FAZ 23.03.2026
10:40 Uhr

Vorgehen gegen Deepfakes: Die manipulierten Nacktbilder, die Spanien erschütterten


Spanien geht längst härter gegen digitale Übergriffe vor. Auslöser war ein Fall 2023, bei dem Minderjährige gefälschte Nacktbilder von ihren Mitschülerinnen erstellten.

Vorgehen gegen Deepfakes: Die manipulierten Nacktbilder, die Spanien erschütterten

Die bisher härteste Strafe für das Verbreiten eines „Deepfakes“ traf einen Minderjährigen. Die Eltern eines Schülers in der Extremadura-Region mussten im vergangenen Jahr 1200 Euro zahlen, nachdem er und andere manipulierte Nacktbilder im Internet verbreitet hatten – laut Presseberichten war es nicht nur in Spanien, sondern auch in der Europäischen Union die höchste Geldstrafe dieser Art. Dieser Fall im Jahr 2023 war ein Grund dafür, weshalb die spanische Linksregierung den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet durch einen neuen Gesetzentwurf zu verbessern versucht, zeigt aber zugleich die Grenzen für ein Durchgreifen gegen solche „Deepfakes“ auf. Die Härte des spanischen Sexualstrafrechts könnte auch der deutsche Schauspieler Christian Ulmen zu spüren bekommen, sollte die Anzeige seiner früheren Ehefrau Collien Fernandes in Palma de Mallorca zu einer Anklage führen: Sie habe sich aus diesem Grund „sehr bewusst“ dafür entschieden, in Spanien zur Polizei zu gehen, weil dort Frauen deutlich besser vor digitaler und häuslicher Gewalt geschützt seien als in Deutschland, sagte Fernandes der ARD. In einem „Spiegel“-Bericht und später auf Instagram hatte Fernandes Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann, den Schauspieler und Komiker Christian Ulmen, erhoben. Der Fünfzigjährige sei für die Verbreitung von gefälschten Nacktfotos und Sexvideos von ihr verantwortlich, die „privat anmuten und so wirken sollten, als habe ich mich selbst nackt fotografiert und heimlich beim Sex gefilmt“. Er habe diese Aufnahmen „Hunderten von Männern“ geschickt. Der Anwalt Ulmens spricht gegenüber der F.A.Z. von „unwahren Tatsachen“ und kündigt rechtliche Schritte an; es gilt die Unschuldsvermutung. Minderjährige zogen ihre Mitschülerinnen digital aus Ähnlich prominente Fälle mit erwachsenen Tatverdächtigen wurden in Spanien bisher nicht bekannt. In der Extremadura hatten die vermeintlichen Nacktbilder, die 2023 am ersten Schultag auf den Mobiltelefonen zirkulierten, die spanische Kleinstadt Almendralejo in Aufruhr versetzt. Mehr als ein Dutzend minderjähriger Schüler hatte Aufnahmen von mindestens 20 Mitschülerinnen im Alter zwischen elf und 17 Jahren mithilfe der KI-Auszieh-App Clothoff („Kleider runter“) manipuliert. Dafür hatten sie Profilfotos von Instagram- und WhatsApp-Konten der Mädchen sowie Aufnahmen bei einem Volleyball-Spiel verwendet. Wenn sie nicht den Körper ihrer Tochter kennen würde, hätte sie die Aufnahmen für echt gehalten, sagte damals eine der Mütter. Diese künstlich erstellten Bilder verbreiteten sich rasend schnell in den sozialen Medien und wurden auch auf Plattformen wie „Only Fans“ und anderen pornografischen Webseiten hochgeladen, wie das damals Gericht mitteilte. Die Richter verurteilten die minderjährigen Täter wegen der Verbreitung von Kinderpornografie schließlich zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr. Gegen einen von ihnen verhängte die spanische Agentur für Datenschutz (AEPD) dann – erstmals in Europa, wie es in Spanien hieß – zusätzlich ein Bußgeld in Höhe von 2000 Euro, das später auf 1200 Euro reduziert wurde. Die technologische Entwicklung war schneller als neue Gesetze Die spanische Regierung hatte das Sexualstrafrecht erst 2022 auch für digitale Übergriffe verschärft. Doch die technologische Entwicklung war schneller. Bereits 2025 und 2026 legte die Minderheitsregierung Gesetzesentwürfe zur Nachbesserung vor. Unter anderem soll die Verwendung und Verbreitung manipulierter Bilder oder Stimmen durch Künstliche Intelligenz (Deepfakes) ohne Zustimmung in die Liste der Verbrechen gegen die Ehre aufgenommen werden. Das Parlament hat die Entwürfe jedoch bisher nicht verabschiedet. Das liegt auch daran, dass man gleichzeitig die Nutzung sozialer Medien für Jugendliche unter 16 Jahren verbieten will. Das ist nicht nur in Spanien rechtlich und technisch sehr schwierig. In Parlamentsdebatten wirft die rechtspopulistische Vox-Partei den regierenden Sozialisten von Ministerpräsident Pedro Sánchez „Zensur“ und eine „politische Kontrolle“ des Internets vor. Die konservative PP kritisiert die geplanten Verschärfungen als den Versuch, von Korruptionsaffären abzulenken. In Spanien stieg die Zahl der Anzeigen wegen des digitalen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen zwischen 2022 und 2024 laut der Kinderhilfsorganisation „Save the Children“ um 13 Prozent.