber auch nicht von ihnen stammen. Und damit kann man spielen. Man weiß nicht, ob das von Knife Party ist oder nicht. Ich füge einen kleinen Clip von Knife Party ein, damit man denkt, dass es so ist, aber dann denke ich mir einfach irgendetwas anderes dazu aus.

PROFESSOR DUBSTEP: Ja, so lief das im Grunde. Wenn man gut darin war, etwas halbwegs legitim klingen zu lassen, wussten diese Trader es oft nicht besser. Es war ziemlich einfach, sie von etwas zu überzeugen und sie dazu zu bringen, zu ignorieren, was ihre eigenen Ohren ihnen sagten – und es funktionierte.

JACK: Langsam wird’s wild. Professor Dubstep suchte nicht nur nach unveröffentlichten Tracks bzw. sogenannten Dubplates, sondern nahm auch beliebte Songs und veränderte sie so, dass sie wie ein neuer Mix des jeweiligen Musikers klangen. Schon zwielichtig und betrügerisch auf ne Art. Aber einem Teenager kommt es wahrscheinlich überhaupt einfach nicht weiter schlimm vor, mit den Kreationen anderer herumzuspielen, um dann zu sehen, ob jemand glaubt, dass es sich um ein Original handelt.

PROFESSOR DUBSTEP: Nun, das Ding ist: Es ist ein Tabu. Man spricht nie darüber, dass man es bearbeitet hat, weil das den ganzen Schwindel auffliegen lassen würde. Spintire und ich haben das zusammen weitergemacht. Wir dachten, das wäre eine ziemlich gute Idee: Wir machen noch ein paar Fakes oder Edits und bringen sie in diesen Tauschkreisen in Umlauf, um ihnen ihre ganze Sammlung an seltenen Sachen abzuluchsen, ohne selbst irgendeinen Schaden an den Releases anzurichten. Denn die Dubplate-Trading-Szene richtet massiven Schaden an. Egal wie groß oder klein der Künstler ist – wenn sein unveröffentlichter Track irgendwie online geleakt wird, und egal, ob ein Release geplant war oder nicht: Sobald er geleakt ist, ist der Track für immer verbrannt. Es ist also wirklich nicht gut für die Musikszene.

JACK: Sie erkannten dann irgendwann, dass die Veröffentlichung unveröffentlichter Tracks dem Künstler oder der Künstlerin schadet, deshalb hörte Professor Dubstep auf, solche Tracks öffentlich zu posten. Übrigens macht Professor Dubstep auch selbst Musik.

PROFESSOR DUBSTEP: Ich spiele mehrere Instrumente, aber ich mache auch selbst Dubstep, und das war etwas, was ich zu der Zeit lernte.

JACK: Das war also ein Weg, mehr über den Prozess dieser Art der Musikproduktion zu lernen.

PROFESSOR DUBSTEP: Ich interessiere mich für diese unveröffentlichte Musik, aber mehr, um sie anzuhören und zu analysieren, was da passiert. Denn nicht alles davon blieb unveröffentlicht. Manches waren nur frühe Versionen, „Work-in-Progress“-Versionen von Songs, die später herauskamen und fast komplett anders klangen. Für mich war es einfach interessant, die Unterschiede zu hören.

JACK: Okay, darf ich dir eine Frage zu Dubstep stellen?

PROFESSOR DUBSTEP: Mh-hm.

JACK: Ich habe etwas Angst, das öffentlich zu fragen, aber was hat es mit all den Delfinen im Dubstep auf sich?

PROFESSOR DUBSTEP: Die Delfine? Was meinst du?

JACK: Du hast mir eine Playlist mit Dubstep-Musik geschickt …

PROFESSOR DUBSTEP: Ja, ja.

JACK: … und da ist ein Track drauf namens „Elephant“ von Barely Alive.

PROFESSOR DUBSTEP: Ah, richtig, ja.

JACK: Also … [MUSIK] das ist der Song, und man könnte denken, es geht um Elefanten, aber das tut es eindeutig nicht. Hör dir diesen Teil an.

SONG: Elephant

JACK: Da ist ein Elefant, richtig?