Glück im Unglück. Das ist, was Profis in Risikosportarten brauchen. Skifahrer brauchen es, wenn sie mit hundert Sachen aus der Ideallinie fliegen. Motorradrennfahrer brauchen es, wenn sie nach einem Crash über den Asphalt schlittern und hoffen, dass sie nicht von der eigenen Maschine erschlagen werden. Und Radprofis brauchen es, wenn sie bei einer Abfahrt in eine hüfthohe Mauer knallen und nur deshalb nicht darüber hinaus in einen Abgrund fliegen, weil irgendjemand irgendwann die Idee hatte, genau an dieser Stelle ein Fangnetz über die Mauer zu spannen. So geschehen bei der Tour de France. Der Amerikaner Sepp Kuss war der Glückliche im Unglück. Auch Wim van Est hatte Pech bei der Tour de France. Das war 1951. Er hatte das Pech, dass er in einer Kurve von der Straße abkam und samt Rad siebzig Meter in eine Schlucht stürzte. Ein Unglück. Ein Glücksfall aber auch. Doch der Reihe nach. Wäre Wim van Est ein filigraner Bergfahrer gewesen, wäre ihm das nicht passiert. Aber filigran war an diesem Mann wenig. Der Niederländer, den sie die „Lokomotive“ nannten, hatte vor seiner Sportkarriere mit dem Fahrrad Tabak und Käse über die belgisch-niederländische Grenze geschmuggelt und dafür sechs Monate im Gefängnis gesessen. Offenbar war er mit dem Rad schnell unterwegs. Jedenfalls schaffte er es später bis zur Tour de France. Am 16. Juli 1951 gewann er die zwölfte Etappe. Damit war er der erste Niederländer im Gelben Trikot. Am nächsten Tag lag er in der Schlucht. Auf dem Col d’Aubisque in den Pyrenäen hatte van Est eine Panne, verlor einige Minuten und musste sich sputen. Da kam Fiorenzo Magni vorbei, einer der besten Abfahrer seiner Zeit. Van Est klemmte sich an sein Hinterrad, doch Magni war zu schnell für ihn, und so ging dem Niederländer in einer Kurve die Straße aus, wie Radprofis zu sagen pflegen. Er stürzte den Abhang hinunter und kam siebzig Meter tiefer im Unterholz zum Liegen – verletzt und mit einem schweren Schock, aber ohne Knochenbrüche. Für jemanden, der gerade in eine Schlucht gestürzt war, keine schlechte Bilanz. Zusammengeknotete Fahrradschläuche wurden zum Rettungsseil Oben sammelten sich Helfer und sahen erst einmal nur einen gelben Fleck. Das Trikot, am Morgen noch das begehrteste Kleidungsstück des Radsports, hatte die Funktion gewechselt. Es war nun eine Warnweste. Die Bergung des Verunglückten gestaltete sich schwierig. Ein Seil, das man aus einem Begleitwagen holte, erwies sich als viel zu kurz. Da knoteten die Helfer zusammen, was Tour-Teams reichlich dabeihatten: Schläuche. Rund vierzig Stück sollen es gewesen sein. Nach zwei Stunden, so geht die Erzählung, hatten sie ihn auf die Straße gezogen. Oben angekommen, wollte van Est weiterfahren, aber ein hinzugeeilter Arzt nahm ihn aus dem Rennen. Das Rad war Schrott, der Körper malträtiert, das Gelbe Trikot verloren. Ein Unglück kommt selten allein. Manchmal aber kommt es auch mit einem Glück daher. So war es bei van Est. Bei seinem Sturz hatte er eine Armbanduhr der Marke Pontiac getragen. Während alles andere zu Bruch ging, funktionierte sie noch, und Pontiac machte daraus einen Werbespruch, der in den Niederlanden berühmt wurde. Übersetzt lautet er ungefähr so: „Siebzig Meter fiel ich tief, mein Herz stand still, doch meine Pontiac lief.“ Das Herz des Rennfahrers hatte nicht stillgestanden. Aber Werbetexter sind keine Mediziner. Wim van Est ging ohne Gelbes Trikot aus der Tour. Aber mit einem hübsch dotierten Werbevertrag.
