Neben der grauen Stadt erhebt sich das riesige alte Stahlwerk. Zu Spitzenzeiten waren bei British Steel in Port Talbot 18.000 Arbeiter beschäftigt. Das war vor einem halben Jahrhundert. Jetzt ruht das Werk weitgehend. Der letzte Hochofen wurde vor zwei Jahren stillgelegt, das Werk wird derzeit umgebaut. Nur noch wenige Arbeiter sind hier tätig. Ganz Port Talbot wirkt heute müde und heruntergekommen. In der Fußgängerzone reihen sich Charity-Shops, Nagelstudios, eine Spielhalle und ein paar Kneipen aneinander. Viele Ladenlokale sind aber leer stehend, von den Fassaden bröckelt der Putz. Neben dem Job-Center, auf Walisisch „Canolfan Byd Gwaith“ bezeichnet, liegt eine ausgebrannte Kirchenruine. Etwas weiter erinnert eine Bronzeskulptur an die glorreichen Zeiten der Industrialisierung: Ein Arbeiter bedient ein Werkzeug, um ihn herum ein großes Zahnrad. „Die Mühen des Kupfers und die Strapazen des Stahls“ hätten die Stadt groß gemacht. Das ist lange her. Wie in Port Talbot ist der Niedergang der alten Schwerindustrie an der walisischen Südküste in vielen Orten zu spüren. „Das erzeugt ein Verlustgefühl“, sagt Tom Hoyles, politischer Referent der Gewerkschaft GMB. „Die Kohle hat dichtgemacht, auch Stahl hat weitgehend dichtgemacht.“ Unter diesem Verlust leidet die Region bis heute. Das Land tut sich schwer mit dem Strukturwandel, der viele gut bezahlte Arbeitsplätze gekostet hat. Ein größerer Teil der Bevölkerung als anderswo ist ökonomisch nicht aktiv, die Arbeitsproduktivität liegt deutlich unter dem Rest des Königreichs. „Wales ist die Region mit der geringsten Produktivität“, sagt Joshua Miles, Ökonom und Vorsitzender des Unternehmerverbands Federation of Small Businesses (FSB). „Das ist nicht toll, so ist es schon seit Jahrzehnten.“ Geringe, stagnierende Löhne sind die Folge, viele Menschen beziehen Sozialleistungen. Wales war einst die Herzkammer von Labour Am 7. Mai stehen in Wales, Schottland und England Wahlen an, und die regierende Labourpartei zittert davor. In ihrer historischen Herzkammer Wales droht ihr ein Absturz ungekannten Ausmaßes. Das schmerzt Labour besonders, denn hier liegt gewissermaßen einer der Geburtsorte der Partei. In den kohle- und eisenreichen Tälern von Südwales, den Valleys, entstand im späten 19. Jahrhundert eine kraftvolle Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung. Parteigründer Keir Hardie, der erste Labour-Abgeordnete in Westminster, vertrat den Wahlkreis Merthyr Tydfil. Labour-Ikone Aneurin Bevan, der „Vater“ des Nationalen Gesundheitsdienstes NHS, stammt aus dem walisischen Kohlerevier und war Abgeordneter im Ebbw Vale nahe Cardiff. Seit 1922 hat Labour in Wales jede Parlamentswahl gewonnen. Die Partei regiert das Land mit seinen drei Millionen Einwohnern ununterbrochen, seit das Regionalparlament Senedd vor gut einem Vierteljahrhundert eingerichtet wurde. Doch nun wird sie laut Umfragen auf den dritten Platz abrutschen, hinter der linken Unabhängigkeitspartei Plaid Cymru („Partei von Wales“) und der rechtspopulistischen Partei Reform UK von Nigel Farage. Beide kommen auf knapp 30 Prozent und liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Spitze. Nur noch 13 bis 15 Prozent der Wähler wollen jetzt für die Partei von Premierminister Keir Starmer stimmen. Auch bei den englischen Kommunalwahlen drohen brutale Verluste, ein politisches Erdbeben. Es hat sich viel Frust über die glücklose und skandalgeplagte Regierung aufgestaut. „Die Leute wollen ihr eine reinhauen“, sagt Gewerkschafter Hoyles, der auch im walisischen Exekutivkomitee von Labour sitzt. Joshua Miles vom Kleinunternehmerverband FSB sucht nach einer diplomatischen Antwort: „Wales steckt nach wie vor in der Stagnation. Seit 30 Jahren stagniert die Wirtschaft. Das relative Wachstum ist schwach. Wir stehen im Vereinigten Königreich immer am unteren Ende der Ranglisten.“ Nach einer Schätzung des Wirtschaftsprofessors Andrew Henley von der Universität Cardiff liegt die Arbeitsproduktivität bei etwa 85 Prozent des nationalen britischen Durchschnitts. Wales’ Strukturschwäche ist eine Spätfolge seiner Deindustrialisierung. Der von der Labourregierung 1947 verstaatlichte Kohlebergbau wurde in den 1970er-Jahren wettbewerbsunfähig, bis die Regierung von Margaret Thatcher den hochsubventionierten Zechen ein Ende bereitete. „Die Schließung der Kohlebergwerke hatte verheerende Auswirkungen auf die walisische Wirtschaft und führte in den 1980er- und 1990er-Jahren zu extrem hoher Arbeitslosigkeit“, erklärt Gus Williams, der die Handelskammer von Süd- und Mittel-Wales führt. „Es kam zu einem starken ,Braindrain‘: Viele junge und gut ausgebildete Menschen zogen weg.“ Viele verarmte Landstriche Zwar siedelten sich auch neue Unternehmen an, es kamen Investoren aus dem Ausland wie der japanische Elektronikkonzern Sony und einige US-Unternehmen, angelockt von relativ günstigen Arbeitskosten. In Broughton im Norden von Wales sitzt ein großes Airbus-Werk. Dazu gibt es weitere Betriebe aus der Elektronik- und Rüstungsbranche. Doch mit der EU-Osterweiterung verlor Wales seinen Vorteil als billiger Produktionsstandort an Polen, Tschechien oder die Slowakei. Das war der zweite große Rückschlag. „Es gibt auch einige hoffnungsvolle Fortschritte, etwa in Cardiff haben sich erfolgreiche Start-ups und Fintech-Unternehmen angesiedelt“, betont FSB-Chef Miles. Cardiff, Wrexham und Newport ziehen neue Investoren an. Die Landeshauptstadt hat florierende Dienstleistungsbranchen. Daneben gibt es aber auch „viele sehr verarmte Landstriche, besonders in den Valleys“, sagt Miles. Diese Orte inmitten der grünen Hügel sind abgehängt, es fehlt die Zukunftsperspektive. Das walisische Bildungssystem produziert mehr Schulabbrecher als anderswo. Eine große Zahl von jungen Menschen besitzt weder einen Ausbildungs- noch einen Arbeitsplatz. Spricht man mit Wählern, hört man bittere Klagen über soziale Probleme. Der NHS zählt dazu mit seinen langen Wartelisten für einen Termin beim Arzt oder im Krankenhaus. In Wales ist die Situation noch schlechter als im Rest des Königreichs. Fast ein Viertel der Patienten, die eine ambulante Operation oder eine spezielle Behandlung beim Facharzt benötigen, wartet mehr als ein Jahr auf einen Termin. Andere Wähler klagen über Straßen voller Schlaglöcher und die Verödung von Ortszentren, wo Geschäfte schließen. Die „Devolution“ – die politische Dezentralisierung mit der Einrichtung eines Parlaments in Cardiff – hat nicht die erhoffte Wende gebracht. Viele Wähler hadern mit Labours Bilanz von einem Vierteljahrhundert Senedd-Regierung. „Das Gefühl, dass sich das Leben nicht verbessert hat“ Handelskammerchef Gus Williams, der sich selbst zum „progressiven Lager“ zählt, sagt: „Wir hatten jetzt mehr als 25 Jahre Devolution hier, aber die meisten Leute haben das Gefühl, dass sich fundamental nichts verändert hat. Das Leben hat sich nicht besonders verbessert.“ Er beobachtet eine stärkere politische Polarisierung. Linke Wähler gehen von Labour zur Plaid Cymru oder zu den Grünen, rechte Wähler wechseln von den Tories zu Reform. Die Farage-Partei verspricht vieles: eine Senkung der Einkommensteuer, weniger Windkraftanlagen, die Abschaffung der umstrittenen Geschwindigkeitsbegrenzung von 20 Meilen in der Stunde (32 km/h) für Autos auf walisischen Straßen, die Labour durchgesetzt hat. Reform will zudem die Ausgaben für Asylbewerber drastisch kürzen. Beifall bekam auch das Versprechen, eine zusätzliche parallele Straße zur Autobahn M4 zu bauen, der Hauptverkehrsader in Südwales. Labour hatte dieses Projekt aus Umweltgründen abgesagt. Die Partei präsentiert sich in allem als das komplette Gegenteil links-grüner Ideen. Farage prahlt auch damit, dass seine Partei Druck auf die Regierung ausgeübt habe, um die Stahlindustrie zu schützen. Tatsächlich hat London ein Werk von British Steel faktisch verstaatlicht. In Port Talbot hat Tata, der indische Konzern, dem das Stahlwerk seit zwei Jahrzehnten gehört, die Hochöfen abgeschaltet und durch elektrische Lichtbogenöfen ersetzt. Die Labourregierung befürwortet das aus Klimagründen – allerdings gehen mit dem Umbau etwa 2800 Jobs verloren. Die hohen Strompreise wecken aber Zweifel, ob die Stahlindustrie auf der Insel überhaupt noch eine Zukunft hat. „Wenn die Energiepreise hoch bleiben, werden viele Unternehmen alles abbrechen und nach Asien abwandern“, sagt Gewerkschafter Hoyles. Die Pro-Unabhängigkeitspartei Plaid Cymru wirbt mit einem sozialdemokratischen Kurs. Sie verspricht eine bessere Gesundheitsversorgung, Kinderbetreuung und Förderung von walisischen Unternehmen. Die Partei zieht Wähler an, die sich einer spezifisch keltisch-walisischen Identität verbunden fühlen und mehr politisch-kulturelle Autonomie wünschen. Wahrscheinlich wird Plaid Cymru die nächste Regierung anführen, vielleicht in einer Koalition mit Labour und Grünen. Anders als in Schottland die Schottische Nationalpartei (SNP) strebt die Partei für Wales nach einem Sieg nicht direkt ein Unabhängigkeitsreferendum an. Parteichef Rhun ap Iorwerth sagte, das sei vor 2030 kein Thema. Laut Umfragen sieht auch nur eine sehr kleine Minderheit die staatliche Unabhängigkeit als höchste Priorität. Für die Labourpartei dürfte der 7. Mai ein Schicksalstag werden. Die sich abzeichnende Katastrophe in einstigen Hochburgen wird die Partei von Keir Starmer schwer treffen. Ob sich der Premier danach noch lange halten kann, ist ungewiss. In der Presse macht schon das Schlagwort „Starmergeddon“ die Runde.
