Wutreden von Trainern sind im Fußball fast schon ein Kulturgut. Millennials, die sich für Fußball interessieren, können heute mit hoher Wahrscheinlichkeit eher Giovanni Trapattoni rezitieren als Goethe. Wer war das, der so spät durch Nacht und Wind reitet? Jedenfalls nicht Thomas Strunz, der war zum Ärger des Maestros ja ständig verletzt („Was erlaube Strunz?“). Auch die „Flasche leer“ hat sich seit der legendären Pressekonferenz vor fast 30 Jahren für immer ins kollektive Fußballgedächtnis eingebrannt. Und nicht nur Dortmunder Fans können sich noch heute daran erinnern, wie sich der sonst wenig bleibenden Eindruck hinterlassende Thomas Doll 2008 „den Arsch ab“ lachte. Natürlich nur metaphorisch, denn er war ja ziemlich sauer. Waldemar Hartmann wiederum kann noch zwanzig Jahre nach Rudi Völlers TV-Ausraster in Talkshows erzählen, wie viel Weizenbier er damals wirklich getrunken hatte. Wer nun befürchtet hat, dass die öffentliche Trainertirade eine Kunstform der Vergangenheit ist, sei beruhigt. Gerade erst hat das Sportportal „The Athletic“ ihren Wutredner des Jahres gekürt. Und nein, die Kollegen haben nicht etwa Eintracht-Trainer Albert Riera ausgewählt. Obwohl der erst vergangene Woche eine besonders aussagekräftige Bewerbung in Form einer wirren, sechsminütigen Medienschelte abgeschickt hatte. Noch saurer als der exzentrische Spanier war am vergangenen Wochenende nämlich Richie Wellens. Und das, obwohl seine Spieler von Leyton Orient durch ein Unentschieden noch gerade so den Klassenverbleib in Englands dritter Liga gesichert hatten. Während sie draußen mit den Fans feierten, holte Wellens auf der Pressekonferenz kurz Luft. Und blies dann den Frust einer ganzen Saison hinaus. Seine Spieler? „Peinlich“ und „wirklich, wirklich schwach“. Hätten ihm ein ganzes Jahr seiner Trainerkarriere vergeudet. Und die Zeit und das Geld ihrer Fans. Da gebe es keinen Grund, sich feiern zu lassen. Deswegen: „Runter vom Rasen!“ Dann entschuldigte sich Wellens noch bei den Fans. Gegen deren Kritik habe er seine Mannschaft bewusst immer verteidigt, dabei hätte sie ihnen „Woche für Woche nur Mist serviert“. Über Monate den Zorn zurückzuhalten, nur um dann im Moment der Erlösung alles rauszulassen – so viel Contenance gebührt Respekt. Zur Trainertirade der Saison können wir Wellens aber noch nicht gratulieren. Albert Riera gibt in Frankfurt noch mindestens eine Pressekonferenz. Beziehungsweise, frei nach Signore Trappatoni: Riera hat noch nicht fertig.
