Das „Bitte“ von Dominik Graf ist keine Bitte, es ist eher ein Befehl. Der Befehl, auf den Franz Kempter und Daniel Krimsky zu Drogendealern werden. Kommt ein „Danke“, ist die Szene vorbei. Dann sind beide wieder Schauspielstudenten des vierten Ausbildungsjahrs an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Wenige Monate vor ihrem Abschluss können sie, wie es die Hochschule immer wieder anbietet, mit einem erfahrenen Profi im Filmworkshop arbeiten und stehen nun vor der Kamera von Graf. Seit mehr als fünf Jahrzehnten dreht er Filme für Kino und Fernsehen. Die Branche hat sich in dieser Zeit stark verändert. „Heute ist alles kontrollierter, nicht mehr so anarchisch wie früher“, sagt der Regisseur – und scheint damit auch sich selbst zu meinen. Neben Kinofilmen wie „Die geliebten Schwestern“ (2014) oder „Fabian“ (2021), der beim Deutschen Filmpreis die Silberne Lola erhielt, machten Graf vor allem seine zahlreichen Fernsehfilme bekannt. 1952 in München als Sohn zweier Schauspieler geboren, drehte er mit 36 Jahren seinen ersten Tatort, damals mit Götz George als Horst Schimanski. Zahlreiche weitere folgten. Vor sechs Jahren führte er Regie beim ersten Teil des von der Kritik gelobten Zweiteilers „In der Familie“ zum fünfzigjährigen Bestehen des Fernsehkrimis. Sein jüngster Beitrag war 2024 „Jenseits des Rechts“ der Serie „Polizeiruf 110“. Quote statt Qualität Wenn Graf heute über die Entwicklung seiner Branche spricht, findet er deutliche Worte: „Die Produktionssysteme sind teilweise verrottet.“ Die oberen Etagen der Funkhäuser kümmerten sich nur noch um Quoten und nicht mehr um die Qualität. Eine Arbeitsstrategie, die daran etwas ändern könnte: „Wie ein Banküberfall: rein, raus.“ Auch er selbst habe sich verändert. „Ich bin mit mir als Mensch in der Arbeit nicht so wahnsinnig glücklich“, sagt Graf. Als Berufsanfänger habe er eine Lockerheit, eine Naivität und eine Frische gehabt. „Irgendwann muss man irre aufpassen, dass man nicht in eine Konvention abrutscht. Man muss sich immer neu herausfordern.“ In seinem Film „Fabian“ sei ihm das gelungen. Beim Fernsehen seien die Zwänge dafür inzwischen zu stark. Mit dem Ergebnis sei er zwar immer zufrieden, „aber der Weg ist schwieriger geworden“. Die Arbeit mit den jungen Studenten an der Hochschule sei für ihn auch deshalb besonders, weil es weniger gehetzt als bei professionellen Filmproduktionen zugehe. Innerhalb weniger Stunden könne man ein vertrauensvolles Verhältnis aufbauen. Am Set sei das normalerweise nicht möglich. Für den 28 Jahre alten Studenten Krimsky allerdings fühlt sich der Dreh schneller an als seine üblichen Kurse. Am Anfang habe ihn die Geschwindigkeit von Graf überfordert. „Man muss immer präsent sein und seinen Vorgaben wachsam folgen.“ In der Ausbildung dächten sie normalerweise mehr nach, hätten den „Luxus der Zeit“. Die Szenen, die die Studenten mit Graf drehen, sind zur Übung gedacht. Sie werden nicht veröffentlicht. Die Inhalte der kurzen Filme sind von bekannten Serien inspiriert. Jeder Student des Jahrgangs steht im Verlauf der Woche für Szenen vor der Kamera. Für die Nachwuchsschauspieler ist es eine Gelegenheit, Selbstvertrauen vor einem professionellen Regisseur zu erlangen – und von ihm. Krimsky hat beeindruckt, wie schnell und präzise Graf seine Vorstellungen für die Szenen in der Kamera umsetzen kann und den Studenten dabei auf Augenhöhe begegnet. An diesem Nachmittag in einem Kellergang der Hochschule braucht Graf achtzehn „Takes“, also Aufnahmen, bis er zufrieden ist und seine Vorstellung in der Kamera umgesetzt sieht. Gedreht wird eine Szene, in der Krimsky seinem Mitspieler Kempter die Zusammenarbeit im Drogengeschäft anbietet. Sie könnten doch zusammen Crystal Meth kochen. Kempter reagiert jedes Mal mit einem höhnischen Lachen. Nach einem Probedurchgang gibt Graf Kempter den Hinweis, er solle das Lachen noch extremer machen, sich noch mehr auf dem Moment ausruhen. Beim nächsten Durchgang, dem nächsten Lachen von Kempter nickt der Regisseur und lacht lautlos mit Kempter. Graf sagt nach dem Workshop, er finde es erstaunlich, wie weit die Studenten schon seien und wie schnell sie seine Hinweise aufnähmen. Die Szenen in der Kamera anschauen dürfen sich Krimsky und Kempter während des Drehs nicht. Sonst würden sie zu viel verändern wollen, zu viel über ihr Spiel nachdenken, habe Graf zu ihnen gesagt. „Wir sollen Dinge geschehen lassen und nicht so viel kontrollieren“, sagt Krimsky. Kempter, 26 Jahre alt, sagt nach dem Workshop, er habe von Graf gelernt, sich vor der Kamera zu entspannen und echte Impulse zuzulassen. Am Ende des Nachmittags klopft Graf auf die Schultern von Krimsky und Kempter: „Super“ hätten sie das gemacht. In seinem Buch „Sein oder Spielen: Über Filmschauspielerei“ aus dem Jahr 2025 schreibt Dominik Graf, er vermisse seinen „Versuch, Schauspielern mal in einer unberechenbaren Weise völlig freien Lauf zu lassen“. Den Studenten, so scheint es, will er bei dem Workshop die Möglichkeit geben, sich auszuprobieren. Obwohl es am Ende auch hier immer er ist, der mit „Bitte“ und „Danke“ die Kontrolle behält.
