Marjane Satrapi schien ein Schoßkind des Glücks zu sein. Einmal weil sie gleich zweimal aus dem diktatorisch-islamistisch beherrschten Iran herausgekommen war: zunächst als fünfzehnjährige Schülerin 1984 nach Österreich, in die Freiheit für eine junge Frau geschickt von den Eltern, und dann noch einmal zehn Jahre später, nachdem sie mit dem Abitur an einer französischen Schule in Wien in die Heimat zurückgekommen war, um dort zu studieren. Schoßkind des Glücks auch deshalb, weil die Geschichte, die sie über diese Kinder- und Jugendzeit zu erzählen hatte, zu einem der erfolgreichsten Comics der jüngeren Vergangenheit wurde. „Persepolis“ heißt er, erschienen ist er auf Französisch in vier Bänden von 2000 bis 2003, 2004 auch in Deutschland und fast überall auf der Welt (natürlich offiziell nicht in Iran). Danach war die Erzählgattung Comic eine andere. Und Marjane Satrapi berühmt. Zuvor hatte sie schon Bilderbücher gezeichnet, aber im heute legendären Atelier des Vosges am gleichnamigen Platz im Pariser Marais-Viertel hatte sie Kollegen wie Lewis Trondheim, Joann Sfar, Christophe Blain, Émile Bravo oder Riad Sattouf kennengelernt – alle Comiczeichner, alle heute Stars. Und David B., den innovativsten französischen Comicerzähler der Neunzigerjahre, der damals seine autobiographische Familienerzählung „Die heilige Krankheit“ in insgesamt sechs Einzelbänden herausbrachte. Sein Erzähl- und Zeichenstil, die Überblendung von nahöstlichen Bildmotiven mit westlicher Introspektion wurde das Muster für „Persepolis“. Nur dass Satrapi damit weltweit einen Nerv traf. Auch weil sie eine Zeichnerin in der männerdominierten Comicszene war, die ein Identifikationsmodell fürs weibliche Lesepublikum bot. Frankreich hatte auf so etwas gewartet. Sie lebte auch in Frankreich Emanzipation vor Ihrer neuen Heimat verdankte sie noch mehr. 1994 war sie aus Teheran nach Paris gekommen, und da blieb sie, nachdem sie 1996 die Liebe ihres Lebens, den Schauspieler Mattias Ripa, kennengelernt und geheiratet hatte. Dann kam der Erfolg von „Persepolis“, und Starpi ließ ihm zwei weitere Comics folgen, „Sticheleien“ und „Huhn mit Pflaumen“, in denen sie ihre Familiengeschichte weitererzählte; vor allem aber begab sie sich selbst an die Adaption von „Persepolis“ als Zeichentrickfilm. Der kam 2007 heraus und gewann beim Festival von Cannes den Preis der Jury und später gleich zwei Césars“, die wichtigsten französischen Filmpreise. Ihr Publikum zählte nun nach Millionen. Dafür gab sie die Comics auf. Weitere Filme folgten, aber auch da keine gezeichneten mehr. Für Marjane Satrapi schien die Karriere als Zeichnerin vorbei, sie wurde Kinoregisseurin. Dabei blieben die Lebensläufe engagierter Frauen ihr großes Thema: Ihr eigenes „Huhn mit Pflaumen“ verfilmte sie, aber auch das Leben von Marie Curie. Sie lebte Emanzipation vor, auch noch in Frankreich. Als Exiliranerin agitierte sie unermüdlich gegen das Regime ihres Heimatlandes und erzählte dagegen an. Zuletzt noch in dem von ihr 2023 herausgegebenen Band „Frau, Leben, Freiheit“, für den sie zahlreiche bedeutende internationale Comickollegen zusammentrommelte, um die damalige Protestbewegung in Iran mit Geschichten zu unterstützen, und sie selbst zeichnete darin auch noch einmal, nachdem sie sich fast zwanzig Jahre lang auf die Karriere als Filmemacherin beschränkt hatte: Vignetten mit Heldinnen des Widerstands fürs Vorwort und eine Doppelseite über die ihr verhassten Revolutionswächter. Das schien eine Rückkehr zu ihrem Ursprungsmedium zu sein, und wie zur Bestätigung dafür bekam sie 2024 in der Sparte „Kommunikation“ den spanischen Prinzessin-von-Asturien-Preis, eine der weltweit bedeutendsten Auszeichnungen auf den Gebieten von Kultur und Wissenschaft. Ich selbst habe selten eine so beeindruckende Frau getroffen wie Marjane Satrapi. In unseren Gesprächen ging es immer ums Ganze, und so furios sie gegen die Islamisten in Iran sprechen konnte, so wütend war sie auch über die westliche Arroganz gegenüber dem Beharrungsvermögen der iranischen Gesellschaft gegen die religiöse Indoktrination. An der Rolle der Vereinigten Staaten verzweifelte sie schon vor anderthalb Jahrzehnten, und die jüngsten Ereignisse werden das noch einmal verstärkt haben. Doch der schwerste Schicksalsschlag traf sie 2025, als Mattias Ripa starb. Er wurde nur 56 Jahre alt, und aus dem Umkreis von Marjane Satrapi ist zu hören, dass sie ihn einfach nicht überleben wollte. Ihr Kollege und Freund Joann Sfar hat in seinem jüngsten Buch, „Terre de sang“, festgehalten, wie er Satrapi auf der Beerdigung von Ripa erlebte: als gebrochene Frau. Nun ist sie heute selbst gestorben, sechsundfünfzigjährig wie ihr Mann. Die Nachricht geht um die Welt, wie es ehedem bei „Persepolis“ der Fall war.
