Als Mattias Svanberg von Interview zu Interview eilte, spulte er diese eine Szene in Gedanken mehrmals wie in Zeitlupe ab. 89. Minute: optimaler Querpass des eingewechselten Kento Shiogai: Alles lag wie auf dem Silbertablett bereit, um sich für ein starkes Heimspiel gegen den FC Bayern München zumindest mit einem Unentschieden zu belohnen. Doch der Mittelfeldspieler des VfL Wolfsburg traf nur den rechten Pfosten. „Ich hatte ein gutes Gefühl und dachte, der geht rein“, sagte der Däne nach einer Partie, die 0:1 verloren gegangen war. Wolfsburg schwebt im Duell mit dem FC St. Pauli und dem 1. FC Heidenberg weiter in akuter Abstiegsgefahr. „Wir haben verloren“, erklärte Svanberg. „Aber das gibt trotzdem ein gutes Gefühl.“ Der Glaube an sich selbst ist zurück beim VfL Das Duell zwischen Wolfsburg und München bleibt als jene Partie des 33. Bundesliga-Spieltages zurück, die einen haushohen Favoriten tüchtig ins Wanken gebracht hatte. Vor 28.917 Zuschauern war der VfL Wolfsburg überhaupt nicht wie ein potentieller Absteiger aufgetreten. „Wir haben eine Mannschaft gesehen, die an sich glaubt“, sagte Dieter Hecking, der Cheftrainer der Niedersachsen. Die Münchener hatten auf ihrem Weg zum 27. Erfolg in dieser Saison einen Geniestreich von Michael Olise in der 56. Minute benötigt, um zum entscheidenden Tor des Tages zu kommen. Sein Kunstschuss in den linken Torwinkel hatte den Unterschied in einer Partie gemacht, in der den Wolfsburgern etwas Besonderes gelungen war. Ihr mutiger Auftritt hatte dafür gesorgt, dass Bayern-Torhüter Jonas Urbig nach der Begegnung zum mit Abstand gefragtesten Gesprächspartner aufgestiegen war. Urbig hält dem FC Bayern den Rücken frei Seine Paraden hatten München im Spiel gehalten. Seine Art, sich möglichst groß aufzubauen und Svanberg einen günstigen Schusswinkel zu nehmen, gehörte zu den Schlüsselmomenten der starken Partie. Die Frage, ob Urbig zeitnah einen Platz in der Nationalmannschaft verdient hätte und in der kommenden Saison mehr Spielanteile bekommen sollte, entwickelte sich zu einem abendfüllenden Thema. Das Grübeln des VfL Wolfsburg darüber, wie der FC Bayern sein Scheitern in der Champions League gegen Paris Saint-German verkraftet hat und wie ernst ihm die verbleibenden Saisonspiele sind, war nach wenigen Sekunden der Partie beendet. Auch wenn Könner wie Luis Diaz und Konrad Laimer zunächst geschont oder wie Neuer gar nicht eingesetzt worden waren: Das restliche Personal des Meisters hatte drei Tage nach dem bitteren Aus in der Königsklasse sichtbar Lust auf eine schnelle Rehabilitation. Münchner Angriffen fehlt der Überraschungseffekt Kurz nach dem Seitenwechsel lag der Wolfsburger Angreifer Patrick Wimmer verletzt am Boden, was eine Spielunterbrechung gerechtfertigt hätte. Doch das Team aus München setzte seine Angriffsbemühungen gnadenlos fort. Wie schon im Champions-League-Duell mit Paris waren viele der Angriffe allerdings zu leicht vorherzusehen. Dazu kam, dass der VfL Wolfsburg in der Defensive beherzt um jeden Zentimeter kämpfte und nach Ballgewinnen sogar sein Glück in der Offensive suchte. „Wolfsburg hätte fünf Tore machen können“, gestand Bayern-Profi Tom Bischof. Seine Rechnung war nicht übertrieben oder eine Lobhudelei an den tapferen Gastgeber, sondern entsprach den Tatsachen. Wie verbissen der VfL Wolfsburg sich mittlerweile dagegen stemmt, nach 29 Jahren Erstliga-Fußball erstmals absteigen zu müssen, hatte eine viel diskutierte Szene aus der 36. Spielminute gezeigt. Sekunden bevor Torjäger Harry Kane zur Ausführung eines an Olise verursachten Foulelfmeters antrat, hatte sich der Wolfsburger Verteidiger Jeanuël Belocian eine Gemeinheit geleistet. Den Elfmeterpunkt so lange mit den eigenen Stollen zu bearbeiten, bis der Rasen beschädigt war, gehört zu den besonders fiesen Tricks im Fußball. Kane war bei der Ausführung seines Schusses vom Elfmeterpunkt tatsächlich ausgerutscht und hatte erstmals in der Bundesliga einen Strafstoß nicht verwandelt. Von Vincent Kompany wurde das nicht verurteilt. Im Gegenteil. Der Cheftrainer des FC Bayern zeigte Verständnis für die Unfairness von Belocian. „Die Wolfsburger kämpfen um ihr Leben. Sollen sie einfach zuschauen und warten, bis Harry den reinschießt?“, fragte Kompany. Er drehte den Spieß sogar um und wünschte sich, dass seine Spieler kurz vor Ausführung des Strafstoßes besser aufpassen. „Wir müssen da auch clever sein und den Elfmeterpunkt schützen“, meinte der Bayern-Vordenker. Bemerkenswert war, mit welcher Leidenschaft sich die Elf des VfL Wolfsburg ausgerechnet im Duell mit dem FC Bayern zu präsentieren wusste. Trotz des hohen Drucks hatte Hecking mit Mohamed Amoura und Kevin Paredes aus disziplinarischen Gründen auf zwei durchaus wichtige Profis verzichtet. Ein Schulterschluss mit den eigenen Fans, die nach Jahren des Streits die Rückkehr ihres traditionellen Vereinslogos erzwungen haben, sorgte im Stadion am Mittellandkanal für eine Jetzt-erst-recht-Stimmung. Zurück bleibt mit Blick auf das Saisonfinale am Samstag und die knifflige Auswärtspartie beim FC St. Pauli eine Mischung aus Druck und Vorfreude. Wie sagte es Offensivspieler Wimmer so schön: „Wir haben ein schönes Finalspiel, auf das sich alle freuen. Dafür lebt man.“
