Vor wenigen Jahren traf sich Daron Acemoğlu in Washington mit Vertretern politisch linksliberaler amerikanischer Stiftungen. Der am Massachusetts Institute of Technology in Boston lehrende Ökonom wollte über die zunehmende Ungleichheit der Einkommen in den Vereinigten Staaten sprechen, fand aber zu seinem Erstaunen keinerlei Interesse. „Stattdessen sprachen ein Kommentator nach dem anderen über Geschlechterungleichheit, rassische Ungleichheit und die Auswirkungen auf sexuelle Minderheiten“, wunderte sich Acemoğlu. Diese Episode hätte sich auch in deutschen linksliberalen Zirkeln zutragen können. Kritik an den Irrungen der Eliten In seinem neuen Buch „What Happened to Liberal Democracy?“ verbindet Acemoğlu ein Programm für eine Renaissance des Linksliberalismus mit einer heftigen Kritik an jenen linksliberalen Eliten, denen er selbst angehört. Für den Ökonomen, der vor allem mit Blick auf die amerikanische Situation schreibt, glichen die ersten Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg einem Triumph des Linksliberalismus, als die Früchte der prosperierenden Industriegesellschaft zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern angemessen geteilt wurden und sich immer mehr Freiheitsrechte etablierten. Doch verloren die Eliten auf dem Weg in die von Acemoğlu als postindustriell bezeichnete Gegenwart den richtigen Pfad, als sie die Interessen vieler arbeitender Menschen ohne Hochschulabschluss ignorierten, auch weil sie von einer wachsenden Zahl von Akademikern mit häufig wenig beeindruckenden Hochschulabschlüssen gewählt wurden. Die vom realen Leben zunehmend entfremdeten Eliten und ihre Wähler gingen daran, ihre Wertvorstellungen der Gesellschaft überzustülpen, auch um den Preis der Einschränkung von Freiheitsrechten, etwa des Rechts auf freie Rede. „Viele Amerikaner hatten das Gefühl, dass Schulen, Beamte, Politiker und Aktivisten kulturelle Ziele verfolgten, die sie ablehnten“, schreibt Acemoğlu. Dieser Satz gilt nicht nur für Amerika. Gleichzeitig ließ der Staat in Kernaufgaben wie Bildung und Bereitstellung von Infrastruktur nach. Eine Dokumentation großer Gelehrsamkeit Nun will Acemoğlu nicht nur Kritik üben, sondern einen Beitrag zu einer Renaissance der liberalen Demokratie leisten. Um eine wissenschaftliche Grundierung seiner politischen Vorschläge zu belegen, enthält das Buch nicht nur ein 42 Seiten umfassendes Literaturverzeichnis und 33 Seiten mit Anmerkungen, sondern auch noch einen zehn Seiten umfassenden bibliographischen Essay. Acemoğlu, der vor zwei Jahren den Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, präsentiert sich hier nicht nur als einer der forschungsstärksten und meistzitierten Ökonomen unserer Zeit, sondern auch als ein belesener Kenner sozialwissenschaftlicher Werke aus den vergangenen zwei Jahrhunderten. Der Verfasser umschreibt sein Ideal als „Working-Class Liberalism“, der als „Working-Class“ nicht nur die traditionelle Arbeiterschaft, sondern alle abhängig Beschäftigten versteht und eine gleichmäßigere Verteilung der Früchte des Wirtschaftens in einer liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung anstrebt. Acemoğlus Buch zeigt freilich, dass auch die beeindruckendste Gelehrsamkeit nicht ausreicht, um einen gleichzeitig widerspruchsfreien und realitätsnahen Entwurf einer linksliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu erarbeiten. Ein Liberalismus mit erheblichen Widersprüchen Liberal ist Acemoğlus Ansatz etwa im Eintreten für Freiheitsrechte. Er teilt die Kritik, dass in der jüngeren Vergangenheit das Recht auf freie Meinungsäußerung faktisch durch moralischen Druck eingeschränkt wurde, und er ruft zu größerer Bereitschaft auf, andere Meinungen zu akzeptieren. Dieses Prinzip gilt für linksliberale Eliten wie für Populisten, die häufig lauthals Meinungsfreiheit einfordern, aber nur ihre Meinungen ertragen. Gleichzeitig hält es Acemoğlu für notwendig, gegen Algorithmen von Social-Media-Monopolisten vorzugehen, die eine Verbreitung von Fake News erleichtern. Einen praktikablen Weg hierfür beschreibt er nicht. Zu einer freiheitlichen Gesellschaft gehört das Recht eines Individuums; Acemoğlu aber setzt Grenzen, die mit keinem Verständnis von Liberalismus vereinbar sein dürften. „Zwar sollten Einzelpersonen stets das Recht haben, ihre Gemeinschaft zu verlassen, wenn deren Normen die Ausübung ihrer Grundfreiheiten verhindern, doch bedeutet dies nicht, dass Milliardäre sich auf das Recht berufen könnten, aus einem Land wegzuziehen, um der Steuerzahlung zu entgehen“, schreibt er. „Das Recht auf Ausreise sollte dazu dienen, Einzelpersonen vor dem ‚Käfig der Normen‘ zu schützen, und nicht der finanziellen Arbitrage.“ Große Hoffnungen setzt Acemoğlu in „Worker-AI“. Gemeint sind Anwendungen Künstlicher Intelligenz, die nicht Arbeitsplätze kosten, sondern mit Arbeitnehmern in Dienstleistungen wie der Bildung und dem Gesundheitswesen zusammenarbeiten. Er zweifelt jedoch daran, dass der freie Markt diese Anwendungen bereitstellt, und wünscht sich durch staatliche Eingriffe „einen stärkeren Fokus auf domänenspezifische Anwendungen, die darauf abzielen, den Mitarbeitern mehr Möglichkeiten und bessere Informationen zu bieten, und weniger Fokus auf die Nachahmung menschlicher Kognition“. Acemoğlu tritt schon lange – wenig liberal – für eine staatliche Lenkung des technischen Fortschritts ein. Sein Entwurf für eine Renaissance des Linksliberalismus ist im aktuellen Stadium nicht mehr als eine Baustelle. Daron Acemoğlu: What Happened to Liberal Democracy? Remaking a Politics of Shared Prosperity, Profile Books, London 2026, 416 Seiten, 30 Euro. (Ende Oktober erscheint im Verlag S. Fischer die deutsche Ausgabe unter dem Titel „Das liberale Versprechen“.)
