FAZ 28.03.2026
08:00 Uhr

Vorgeschichte: Die rätselhafte Seelenreisende von der Saale


Aus einem Städtchen in Sachsen-Anhalt kommt ein Jahrhundertfund der Steinzeit: Das mit reichen Beigaben ausgestattete Grab einer Schamanin ist einzigartig für ihre Epoche. Nun gibt es neue, rätselhafte Erkenntnisse.

Vorgeschichte: Die rätselhafte Seelenreisende von der Saale

Ihr Bett in der Vitrine ist mit echtem Rötel überzogen. Es ist ein kleines, aber würdiges Detail, das den Ausstellungsmachern am Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle hier gelungen ist. Denn das orangerote Gemisch aus Ton und dem Eisenoxid Hämatit hatte man bereits bei der Bestattung der Frau in ihrem Grab verstreut, wahrscheinlich zum Zeichen der Trauer und der Wertschätzung. Etwa neuntausend Jahre ist das her. Dieses Grab ist eines der bedeutendsten steinzeitlichen Funde in Deutschland. Leider kam die Entdeckung zur Unzeit: Im Mai 1934 war man beim Verlegen der Leitung für einen Springbrunnen im Kurpark von Bad Dürrenberg am Ufer der Saale darauf gestoßen. Das Skelett sowie die zahlreichen Beigaben musste der aus Halle herbeigerufene Konservator Wilhelm Henning in großer Eile bergen. Von schädelformversessenen Naziforschern flugs zu einem Urarier erklärt – einem männlichen, versteht sich – erkannte die Wissenschaft erst später, wer und was sie tatsächlich gewesen sein muss. Seit 2004 ist sie neben der Himmelsscheibe von Nebra einer der Stars des Museums. „Wir konnten Dinge nachweisen, die ganz unglaublich sind“ Doch seit einigen Jahren gibt es immer mehr Neues über die zierliche Frau aus der mittleren Steinzeit, die um das Jahr 7000 vor Christus im Alter zwischen 35 und 40 Jahren starb. Als dem Fundareal im Zuge der Vorbereitungen zu der für 2022 geplanten Landesgartenschau neue Anpflanzungen drohten, war es jenem Rötel zu verdanken, dass man die Stelle 2019 trotz der lausigen Dokumentation von 1934 problemlos wiederfand und eine Nachgrabung mit modernsten Methoden in die Wege leiten konnte. „Obwohl der Befund zerstört war, konnten wir dabei Dinge nachweisen, die ganz unglaublich sind“, sagt Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Direktor des Museums und Initiator einer Sonderausstellung mit der „Schamanin von Bad Dürrenberg“ im Mittelpunkt. Darin umgeben Leihgaben aus 39 Museen in 14 Ländern das Skelett auf dem Rötelbett – darunter einige sehr berühmte Stücke wie das früheste bekannte individuelle Porträt der Kunstgeschichte: ein Elfenbeinköpfchen aus Dolní Věstonice in Mähren. Die Exponate führen die Besucher durch die merkwürdige Welt des Mesolithikums (siehe „Zwischen den Zeitaltern“) und präsentieren aktuelle Forschungsergebnisse. Ein tatsächlich spektakuläres neues Ergebnis wurde erst vergangene Woche öffentlich gemacht. Doch warum nennt man sie überhaupt eine Schamanin? Mit dem Begriff des Schamanismus wird heute oft recht locker umgegangen, nicht selten unter Überschreitung der Schwelle zur Esoterik oder zur Romantisierung archaischer Lebensverhältnisse. Da gelten Schamanen als Weise, Heiler und religiöse Funktionsträger in Kulturen, denen man ein Leben in Harmonie mit der Natur unterstellt, noch unverdorben von späteren Entwicklungen wie Landwirtschaft, Staatenbildung oder moderner Technik, und zu dem zurückzukehren einem angesichts der Probleme der modernen Zivilisation zuweilen erstrebenswert erscheint. Ganz aus der Luft gegriffen sind solche Vorstellungen indes nicht. Ethnologisch findet sich Schamanismus häufig bei Völkern, die noch in historischer Zeit als Jäger und Sammler lebten. Doch nicht alle diese Gruppen haben Schamanen. Bei den australischen Ureinwohnern zum Beispiel trifft man eine vom eurasischen oder nordamerikanischen Schamanismus deutlich abgrenzbare Vorstellungswelt an, die als Totemismus bezeichnet wird. Animismus und Schamanismus Und tatsächlich beruht Schamanismus auf einer Weltsicht, auf der Religion in durchaus unterschiedlichen Formen dann erst aufbaut. Grundlage dieser Weltsicht ist ein Animismus, also die Vorstellung, auch Tiere, Pflanzen, ja sogar anorganische Objekte seien beseelt, darüber hinaus existierten noch Geister und alle diese nicht menschlichen Entitäten hätten Persönlichkeit und pflegten soziale Beziehungen. Schamanen sind nun spirituelle Spezialisten, die im Dienst an ihrer Gemeinschaft oder einzelnen Mitgliedern – etwa im Falle von Erkrankungen – mit den nicht menschlichen Sphären einer solchen Welt in Verbindung treten können. Auf die Frage, was Schamanismus beziehungsweise einen Schamanen nun ausmache, haben Ethnologen durchaus verschieden konkrete Antworten gegeben. Harald Meller und sein Team orientieren sich bei der Interpretation der Funde von Bad Dürrenberg an Kriterien, mit denen der in München lehrende Ethnologe László Vajda (1923 bis 2010) den Schamanismus charakterisiert hat. Dienstreisen in die Geisterwelt Demnach verfügen Schamanen zum einen über eine spezielle Ausrüstung. In der Ausstellung in Halle werden einige überaus eindrucksvolle Schamanengewänder aus historischer Zeit gezeigt, in die allerlei Gegenstände eingearbeitet sind, darunter auch Knochen bestimmter Lebewesen. Weiter wird der Beruf des Schamanen weder vererbt noch angestrebt. Vielmehr ist man zum Schamanen berufen – nicht selten aufgrund des Überstehens einer lebensbedrohlichen Krankheit oder körperlicher Besonderheiten –, muss aber noch spezielle Initiationsriten über sich ergehen lassen Schließlich sind Schamanen zu ritueller Ekstase in der Lage, in der sie Seelenreisen in jenseitige Welten unternehmen, oft begleitet von tierischen Hilfsgeistern. Auf diesen Reisen versuchen sie zum Beispiel, die von Geistern entführten Seelen ihrer Patienten zurückzuholen, um sie so zu heilen, oder sie tragen mit anderen Schamanen Kämpfe aus. Der französische Anthropologe Charles Stépanoff verglich Schamanen auf Seelenreisen einmal mit Gamern, die sich in Computerspielen durch virtuelle Landschaften bewegen und in sogenannten MMOs (Massively Multiplayer Online Games) auf die Avatare anderer Spieler treffen. Knochenbüchse mit Jagdmunition All dies charakterisiert Schamanen in Berichten oder ethnologischen Studien aus Gegenwart oder historischer Zeit. Aber wie will man dergleichen archäologisch anhand einer steinzeitlichen Bestattung nachweisen? Tatsächlich ist das im Fall Bad Dürrenberg mit einem ungewöhnlichen Grad der Sicherheit möglich. Denn der Fund war bereits vor der Nachgrabung zwischen 2019 und 2022 etwas Besonderes. Allein die Zahl der mitgegebenen Werkzeuge aus Stein und Tierknochen übersteigt die anderer mesolithischer Bestattungen um ein Mehrfaches. Darunter sind so außergewöhnliche Stücke wie eine Büchse aus dem Knochen eines Kranichs, in der 29 messerscharfe Miniatursteinklingen verstaut waren. „Bei diesen Mikrolithen haben wir festgestellt, dass die vorher mit Birkenpech in Pfeilen befestigt gewesen waren und wieder herausgenommen wurden“, erklärt Meller. „Und man sieht auch Spuren des Aufpralls und des Eindringens in Fleisch oder anderes organisches Material.“ Es handelt sich also um ein wertvolles Stück Jagdausrüstung. An einer herausgehobenen sozialen Stellung der Toten besteht kein Zweifel. Nur friedliche Tiere waren bei ihr Weiter enthielt das Grab verschiedenste Teile anderer Lebewesen, von denen einige mit der Kleidung und einer Kopfbedeckung verbunden gewesen sein können, allen voran einen geweihbestückten, zu einer Art Maske zugeschnittenen Gesichtsschädel eines Rehbocks sowie eine Anzahl von Tierzähnen, von denen einige durchbohrt waren, als seien sie aufgenäht oder an Schnüren befestigt gewesen. Die Bestattung umfasste auch jeweils einzelne Knochen eines Igels und eines Bibers, des besagten Kranichs sowie nach neusten Erkenntnissen eines großen Wasservogels, vielleicht eines Schwans. Einige Schildkrötenpanzer hatten vermutlich die Funktion von Gefäßen, darunter für rotes Pigment, das mit einem ebenfalls gefundenen Knochenwerkzeug vielleicht auf die Haut aufgetragen wurde, eine Art Schminkset also. Doch nur bestimmte Tiere der damaligen Fauna sind vertreten – so fehlen insbesondere Knochen von Raubtieren wie Bären oder Wölfen. „Das ist etwas ganz Charakteristisches für den Schamanismus“, sagt der Archäologe Oliver Dietrich vom Landesmuseum in Halle. „Einem Schamanen werden nur bestimmte Tiere zugeordnet.“ Bestimmung und frühes Leid Die Deutung eines Großteils des Bad Dürrenberger Ensembles als Reste einer Schamanenausrüstung liegt also nahe, wäre aber vielleicht nicht zwingend, gäbe es nicht Evidenz für zwei weitere Elemente des Schamanismus aus László Vajdas Katalog: Eine geradezu unheimliche körperliche Anomalie und etwas, das sich als Spur eines Initiationsritus deuten lässt. Bei Letzteren handelt es sich um Abschleifungen der beiden oberen Schneidezähne bis hinunter auf die Nervenkanäle, die sehr präzise und in kurzer Zeit vorgenommen worden sein müssen, vermutlich als die Frau noch ein Kind war. Das dürfte äußerst schmerzhaft gewesen sein, doch die Arme hatte vermutlich keine Wahl: Nach der Überzeugung ihrer Umwelt hatte sie eine Gabe, mit der sie ihrer Gruppe zu Diensten sein musste. Denn mit dieser Anomalie war sie zweifellos zu einer mächtigen Schamanin ausersehen. Zu der Anomalie tragen insgesamt drei Fehlbildungen bei, die nur äußerst selten zusammen auftreten: Einmal eine eigentümliche Kerbe im Foramen magnum, dem Loch an der Schädelbasis, durch welches das Rückenmark mit dem Gehirn verbunden ist. Dort hat sich eine Arterie in den Knochen gedrückt, die den Hirnstamm versorgt. Zudem sind aber auch die beiden obersten Halswirbel fehlgebildet, mit dem Ergebnis – so die an der Untersuchung der Bad Dürrenbergerin beteiligten Mediziner –, dass bestimmte Stellungen des Kopfes den Blutfluss durch die Arterie behindert haben dürften, mit dem möglichen Effekt eines sogenannten Nystagmus, einer rhythmischen Bewegung der Augäpfel, die auf einen Betrachter einen erschreckenden Eindruck gemacht haben muss. „Damit haben wir einen Hinweis auf rituelle Ekstase, etwas, was sich archäologisch sonst nicht nachweisen lässt“, erklärt Harald Meller. „Deswegen ist die Schamanin von Bad Dürrenberg so wichtig.“ Die Ausgrabung der Ausgrabung Der zweite fehlgebildete Wirbel, der den Forschern diese Diagnose erlaubt, wurde erst bei der Nachgrabung gefunden. Aber dies ist lange nicht die einzige und vielleicht nicht einmal die spektakulärste Neuigkeit, die das Sichten der Verfüllung von 1934 sowie des beiderseits des Leitungsgrabens anstehenden Erdreiches erbrachte. Letzteres hatte man dazu in zwei insgesamt mehr als acht Tonnen schweren Blöcken geborgen und in das Zentraldepot des Landesdenkmalamtes nach Halle gebracht, wo man es dann über knapp zwei Jahre hinweg in Ruhe und unter modernen Laborbedingungen untersuchen konnte. So war es beispielsweise möglich, mikroskopisch kleine Reste eines Federschmucks nachzuweisen, welcher der Schamanin mit ins Grab gegeben worden war oder der mit ihrem Ornat verbunden gewesen war. Auch ließen sich Pollenanalysen vornehmen, die darauf hindeuten, dass sie vermutlich im Juli bestattet worden war. Noch eine Grube mit schamanischem Inhalt Die erste große Überraschung aber gab es bereits beim Ausheben der Gräben rings um die zu bergenden Blöcke, also in Abschnitten des Erdreiches, in denen die Archäologen gar keine mit der Bestattung der Schamanin zusammenhängenden Funde erwartet hatten: Gut einen Meter vor ihrem Grab stieß man auf zwei zugerichtete tierische Gesichtsschädel samt Geweihpartien, diesmal von Rothirschen. Sie waren ebenfalls bereits in der Steinzeit dort deponiert worden, und zwar in einer flachen Grube, deren Durchmesser deutlich größer war als die Artefakte selbst. „Wahrscheinlich waren diese Geweihmasken Teile vollständiger Schamanengewänder“, erklärt Harald Meller. Tatsächlich fanden sich dort auch Spuren von Federn, Bast und Blumen. Die eigentliche Pointe lieferten aber erst die Ergebnisse der Datierung: Die beiden Hirschgeweihgewänder waren mindestens 300 Jahre, vielleicht auch erst 800 Jahre nach der Beisetzung der Schamanin vergraben worden – aber kaum zufällig genau neben ihr. „Das bedeutet, die Frau muss eine derart bedeutende Schamanin gewesen sein, dass man noch viele Generationen später von ihr wusste“, sagt Meller. Der Nachweis einer so langen Erinnerungskultur in einer Gesellschaft ohne Schrift oder Monumente, die ohne Pflege permanent sichtbar bleiben, ist ohne Beispiel. Ein weiteres erstaunliches neues Resultat betraf ein Rätsel, das bereits die Funde von 1934 aufgegeben hatten. Bei der Schamanin fanden sich nämlich damals schon nicht nur Tierknochen, sondern auch Skelettreste eines menschlichen Säuglings, die der Konservator Henning noch im anatomischen Verband vorgefunden hatte. Seine nationalsozialistisch gesinnten Vorgesetzten hatten das damals geflissentlich ignoriert. Alle anderen fragten sich seither: War es das Kind der Toten? Das Rätsel der drei kleinen Brüder Eine Antwort darauf wurde erst durch die Nachgrabung möglich. Denn dabei wurde ein Felsenbein des Babys gefunden, ein Teil des Schädels, der die härteste Knochensubstanz im menschlichen Skelett bildet und in dem sich daher Erbgutreste besonders gut erhalten. Der Gentest ergab, dass die Schamanin weder Mutter noch Großmutter des Babys, sondern erst im vierten oder fünften Grad mit ihm verwandt war. Sie könnte natürlich seine direkte Vorfahrin gewesen sein, aber dann müsste ihr Grab mehr als hundert Jahre nach ihrem Tod wieder geöffnet worden sein, um ihr das Kind in die skelettierten Armen zu legen. Wurden aber die Frau und das Kind gleichzeitig bestattet, vielleicht ohne dass ihre weitläufige Verwandtschaft eine Rolle spielte, dann schließt das die etwas gruselige Möglichkeit ein, dass das Baby eine Weile vor der Schamanin verstarb und ihr erst als Mumie ins Grab gegeben worden war, wenn das kleine Mumienbündel nicht bereits Teil ihrer magischen Ausrüstung war. Ein neuer, erst in dieser Woche publik gemachter Befund macht solch ein Szenario nun tatsächlich nicht völlig abwegig: Bei der Neubearbeitung der Tierknochen aus dem Grab stellte sich nämlich heraus, dass zwei davon gar nicht von Tieren stammen. Es sind vielmehr menschliche Wirbel zweier Jungen, die zwei bis sechs Jahre alt wurden. Noch sensationeller ist aber der genetische Befund: Die beiden Jungen waren beide Brüder des Säuglings, einer sogar sein Zwillingsbruder. Wie das zu deuten ist, darüber dürfte die Fachwelt nun sicher noch eine ganze Weile diskutieren. Eine Erklärung ohne Nachbestattung oder aber einer Mumifizierung des Babys scheidet jedenfalls aus, da dieses vor seinem Zwillingsbruder verstarb. In einem Beitrag zum Begleitband zur Sonderausstellung in Halle tendieren Harald Meller und seine Mitautoren zu einem Szenario, in dem der Schamanin eine Säuglingsmumie sowie die Wirbel als Pars pro toto ins Grab gelegt wurden. Andererseits: In der Ausstellung wird auch ein sibirisches Schamanengewand aus dem 19. Jahrhundert gezeigt, das vermutlich von der Volksgruppe der Tuwiner aus Grenzgebiet zwischen Russland und der Mongolei stammt – und an ihm ist ein menschlicher Wirbel befestigt. Die Sonderausstellung „Die Schamanin“ ist bis zum 1. November im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale zu sehen. Der sehr empfehlenswerte Begleitband ist im Hirmer Verlag erschienen und kostet 35 €.