In jedem jungen Menschen schlummert ein Rentner, der manchmal zum Vorschein kommt. Zum Beispiel, wenn er kniffelt. Das Spiel hat einen etwas angestaubten Ruf, dem Wort „Gesellschaftsspiel“ haftet etwas Altmodisches an. Man denkt an verblichene Kartons von Brettspielen oder abgegriffene Kartendecks aus dem Schrank der Großeltern. Doch das „Rentnerspiel“ Kniffel (so nannte es ein Kollege in der Konferenz) erlebt eine Renaissance in der Generation Z. Überall sieht man die Würfel über die Tische rollen: in Kneipen, unaufgeräumten WG-Küchen, Cafés und auf langen ICE-Fahrten. Auf Tiktok und Instagram berichten Menschen von ihren „Kniffel-Dates“, präsentieren besonders schöne Blöcke und bunte Würfel. Die bei jungen Leuten beliebte Dresdner Rapgruppe 01099 verkauft Kniffel-Sets als Merch. Woher kommt der Hype um das Würfelspiel? Wer Kniffel nicht kennt, dem sei kurz erklärt, wie es funktioniert: Die Spieler versuchen, durch Würfeln möglichst viele Punkte zu erreichen. Dabei gibt es mehrere Kombinationen: Ein Full House etwa – ein Paar und ein Drilling – bringt 25 Punkte, fünf gleiche Augenzahlen, der sogenannte Kniffel, gleich 50. Jeder Spieler hat drei Versuche, bei denen er eine beliebige Anzahl der fünf Würfel neu werfen darf. Am Ende des Zugs trägt jeder Spieler seine Punkte in eines der vorgegebenen Felder auf dem Kniffel-Block ein, je nachdem, welche Kombination er gewürfelt hat oder zu würfeln hoffte. Wie eine gemeinsame Meditationsübung Fünf Würfel, ein Block, ein Stift. Mehr braucht es nicht. Kniffel ist das perfekte Kneipenspiel: Es hat keine komplizierten Regeln, alle können mitmachen, man braucht nicht viel Material. Der Einstieg ist denkbar einfach, das Spiel fast schon zu simpel. Der Punkt dabei: Man kann wunderbar währenddessen reden, trinken, nachdenken, lachen, ohne den Faden zu verlieren. Kniffel ist nur die Nebenbeschäftigung, während man sich über die Wochenendpläne unterhält oder in Erinnerungen über den letzten gemeinsamen Urlaub schwelgt. „Der Aspekt des Gewinnens ist zwar wichtig, aber im Inneren der Spielsituation stehen die Interaktion und das Ziel, gemeinsam etwas zu unternehmen“, sagt der Soziologe Patrick Bresemann. Vielmehr gehe es darum, Zeit mit Freunden zu verbringen. Das nicht besonders abwechslungsreiche Kniffel ist dabei wie eine gemeinsame Meditationsübung. Durch das immer gleiche Würfeln lösen sich die Gedanken, die Gespräche vertiefen sich. Ein Kniffel-Spiel ist dann am besten, wenn man sich nicht mehr darauf konzentriert. Fast alles in unserem Leben muss einen Zweck erfüllen. Spielen ist die Ausnahme. Es ist ein „Heraustreten aus dem Ernst des Lebens“, wie der Soziologe Udo Thiedeke in dem Aufsatz „Spiel-Räume: Kleine Soziologie gesellschaftlicher Exklusionsbereiche“ schreibt. Während uns bei anderen Hobbys oft eine Verwertungslogik verfolgt – wer ein Instrument spielt, soll auch mal auftreten, wer malt, seine Bilder bei Instagram verkaufen, und wer joggt, einen Marathon laufen –, ist diese auf das Spiel nicht anwendbar. Kniffel hat kein Ziel. Nichts Materielles entsteht daraus, weder Kunst noch Ergebnis, das sich vorzeigen ließe. Ist der Kniffel-Block ausgefüllt, landet er im Mülleimer (außer man will seinen Sieg in Erinnerung behalten und den Zettel an die Kühlschranktür heften). Spielen ist reine Zeitverschwendung. Das ist befreiend. Beim Würfeln fällt der Leistungsdruck von der Gen Z ab Erfunden wurde Kniffel der Legende nach von einem kanadischen Ehepaar, das gerne mit Freunden auf seiner Yacht spielte. Der US-amerikanische Spielemacher Edwin S. Lowe bekam die Rechte für die Idee, im Gegenzug schenkte er dem Paar 1000 Spielesets. In Andenken an den Entstehungsort taufte Lowe das Spiel „Yahtzee“. In Deutschland wurde das Spiel später leicht abgewandelt als Kniffel verkauft. Seine größte Stärke: Man kann es auf hoher See genauso gut wie auf dem wackeligen Tisch vor dem Späti spielen. Kniffel ist bei jungen Menschen vielleicht auch deshalb so beliebt, weil man dabei ausnahmsweise mal nichts leisten muss. Die große Zukunftsangst der Gen Z, verbunden mit großem Leistungsdruck, ist nicht auf das Würfelspiel übertragbar. Es wirkt sich nicht auf den Lebenslauf aus, wer gewinnt und wer verliert. Auf der Skala zwischen Glück und Können ist bei Kniffel eher Fortune denn Talent gefragt. Zwar ließe sich auch bei Kniffel jede Spielentscheidung durch komplizierte Wahrscheinlichkeitsrechnung optimieren, die meisten spielen aber nach Bauchgefühl. Wer möchte sich schon in der Kneipe konzentrieren? Und trotzdem hat man das Gefühl, den Spielhergang durch seine Entscheidungen zu beeinflussen. Man kann leidenschaftlich über die richtige Taktik streiten: Erst den oberen Teil füllen und den Bonus sichern oder eher auf die Kombinationen im unteren Block setzen? Und sollte man den Kniffel zuerst streichen oder bis zuletzt darauf hoffen? Und für den Moment ist alles gut Egal, denn am Ende entscheidet ohnehin das Würfelglück. Bei Kniffel muss sich jeder seinem Schicksal ergeben. Niemand möchte sein Können unter Beweis stellen, niemand schämt sich, wenn er verliert, oder brüstet sich mit einem Sieg. Bei Kniffel gibt es auch selten „Seriengewinner“, also Menschen, die einfach nicht zu besiegen sind, weil sie das Spiel zu gut beherrschen. Dass die Generation Z wieder Kniffel spielt, hat auch mit der physischen Beschaffenheit zu tun. Kniffel ist ein analoges Spiel: Endlich mal ein Trend, der im echten Leben stattfindet. Es gibt zwar entsprechende Apps, und die Punkte kann man auch auf dem Smartphone notieren, die beste Erfahrung hat man jedoch mit Würfeln und Papier: das dumpfe Rumpeln der Würfel, die im Becher aneinanderstoßen. Der Knall, wenn der Becher samt Würfeln theatralisch auf den Tisch gedonnert wird oder – je nach Präferenz der Spieler – das sanfte Klackern, wenn die Würfel schwungvoll über den Tisch rollen. Die Kniffel-Geräusche, die in manchen Umgebungen für genervte Blicke sorgen können, gehören unbedingt zum Spiel dazu. Ohne sie ist der Spaß nur halb so groß. Nicht alles im Leben muss fordernd sein Natürlich gibt es auch die Menschen, die Gesellschaftsspiele hassen. Entweder aus Gründen der Coolness oder intellektuellem Dünkel stehen sie dem Spiel skeptisch gegenüber. Doch ihnen sei gesagt: Nicht alles im Leben muss philosophisch fordernd, ästhetisch anspruchsvoll oder politisch subversiv sein. Manchmal reicht es auch, sich mit banalen Spielen die Zeit zu vertreiben. Wahrscheinlich sollte man die Wiederentdeckung des Kniffelns aber nicht zu viel deuten. Das Spiel bleibt ein Spiel, selbst wenn man es mit noch so wilden Erklärungen auflädt. Das Gute an Gesellschaftsspielen: Sie haben (meist) keine Konsequenzen. Ob Sieg oder Niederlage, sobald man die Würfel weglegt, scheint alles vergessen. Man kann sich ärgern oder freuen über Momente, die eigentlich egal sind. Momente wie der, wenn endlich der begehrte Kniffel erreichbar scheint. Nur noch ein Würfel fehlt, ich hebe den Becher an. Mein Gegenüber blickt ungläubig, trotzdem freut es sich. Ich kann nichts dafür, einen Kniffel geworfen zu haben. 50 Punkte schreibe ich in das freie Feld. Und für den Moment ist alles gut.
