Auch drei Wochen nach dem mutmaßlichen Arbeitsunfall mit mittlerweile fünf Toten in einer Lederfabrik und Pelzgerberei in Runkel ist die Ursachenforschung noch nicht abgeschlossen. Das betrifft unter anderem den Arbeitsschutz: Hatten die Arbeiter in der Klärgrube mit den Produktionsabfällen ein Messgerät dabei, um schädliche Gase zu ermitteln? Nach bisherigen Erkenntnissen haben sie vor allem giftigen Schwefelwasserstoff eingeatmet. Auch Kohlenmonoxid hat eine Rolle gespielt. Die Staatsanwaltschaft Limburg wartet aber noch auf das Ergebnis der toxikologischen Untersuchung und hat die Hoffnung auf rasche Nachrichten gedämpft. Vor diesem Hintergrund beschäftigt vor allem die Angehörigen der Toten die Frage nach dem Warum. „Es ist nicht greifbar“, sagt die parteilose Bürgermeisterin Antje Hachmann. Die fünf Männer waren am 16. April nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen an der Klärgrube des Kleinbetriebs im Verlauf von Routinearbeiten ohnmächtig geworden. Drei von ihnen starben noch am Ort, darunter der Inhaber. Helfer konnten zwei weitere Arbeiter zunächst retten, wobei sie einen von ihnen wiederbeleben mussten. Die Männer kamen in kritischem Zustand und dem Vernehmen nach mit schweren Lungenschäden in Krankenhäuser. Trotz aller medizinischen Hilfe starben auch sie. 650 Trauergäste bei Beerdigung des Inhabers der Runkeler Gerberei An die fünf Männer soll künftig eine Gedenkstätte erinnern, wie Hachmann ankündigt. Ein Betrieb aus dem nahen Villmar im Kreis Limburg-Weilburg wolle den Gedenkstein stellen. Platziert werden solle er am alten Standort der Gerberei an der Lahn mitten in Runkel. In der Nähe der Stelle führt eine schmale Brücke über den Fluss. Als Erster ist der ehemalige Inhaber der Gerberei beerdigt worden. Zu seiner Beisetzung vor einer Woche kamen rund 650 Trauergäste. „Ich habe niemals zuvor einen solch vollen Waldfriedhof gesehen“, sagt Bürgermeisterin Hachmann. Manche Trauergäste aus der Gerberzunft seien von weit her angereist, einige sogar aus Österreich und der Schweiz. Dies zeige, wie sehr der Vorfall die gesamte Branche aufgewühlt habe. Ein derartiges Unglück sei zuvor nicht bekannt gewesen. Der Familienbetrieb besteht seit 200 Jahren. Die Gerberei verlor vier ihrer sieben Beschäftigten. Wie es mit ihr weitergeht, ist noch offen. Bisher hat sie chromfrei gegerbte Kuhfelle als Deko und Alternative zu Teppichen geliefert. Seit dem Tag des Unglücks ist der Betrieb wegen des Trauerfalls geschlossen. Diese Botschaft verkündet auch seine Internetseite. „Viele Halbwahrheiten über Vorfall von Runkel im Umlauf“ Hachmann hat mit den Angehörigen aller Toten mittlerweile gesprochen, eingehender mit der Familie des verunglückten Inhabers. Es überwiege noch die Trauer, aber nun gehe es an die Aufarbeitung. Ein Treffen mit den Feuerwehrleuten und anderen, ebenfalls ehrenamtlichen Helfern habe ihr die extreme psychische Belastung vor Augen geführt, die dieser Einsatz bedeutet habe. „Das hat ordentlich Substanz gekostet“, hebt Hachmann hervor und schließt sich in diese Aussage ein. Sie beschäftigt sich nicht zuletzt mit der Frage, was die Behörden aus dem mutmaßlichen Arbeitsunfall lernen können. Jede einzelne Behörde habe für sich gut gearbeitet. Alles sei hochprofessionell abgelaufen. Allerdings habe sie ein „Ruckeln beim Übergang der Zuständigkeiten“ festgestellt, sagt Hachmann. Ein Beispiel: Nicht jeder Beteiligte habe ihre Telefonnummer gekannt. Viele wüssten auch nicht um die Rolle eines Bürgermeisters in einer Kleinstadt als „Mädchen für alles“, in solchen Ausnahmesituationen ohnehin. Bürgermeister müssten den Überblick haben. Sie sei von Dutzenden Einwohnern angesprochen worden, die Antworten erwartet hätten. Die seit 1995 in der öffentlichen Verwaltung tätige Hachmann zieht daraus zwei Schlüsse. Zum einen bedürfe es in Krisen einheitlicher Informationen, die Behördenvertreter weitergeben könnten. Zum Zweiten müsse es in solchen Fällen eine zentrale Stelle geben, bei der die Informationen aus Rettungsdiensten, Feuerwehren, Polizei, Kirche, Kreis und Kommune zusammenliefen. Dies habe sie auch Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) gesagt. Für die Angehörigen sei es schlimm, wenn sie manche Einzelheit erst aus Medien erführen. Überdies seien Halbwahrheiten im Umlauf gewesen. So sei über ein eigens zur Unterstützung hinzugerufenes Unternehmen verbreitet worden, an dem Unglück beteiligt gewesen zu sein. Dabei habe es die bei der Dekontamination der Helfer angefallenen Abwässer aufgenommen. Der vertraute Aufbau von Behörden habe seine Berechtigung und stehe für Verlässlichkeit, sagt Hachmann, die Rechtswissenschaften an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung von Nordrhein-Westfalen studiert hat und vor der Wahl ins Bürgermeisteramt als Büroleiterin im Rathaus tätig war. Allerdings sei die Verwaltungsstruktur „nicht immer am Puls der Zeit“. Im Lichte solcher Vorfälle wie jenem in Runkel müsse die Zusammenarbeit zwischen Behörden neu gedacht werden, fordert sie. Zudem müssten Arbeitsschutzvorschriften nicht nur Sicherheit bieten, sondern für Kleinstbetriebe auch handhabbar sein. Viele Mittelständler klagten über ausufernde Dokumentationspflichten. F.A.Z.
