FAZ 25.03.2026
07:10 Uhr

Vor Eiskunstlauf-WM: Wie viel Show verträgt der Paarlauf?


„Wir laufen für unser Publikum und nicht für die Preisrichter“: Annika Hocke und Robert Kunkel definieren den Paarlauf spektakulär. Sollten die Kampfrichter ihre Wertungen anpassen?

Vor Eiskunstlauf-WM: Wie viel Show verträgt der Paarlauf?

Ihr olympischer Lohn waren die Ovationen des Publikums – nach dem Kurzprogramm und nach der Kür. Die Berliner Eiskunstläufer Annika Hocke und Robert Kunkel, von den Preisrichtern bei den Winterspielen als Zehnte der Paarlaufkonkurrenz eher unterbewertet, genossen das Vertrauensvotum ihrer Fans in der Milano Ice Skating Arena. Es half ihnen nach dem Kurzprogramm zu Lady Gagas „Hold my Hand“ wie nach der Kür zum Meat-Loaf-Klassiker „I’d do anything for love“ in Windeseile über die Enttäuschung beim Blick auf die Benotung hinweg. Eine Situation, die die beiden mit dem ausgeprägten Hang zur Artistik und Akrobatik rasch verschmerzen konnten. „Die Noten der Preisrichter haben wir nicht in der Hand“, sagte die 25 Jahre alte Annika Hocke nach der olympischen Paarlaufentscheidung am 16. Februar, bei der ein anderes Berliner Paar, Minerva Hase und Nikita Volodin, die Bronzemedaille hinter den japanischen Showstars Kihara/Miura und den Georgiern Metelkina/Berulawa gewonnen hatte. Der Paarlauf benötigt Reformen Hase/Volodin gehören seit der Saison 2023/24 zum Hochadel im Paarlauf; Hocke/Kunkel, 2023 in der finnischen Stadt Espoo einmal auf Platz drei der Europameisterschaft, dagegen zu den beliebtesten Herausforderern. Auch bei der Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft in Prag, die an diesem Mittwoch mit den Kurzprogrammen der Frauen und Paare beginnt. Dass die Berliner auf der größten Bühne ihres Sports in Mailand eine Art Publikumsmedaille erobern konnten, dokumentierte, dass dieser traditionsreiche Sport noch mehr Reformen braucht, um weiterhin Leuchtzeichen setzen zu können. Der Trend, das zeigen auch die inzwischen von der Internationalen Eislauf-Union (ISU) erlaubten Rückwärtssalti wie die in Mailand allerdings zu Rohrkrepierern geschrumpften Vierfachsprungfeuerwerke des amerikanischen Weltmeisters Ilia Malinin und das glamouröse Comeback der zwischenzeitlichen amerikanischen Kunstlaufaussteigerin Alysa Liu mit WM-Titel 2025 und Gold in Mailand, geht zur globalen Show im Zeichen der manchmal überbordenden Freude an diesem Sport zwischen edlem Kufenkunstwerk und extrovertierter Selbstdarstellung. Annika Hocke und Robert Kunkel, die zum Beginn dieser Saison auf dem Eis ihres Trainingsdomizils in Bergamo ineinander crashten, wobei der Berliner Student des Ingenieurwesens, schmerzhaft getroffen von den Kufenzacken seiner Partnerin, schwere Handverletzungen erlitt, gehören zweifellos zur progressiven Fraktion. „Auch die ISU“, sagt Hocke gegenüber der F.A.Z., „weiß, dass sie Veränderungen im Reglement braucht, um im modernen Spitzensport mithalten zu können. Zu diesen Veränderungen gehören auch weitere Actionelemente. Und soweit ich weiß, soll das zur kommenden Saison auch eingeführt werden.“ The Show must go on – auch in diesem ältesten aller olympischen Wintersportfachverbände. Kunkel: „Wollen Trendsetter im Paarlauf sein“ Unkonventionelle Paare wie Hocke/Kunkel tragen dazu bei, dass es bei den großen Messen des Eiskunstlaufs derzeit eine Jury hinter der Bande und eine Jury auf den Rängen gibt. „Wir haben bei unseren Showauftritten gespürt, wie das Eiskunstlaufen mit all seinen artistischen Möglichkeiten die Leute berührt und begeistern kann“, sagt Annika Hocke. „Wir laufen für unser Publikum und nicht für die Preisrichter. Deshalb haben wir darauf auch unseren Fokus gerichtet. Unser Plan für Mailand war, das Momentum für uns zu nutzen, und dieser Plan ist super aufgegangen.“ Mochten die Medaillen auch an andere, kufentechnisch noch bessere Paare gegangen sein. Die Berliner Reformatoren haben über ihre sportliche Zukunft noch nicht entschieden. In Prag wollen sie „den Preisrichtern nicht den Raum anbieten, uns abzuwerten“, sagt Annika Hocke, „dazu brauchen wir unsere Bestleistungen.“ Hockes Partner Kunkel deutet für die bevorstehenden Auftritte in der tschechischen Hauptstadt an, „dass wir für unsere Kür eine Überraschung in petto haben, die in die Richtung Artistik geht“. Näheres wollte er über den geplanten Clou noch nicht verraten. Er könnte an diesem Donnerstag konkrete Formen annehmen. Wenn sie schon keinen der großen Titel gewonnen haben, wollen die Berliner, so Kunkel, zumindest „so etwas wie Trendsetter im Paarlauf sein. Allerdings kriegen die ersten Trendsetter dafür meistens nicht die Credits. Dennoch wollen wir uns bei der WM noch mal ein bisschen abheben.“ Ein Kritiker der momentan noch gültigen Paarlaufregeln wird Kunkel bleiben. „Ich finde es schade“, sagt er, „dass in einem Sport, der Paarlauf heißt, Einzelsprünge so viel höher bewertet werden als andere Elemente, die den Paarlauf definieren. Man will ja nicht zwei gute Einzelläufer beisammen haben, sondern zwei gute Paarläufer. Was wir machen, ist Paarlauf und nicht Sprünge nebeneinander.“ Annika Hocke und Robert Kunkel verabschiedeten sich bei der Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele in Italien standesgemäß, als es in die Arena di Verona ging. „Robert hat mich da reingehoben“, sagt Annika Hocke beim Blick zurück auf ein sportliches und emotionales Highlight, bei dem Hocke/Kunkel das Publikum eroberten, die Preisrichter aber noch nicht.