FAZ 31.05.2026
14:16 Uhr

Wohnen in heißen Städten: Auf Luft, Licht und Sonne folgt jetzt das Zeitalter des Schattens


46 Grad, und es wird noch heißer: Der Klimawandel macht viele Städte unbewohnbar. Teile Europas werden ohne Klimaanlagen nicht mehr auszuhalten sein. Kann eine neue Architektur für die ersehnte Abkühlung sorgen?

Wohnen in heißen Städten: Auf Luft, Licht und Sonne folgt jetzt das Zeitalter des Schattens

Es gibt Bilder, die etwas auslösen, was man KI-Skepsis nennen könnte – und das Bild, das man hier sieht, ist so eins: Einerseits sieht das, was man da sieht, sehr echt aus, andererseits aber auch so verrückt, dass man denkt, hier hat jemand mal wieder zu lange mit einer Künstlichen Intelligenz herumgespielt und sich einen Öko-Frankenstein aus Haus und Felsen, Natur und Bauwerk erfinden lassen. Aber das gebaute Felsmassiv ist nicht das Ergebnis eines heißlaufenden Algorithmus, sondern ein Entwurf, der tatsächlich bald realisiert werden könnte. Er stammt von dem holländischen Architektenteam MVRDV, das dafür bekannt ist, spektakuläre Zeichnungen, die absolut utopisch aussehen, wenig später unwesentlich verändert zu bauen – zum Beispiel den holländischen Pavillon bei der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover, ein spektakuläres Sandwich aus einer gestapelten Landschaft mit Tulpenfeldern und Windrädern. „Atmende Felsen“ Ihr neues Hochhaus aus „atmenden Felsen“ soll ebenfalls dort entstehen; geplant wird es von Shift, einem Unternehmen, das sich der CO₂-Reduktion durch individuelle Verhaltensänderung verschrieben hat. An der „Waterkant“, einem neuen Bezirk im südlichen Rotterdam, will Shift auf 30.000 Quadratmetern ein Hotel mit Konferenzzentrum und nachhaltigen Restaurants errichten, was an sich keine revolutionäre Idee ist – aber all das soll in einem Gebäude unterkommen, das von außen überhaupt nicht mehr an ein Gebäude erinnert. Sondern an Natur. Oder an etwas, das man noch nie gesehen hat. Aus einigen Perspektiven sieht der Bau aus, als seien ein paar gestapelte Burger mit Moos überwuchert, aus anderen wie ein bemoostes Reptil, das sich mit einer Brückenzunge zum Mittagessen ein paar ahnungslose Holländer in sein Maul hineinangelt. Wenn man genauer hinschaut, gibt es in den „Felsen“ viele Bullaugen, die Licht ins Innere bringen, und Balkone. Sogar ein Wasserfall, dessen Wasser natürlich nachhaltig in die Höhe gepumpt wird, soll zwischen den Etagen durchrauschen, um für zusätzliche Kühlung zu sorgen. Die an Felsformationen erinnernden Oberflächen des Bauwerks sollen wie echte Felsen von Pflanzen und ganzen Bergwäldern besiedelt werden. Neben diesem Entwurf sieht das bisher immer wieder als Referenz für Fassadenbegrünung zitierte „Bosco Verticale“-Hochhaus in Mailand mit seinen bewachsenen Balkonen etwas schüchtern aus, wie ein Jugendlicher, dem gerade ein bisschen Bartflaum sprießt, neben einem wild zerzausten Yeti. Die Moderne liebte die Sonne Man kann einige Fragen stellen: zum Beispiel die, ob die Betonmassen, die man für einen solchen künstlichen Wohnfelsen braucht, wirklich so nachhaltig herzustellen sind und ob die Rotterdamer Felsenbauten nicht eher eine romantische Naturträumerei sind und in einer langen Tradition von aufwendigen künstlichen Felsen- und Grottenarchitekturen stehen, die von den antiken Nymphäen über die künstlichen Felsbauten im Park von Bomarzo bis zur „Grotta Grande“ in den Boboli-Gärten in Florenz reichen. Andererseits illustriert dieser Entwurf einen grundlegenden Wandel der veränderten Ansprüche an Architektur in Zeiten des Klimawandels. Der erste betrifft die Fassaden. Die Moderne liebte die Sonne. Nach der ersten großen Modernisierungswelle unter Ludwig XIV., dem „Sonnenkönig“, brach das sogenannte „Siècle des Lumières“ an, das Jahrhundert des Lichts, wie man das Zeitalter der Aufklärung in Frankreich nannte, und der Schlachtruf der Lebensreformer und der modernen Architekten am Bauhaus lautete: „Licht, Luft und Sonne“. Viele Straßen waren damals dunkel, eng und feucht, Krankheitserreger breiteten sich aus. Die Moderne war daher auch ein medizinisches Unternehmen: Die Architekten traten als Ärzte in die Stadt, hängten den Häusern weiße Kittel um, schnitten alles Wuchernde weg und ließen durch große Fenster die Sonne hinein. Nur leider zu viel. Türme aus Glas und Stahl heizen sich extrem auf. Nach einer Studie des Bundesumweltministeriums sollen zwischen 2000 und 2021 gut 30.000 Menschen an den Folgen übermäßiger Hitze gestorben, allein 2022 nicht weniger als 8000 Deutsche durch die direkten Folgen übergroßer Hitze umgekommen sein. Bei Temperaturen von 40 Grad – im Schatten – aus dem Haus auf eine Straße zu gehen, die keine Bäume hat, fühlt sich nicht sommerlich an, sondern so, als ob einem jemand hinter der Tür einen heißen Föhn in den Mund hält. In den vergangenen Sommern stiegen die Temperaturen sogar bis auf 46 Grad Celsius in Spanien und auf über 50 Grad in der Türkei und auf Sizilien. Teile Europas werden tagsüber ohne Klimaanlagen nicht mehr bewohnbar sein. Der Städtebau der Moderne ist auf derartige Hitze nicht eingestellt. Frankfurt ist zu 52 Prozent versiegelt, das ist deutscher Rekord, nicht zufällig zählt die Stadt mit ihren zugeteerten Flächen zu den heißesten Orten Deutschlands. Durch den Klimawandel gibt es deutlich mehr Hitzetote als in früheren Jahren, dazu kommt, dass immer mehr Menschen in die Städte ziehen – und die Bevölkerung dort gleichzeitig immer älter und damit für Hitze anfälliger wird. Es gibt hier keine „Fassade“ mehr Was bedeutet das für das Bauen? Zunächst einmal, dass auf das Jahrhundert von Licht, Luft und Sonne ein Zeitalter folgt, in dem es der Architektur vor allem um Verschattung und Kühlung gehen wird: das Zeitalter des Schattens. Vielleicht werden moderne Fassaden, wie man sie kennt und heute noch baut – also relativ dünne Membranen aus Glas und Stahl zwischen Innenraum und Straße –, bald ein Ding der Vergangenheit sein und durch tiefe vertikale Landschaften abgelöst. Erste Maßnahmen gegen den Hitzekollaps konnte man in der Architekturbiennale im vergangenen Jahr sehen: Oberflächen aus hellem Kies statt schwarzem Teer, helle Gebäude und mehr Wasserflächen, vor allem aber begrünte Dächer und Fassaden mit tiefen begrünten Balkonen. Bäume sind immer gut, ein großer Baum gibt täglich bis zu 400 Liter Wasser an seine Umgebung als feuchten Dunst ab – vorausgesetzt, er bekommt selbst genug Wasser. MVRDV gehen noch einen Schritt weiter: Es gibt bei ihnen keine „Fassade“ mehr, sondern einen tiefen Raum aus Vor- und Rücksprüngen, in denen sich alle erdenklichen Insekten, Vögel und andere Lebewesen einnisten können. Die Fassade wird zu einer Art urbanem Riff. Wenn die Moderne allerlei wilde Naturmetaphern hervorgebracht hat, um die Überwältigung durch die Masse an Menschen, leuchtenden Fenstern und Dingen in der Metropole zum Ausdruck zu bringen – den „Großstadtdschungel“ zum Beispiel oder die „Straßenschlucht“ –, dann machen die Architekten mit diesen Begriffen jetzt wörtlichen Ernst: Die Straßen werden Schluchten aus künstlichen Felsen, die Fassaden vertikale Dschungel. Die Hochhaussiedlung der Zukunft könnte, wenn es nach MVRDV geht, aussehen wie eine Steilküste, in deren Höhlen man sich einnistet. Der Mensch tritt aus der Sonne und überlässt die kochend heiße Erdoberfläche anderen Funktionen: Wenn das 20. Jahrhundert seine Energie aus den Tiefen des Bodens bezog, wo Kohle und Öl zu finden sind, und der Mensch sich im Glashaus obendrüber bräunte, wird die Energie des 21. Jahrhunderts an der Oberfläche hergestellt, wo Sonne und Wind zu finden sind – und der Mensch geht in die schattigen Höhlen darunter. Der Bau produziert mehr Energie, als er verbraucht Ist diese Mutation zum Höhlenmenschen unvermeidlich? Etwas weniger dramatisch sieht die neue Schatten-Architektur aus, die Herzog & de Meuron bei Basel errichtet haben. Dort wurde gerade im „Switzerland Innovation Park“ von Allschwil ein „Hortus“ genanntes Bürogebäude mit 10.000 Quadratmeter Bürofläche und 600 Arbeitsplätzen eröffnet, in dem sich unter anderem zwei Experten fürs Abheben angesiedelt haben, ein Luftfahrtunternehmen und ein Pharmakonzern mit Schwerpunkt auf Potenzmitteln. Deren Mitarbeiter sollen hier eine angenehmere und kühlere Arbeitsatmosphäre als in ihren stickigen Wohnungen vorfinden – was wichtig ist, wenn man die Leute aus dem Homeoffice wieder ins Büro locken will. Der Bau soll selbst mehr Energie produzieren, als er verbraucht, und nach gut 30 Jahren auch die Energie, die für den Neubau eingesetzt wurde, ausgeglichen haben. Dafür wurden die Oberflächen des Hauses in eine Energieproduktionsanlage verwandelt: Nicht nur das Dach, auch die Fassade ist mit insgesamt 5000 Quadratmetern Solarzellen belegt, die anders als die Verschandelungsplatten auf den Einfamilienhäusern der Vorstadt erstaunlich gut aussehen. Der ganze Bau ist modular, seine recycelbaren Elemente – vor allem Holzträger, gepresster Ton und Zellulose – können später einmal wie bei einem Holzbaukasten zerlegt und für neue Gebäude wiederverwendet werden oder aber ohne Rückstände verrotten. Die Böden sind mit Ton gebaut, der für Brandschutz sorgt und an Sommertagen Hitze absorbiert; ein ähnlich tragfähiger Betonboden würde die zehnfachen CO₂-Emissionen verursachen. Im Zentrum der viergeschossigen Fachwerkkonstruktion liegt ein schattiger Wildgarten voller Gräser und Sträucher, durch den dank einer großen Fassadenöffnung immer ein Luftzug weht. Anders als bei normalen Bürokisten gibt es außen wie innen eine überdachte Holzveranda, die an den amerikanischen „Front Porch“ oder das japanische „Engawa“ erinnert. Auf diesen schönen, tiefen Veranden können die Mitarbeiter sich im Schatten ausruhen, im Restaurant etwas für die Mittagspause holen oder sich zu Besprechungen treffen. Was eine gute Nachricht in Zeiten des Klimawandels ist: Die Architektur des Schattens bringt eine neue Ästhetik und neue soziale Räume hervor, und der Mensch muss nicht als Strafe fürs Anthropozän zurück in die Höhle.