FAZ 08.05.2026
19:08 Uhr

Vom Saulus zum Paulus?: Wie ein Altnazi die Friedensbewegung mitprägte


Paul Wipper war ein Redner der AG Frieden zum 8. Mai 1985. Die Veranstaltung wurde von der Friedensbewegung gefeiert. Aber war da nicht etwas 40 Jahre zuvor?

Vom Saulus zum Paulus?: Wie ein Altnazi die Friedensbewegung mitprägte

Die Lokalzeitung „Trierischer Volksfreund“ kündigte für den 8. Mai 1985 eine Kundgebung auf dem Trierer Hauptmarkt an. Als Redner für die „Arbeitsgemeinschaft Frieden“, einen 1979 rund um den späteren Oberbürgermeister Klaus Jensen gegründeten und bis heute bestehenden Verein, wurde ein gewisser Paul Wipper genannt. Zumindest den Älteren muss Wipper ein Begriff gewesen sein, denn er sprach nicht zum ersten Mal öffentlich. Wipper war seit den späten Zwanzigerjahren eine tragende Figur des Nationalsozialismus in der Region gewesen. In der Retrospektive verheimlicht die AG Frieden dieses Wirken ihres damaligen Mitglieds zwar nicht, betont jedoch dessen vermeintlichen Persönlichkeitswandel. Schon gar nicht wird die Frage aufgeworfen, inwieweit die ideologischen Wurzeln Wippers im Nationalsozialismus Einfluss auf die Friedensbewegung gehabt haben könnten. „Rundgänge gegen das Vergessen“ Im Buch „StattFührer – Trier im Nationalsozialismus“ (2005), das auf die Arbeit des Vereins zurückgeht, wird hervorgehoben, welche Bedeutung die Veranstaltung zum 40. Jahrestag des Kriegsendes gehabt habe. Es wird beschrieben, wie Wipper zusammen mit „Willi Torgau, Kommunist und ehemaliger KZ-Häftling“, auf dem Trierer Hauptmarkt gesprochen habe. „Ihre Botschaft an die vorwiegend jungen Zuhörer ist die gleiche: Nie wieder Krieg von deutschem Boden!“, heißt es im „StattFührer“. Es sei „eine denkwürdige Szene“ gewesen. Seit jenem 8. Mai 1985 bietet die AG Frieden „Rundgänge gegen das Vergessen“ an, die auf selbst aufbereitetem Material wie dem „StattFührer“ gründen. Erstmals fand das direkt vor der Kundgebung statt, heute werden sie auch für Schulklassen abgehalten. Wipper wurde bei solchen Rundgängen durchaus thematisiert, etwa am 9. November 2025. Es ging dabei um Täter in Trier oder mit Bezug zur Stadt. Auch über Wipper wurde informiert, der als früherer überzeugter Nationalsozialist und NS-Funktionär später Mitglied der Friedensbewegung und der AG Frieden geworden sei. Die offen und von den beiden Vortragenden mit einer gewissen Skepsis gestellte Frage lautete, ob man ihm diesen Wandel abnehmen könne. Eine Teilnehmerin hielt es tatsächlich für einen möglichen Beleg der Abkehr, dass Wipper nach eigener Aussage die NPD-Mitgliedschaft abgelehnt haben soll, obwohl die Partei auf ihn zugekommen sei. NS-Ortsgruppe, Kreisleiter, Abgeordneter Paul Wipper wurde 1906 in Bochum geboren, 1992 verstarb er in Trier. Über seinen Werdegang informiert unter anderem die Rheinland-Pfälzische Personendatenbank. Er trat 1928 in die Partei ein und baute die Saarburger Ortsgruppe der NSDAP auf. Ab 1931 firmierte Wipper als NSDAP-Kreisleiter im Kreis Trier-Land-West. Im Zuge eines Betrugsfalls innerhalb der Partei, den er öffentlich machte, geriet er mit anderen lokalen Parteigrößen aneinander. Seiner Karriere schadete das nicht, im Gegenteil. Von 1936 bis 1945 war er als Kreisleiter in Cochem tätig und zusätzlich Reichstagsabgeordneter für den Wahlkreis Koblenz-Trier. Die verfügbaren Quellen zeugen von einem linientreuen Wirken mit entsprechend weitreichenden Folgen für die Opfer. Über die Reichspogromnacht steht im betreffenden SD-Lagebericht der Region vom 25.11.1938, „[i]m Kreise Kochem“ sei „die Aktion am wirksamsten“ gewesen. Über Einzelschicksale der zahlreichen jüdischen Opfer des Holocausts, die aus der betreffenden Region stammten, informiert etwa das vom Landkreis Cochem-Zell 1996 herausgegebene Buch „Spuren der Vergangenheit“. Demnach wurden in der NS-Zeit insgesamt 207 Juden aus den damaligen Kreisen Cochem und Zell deportiert; das jüngste Opfer im Kreis Cochem war sechs Monate alt. Karriere auch in der SS Offensichtlich hatte sich der Kreisleiter Wipper aus Sicht der NSDAP-Parteiführung bewährt. Im Trierer Biographischen Lexikon aus dem Jahr 2000 erfährt man, er habe sich „1943/44 . . . in Rom auf die Übernahme der Leitung der Landesgruppe Italien der NSDAP vor[bereitet]“. Karriere machte Wipper auch in der SS. Die Rheinland-Pfälzische Personendatenbank berichtet von einer Beförderung zum „SS-Obersturmbannführer (mit Wirkung vom 25.5.1944) durch Himmler anlässlich von dessen Besuch auf der Reichsschulungsburg in Cochem.“ Das war ein hoher Offiziersdienstgrad. 1940 meldete sich Wipper als Kriegsfreiwilliger, wurde mehrfach verwundet und geriet 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nach einer mehrjährigen Flucht wurde er aufgegriffen, an die Engländer übergeben und 1950 in Hagen als Minderbelasteter eingestuft. Er zog zurück nach Trier und wurde Handelsvertreter. In den Publikationen der Friedensbewegung wird Wipper dargestellt, als habe er damals vollständig mit seinen vormaligen Ansichten gebrochen und sei gleichsam geläutert worden. So heißt es auf der Seite „stattfuehrer.de“, mit der die AG Frieden ihre Trierer Rundgänge flankiert, Wipper habe „seine Haftzeit zum intensiven Nachdenken“ genutzt und „einen Schwur, nie wieder politisch aktiv zu werden,“ abgelegt. Den habe er jedoch gebrochen, „als die Bundesrepublik wiederbewaffnet wird“, und sei „Mitglied der ‚Internationale der Kriegsgegner‘“ geworden. „1979 wird er Mitglied der neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft Frieden e.V. und engagiert sich für Friedenserziehung und gegen die atomare Rüstung.“ Diese subjektivistische Darstellung („intensives Nachdenken“) legt nahe, dass sie auf Wipper selbst zurückgeht. Die Seite „stattfuehrer.de“ zitiert ihn so, als wäre das Kriegsende ein Erweckungserlebnis für die Wandlung vom Saulus zum Paulus gewesen: „1948 schreibt er: ‚Wir haben nicht nur Hitler auszuschwitzen, sondern den Geist, der dem militärischen Wahn hörig ist. (...) Ich schäme mich der Verbrechen, die im Namen des deutschen Volkes begangen wurden.‘“ Noch 1956 wetterte er gegen Entnazifizierung und Wiedergutmachung Im Gegensatz dazu steht ein Eintrag in Wolfgang Kraushaars voluminöser „Protest-Chronik“. Für den Juni 1956 ist dort zu lesen: „Auf einer Kundgebung der ‚Vereinigung der ehemaligen Internierten und Entnazifizierungsgeschädigten‘ in Trier wird die Wiedergutmachungspolitik der Bundesregierung scharf angegriffen. Der ehemalige Kreisleiter Paul Wipper fordert die 300 Versammelten auf, ‚politisch‘ zu werden, um ihre Forderungen effektiver vertreten zu können. ‚Sogar Zigeunern‘, beklagt er, ‚hat man 20.000 DM sogenannte Wiedergutmachung gegeben . . . Die Kerle sollen erst einmal nachweisen, daß sie es verdient haben. Was wir taten, taten wir aus Idealismus. Und den haben wir heute noch.“ Schon zuvor sah sich Wipper keineswegs als Täter an, sondern als Opfer der Zeitläufte. Im Jahr 1948 beschwerte er sich zusammen mit anderen Gefangenen beim britischen Lagerkommandanten in Esterwegen über den Transport zur Haftanstalt. Im Schreiben heißt es: „Der Transport erfolgte zusammen mit Kriminellen. Im Gefängnis in Hannover wurde Station gemacht. Die Unterbringung kann nur als Menschlichkeitsverbrechen bezeichnet werden.“ Ann Katrin Düben, in deren Buch über „Die Emslandlager in den Erinnerungskulturen 1945–2011“ sich das Zitat findet, betont, dass hinter solchen Eingaben eine beliebte „diskursive Strategie“ steckte. Der Begriff „Menschlichkeitsverbrechen“ vergleicht die eigene Lage mit derjenigen der NS-Opfer, gleichzeitig grenzt man sich von Kriminellen ab. Das glatte Gegenteil einer Läuterung Diese Äußerungen Wippers in der unmittelbaren Nachkriegszeit zeigen das glatte Gegenteil einer Läuterung. Vielmehr wirkten zentrale Versatzstücke von Rassismus und Abwertung im Denken und in den öffentlichen Äußerungen Wippers fort. Doch als er begann, sich im Rahmen der Friedensbewegung zu betätigen, verschleierte er seine Rolle im Nationalsozialismus und seinen hohen SS-Rang mit Verweis auf seinen niedrigeren Dienstgrad in der Wehrmacht. In der Zeitschrift „Zivilcourage“, die ab dem Jahr 1975 als ein zentrales Organ der deutschen Friedensbewegung erscheint, findet man zu Lebzeiten Wippers keine Texte von ihm. Anders in einem Vorgängermagazin. In einem Leserbeitrag für die friedenspolitische Zeitschrift „Courage“ aus dem Jahr 1972, der 1985 im Mitglieder-Rundbrief der AG Frieden wieder abgedruckt wurde, stellt sich Wipper als „Leutnant der Infanterie irgendwo im letzten Krieg“ vor. Nunmehr sei er ein langjähriges „Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft“. In deren Zielsetzung erkenne er „ein Angebot voll innerer Bereicherung. Es ist in zwei Worte zu fassen: ‚menschlicher Anspruch‘.“ Der Bezug auf die Attribute Idealismus und Menschlichkeit bildet eine Konstante in der Nachkriegsrhetorik Wippers. Im Mitglieder-Rundbrief der AG Frieden und in ihrer Zeitschrift „Friedensforum“ war er mit weiteren Beiträgen präsent. Im „Friedensforum“ finden sich 1982 und 1983 zwei Antikriegsgedichte, ein Gedicht über den Monat „März“ und eine Sammlung eigener zeitkritischer „Aphorismen“. Einer lautet zum Beispiel: „Macht ist süß, sie schmeckt anscheinend noch, wenn man an ihr längst zuckerkrank geworden ist.“ Zu Lebzeiten Wippers finden sich weder im „Friedensforum“ noch im Mitglieder-Rundbrief Erläuterungen über seine NS-Vergangenheit. 1980 und 1984 druckte man im Mitglieder-Rundbrief zwei seiner Leserbriefe für die Lokalzeitung „Trierischer Volksfreund“ wieder ab. Wipper zeichnete den Letzteren mit seinem Namen und dem Zusatz „Arbeitsgemeinschaft Frieden e.V., Trier, Palaststraße 3“, sprach also im Namen des Vereins. 1985 folgte im Mitglieder-Rundbrief ein Gedicht Wippers über „2000 Jahre Trier“. Er wurde als „unser ältestes Mitglied“ vorgestellt. Kein Hinweis auf die NS-Vergangenheit Für die Veranstaltung am 8. Mai 1985 kündigte das Mitgliedermagazin im eigenen Aufruf („Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“) ihn als Veranstaltungsredner, NS-Widerständler und „Mitarbeiter der Friedensbewegung“ an. Wieder also kein Hinweis auf die NS-Vergangenheit Wippers. Auch die kurze Nachbetrachtung der Aktivitäten im Mitglieder-Rundbrief Nr. 18 (1986) enthält nur die Namensnennung Wippers. Ein Diskussionsbeitrag Wippers im zweiten Mitglieder-Rundbrief des Jahres 1988 enthält auch keine Einordnung der Person. Neben der subjektivistischen und sehr wohlwollenden Darstellung Wippers im „StattFührer“ und auf der betreffenden Homepage ist also eine Nichtthematisierung in schriftlichen Quellen zu seinen Lebzeiten zu verzeichnen. Dabei wiesen die Haltungen, die Wipper bei seinem nunmehr friedenspolitisch verorteten Engagement vertrat, verblüffende Kontinuitäten auf. Das zeigt ein langes Tondokument: Der Eintrag zu Wipper im Trierer Biographischen Lexikon ist von dem 2019 verstorbenen Historiker Reinhard Bollmus und einem Mitglied der AG Frieden verfasst. Darin wird auf ein Interview verwiesen, das Bollmus mit Wipper geführt und mitgeschnitten habe. Dankenswerterweise hat die Forschungsstelle SEAL der Universität Trier dem Autor das wahrscheinlich zugehörige Audiomaterial zur Verfügung gestellt. Die Datierung ist nicht eindeutig. Im Trierer Biographischen Lexikon ist 1984 angegeben, Bollmus verweist hingegen in einem Aufsatz über die NS-Zeit in Trier auf eine Befragung Wippers im Jahr 1987. Im Interview selbst ist wiederum die Rede von einem „Urmes“, den Wipper treffen möchte. Gemeint ist damit aller Wahrscheinlichkeit nach Albert Theodor Urmes, von 1937–1945 der zentrale Propagandaleiter im späteren Gau Moselland. Urmes, der Wipper nach dessen Aussage „schon mal besuchen“ komme, starb 1985. Der Interviewer lässt Wipper erzählen, fragt immer wieder nach und widerspricht in der Regel nicht. Ihm geht es um Einblicke in die lokale NS-Parteiorganisation in Trier. Die Aufzeichnung dauert etwa vier Stunden. Der ehemalige NS-Funktionär und spätere Friedensaktivist beschreibt sein Leben dabei eher als Kontinuität denn als Bruch mit alten Irrlehren. Wie er die eigene Heldengeschichte erzählte Immer wieder betont Wipper die Bedeutung von „Zivilcourage“. In diesen Kontext stellt er auch seine Aufdeckung des NS-Betrugsskandals in Trier in den Dreißigerjahren, die er ausufernd als mutigen und prinzipientreuen Akt schildert. Eigene Schuld wird nicht erkannt, sondern Wipper erzählt auch in anderen Passagen eine Art Heldengeschichte von sich. Die Entwicklung des Nationalsozialismus wird geschildert als Fremdbestimmung einer Führungsclique um Hitler, Göring und Goebbels, während er, Wipper, ein Anhänger von Gregor Strassers Ansatz gewesen sei. Über die Umstände von dessen Ermordung im Jahr 1934 habe er bis zum Kriegsende nichts gewusst. Insgesamt seien die idealistischen und gemeinschaftsbildenden Ansätze von ihm und anderen durch Hitler, Goebbels und Göring kaputtgemacht worden. „Diese Leute, die haben uns verkauft, indem sie ihre Persönlichkeit aufgegeben haben“, sagt Wipper über Führungspersonen wie Goebbels und Göring. Die hätten „wahrscheinlich in keiner Phase mal widersprochen“. Aber das sei heute genauso. Es gebe „viel zu wenig Menschen mit Zivilcourage. Alles passt sich doch an.“ Negatives schiebt Wipper auf die Führungsriege des NS-Regimes und auf eine Verblendung durch militärischen Untertanengeist, für den er die Kirche mitverantwortlich macht. Was damals alles angeblich besser war Demgegenüber spricht er selbst von ausgewiesenen Schwerverbrechern in wohlwollendem Ton. Oft fällt der Begriff „anständig“, den er auch für sein eigenes Handeln beansprucht. Über den Gauleiter Simon führt er aus, der sei in wirtschaftlichen Dingen korrekt gewesen. An Simon könne man sich „in dieser Hinsicht eine Scheibe abschneiden“, er habe sich nicht bereichert. Oft vergleicht Wipper die damaligen Zeiten mit der Gegenwart und beklagt, dass es heute keinen Gemeinschaftssinn mehr gebe. Er selbst habe als Abgeordneter viel geringere Bezüge gehabt als Abgeordnete heute. Hingegen gebe es heute mehr Vorteilnahme als damals. Für die Friedensbewegung hat Wipper Tipps. Sie solle sich am Vorgehen seiner Nationalsozialisten damals orientieren, Redner ausbilden wie die NSDAP und damit übers Land ziehen. Dann würden „die ganzen Parteien“ in zwei Jahren geschlagen dastehen. Von Treffen mit der örtlichen Friedensbewegung ist die Rede, die an seinen Erzählungen interessiert sei. Wipper berichtet auch über einen geplanten Besuch, den er zusammen mit dem genannten Urmes einem weiteren alten Parteikameraden, der im benachbarten Hunsrück wohne, abstatten wolle. Den Letztgenannten bezeichnet er als „phantastische[n]“ und „hochanständigen Mann“. Nicht alles sei im Nationalsozialismus schlecht gewesen, die „Verfolgung“ nach dem Krieg – Wipper spricht wie auf der Versammlung von 1956 – ungerecht. Er und andere damalige Mitstreiter hätten nicht oder kaum Schuld getragen. Selbst zu seinen Gegnern habe er, Wipper, ein „vorbildliches Verhältnis“ gehabt. Offensichtlich waren die Netzwerke noch vorhanden. Das zeigt vor allem die Erwähnung von Albert Urmes. Der hat nach Verbüßung einer in Luxemburg verhängten Freiheitsstrafe im Jahr 1951 eine „Hilfsgemeinschaft für Entnazisierungsgeschädigte“ mitgegründet, worüber damals „Der Spiegel“ berichtete. Urmes gehörte auch zum erweiterten, aus ehemaligen Nazigrößen bestehenden „Naumann-Kreis“, worüber Beate Baldows Dissertation Auskunft gibt. Kleiner Wandel des Feindbilds: Damals Juden, dann US-Amerikaner Daraus für Wipper eine Saulus-Paulus-Geschichte zu machen, ist ein gutes Beispiel für Postfaktizität. Aber ein anderer Aspekt dürfte noch wichtiger sein, und zwar in ideologischer Hinsicht. Welchen Einfluss hatte der Altnazi auf die Friedensbewegung? Konnte er seine Ideen unter die Leute bringen? Dafür spricht etwa ein Text Wippers, der im Jahr 1988 im Mitglieder-Rundbrief der AG Frieden erschienen ist. Er trägt den Titel „Vergangenheitsbewältigung, Verführbarkeit und die heutige Wirklichkeit“. Hier treten ideologische Kontinuitäten sowie Anpassungen auch in veröffentlichter Form deutlich zutage. Am 20. März 1944 berichtete das „Luxemburger Wort“ über eine Rede des damaligen NS-Kaders: „Über das Thema: Deutschland, führende europäische Ordnungsmacht, mit dem heiligen germanischen Begriff von Treue und Ehre als letztes Bollwerk gegen den jüdischen Bolschewismus und Kapitalismus, sprach Kreisleiter Wipper in einer gutbesuchten öffentlichen Versammlung zu der Einwohnerschaft von Fels.“ 44 Jahre später hatte sich das Feindbild Wippers partiell geändert. Nunmehr waren es die US-Amerikaner. Jedoch war der deutsche Chauvinismus geblieben, diesmal in Form einer typisch neurechten, geschichtsrevisionistischen Abrechnung mit der „Vergangenheitsbewältigung“, die so auch von Armin Mohler hätte stammen können. Wipper stellt in seinem Beitrag von 1988 die Deutschen als Opfer dar, wobei analog zu seiner Rede von 1956 die „Entnazifizierung“ pauschal abgelehnt wird: „Die Besatzungsmächte kamen mit einem vorher gefaßten Programm der kollektiven Verurteilung aller. Haft und Gefängnis für Millionen Deutsche, Bestrafung durch Besatzungsgerichte (Nürnberg), Filterung und Umerziehung (Entnazifizierung); Federführend die Amerikaner“, heißt es im Rundbrief der Friedensgruppe. „Propagandistische Leistung allerhöchster Verführungskunst“ Wipper wettert gegen die „höhere Moral“ und gegen die angebliche Remilitarisierung. Für die wird in einem verschwörungstheoretischen Duktus ein angeblicher US-amerikanischer Plan verantwortlich gemacht. Das Denken der Neuen Rechten und die mit ihr tradierten Lehren Carl Schmitts manifestieren sich in Wippers Friedenstext: „Der militärische Teufel von gestern erhielt die amerikanische Weihe, als Erzengel mit dem Schwert neu zu erstehen. Die propagandistische Leistung allerhöchster Verführungskunst gilt es hier zu bewundern.“ Dargeboten wird das offensichtlich querfronttaugliche Narrativ von den wieder einmal verführten und von einer Elite, er spricht zum Beispiel von den „Militäraposteln“, missbrauchten Deutschen. Schon in einem Gedicht im „Friedensforum“ aus dem Jahr 1982 weist Wipper alle Schuld für „Feindbilder“ und Kriegsrausch einer vermeintlichen Elite zu: „die Arroganz der Macht, sie ist es, die den Rausch bewirkt“. Die von Wipper in dem Bollmus-Interview ausgiebig beanspruchte Haltung der „Zivilcourage“ war ebenfalls anschlussfähig zur Rhetorik der Friedensbewegung. Passend dazu bietet die AG Frieden bis heute „Zivilcouragetrainings“ an. Der Fall Wipper zeugt von langen ideologischen Linien. Bis heute ist die AG Frieden, die als etablierter Verein mit staatlich geförderter Bildungsarbeit und zahlreichen Vernetzungen firmiert, nicht gänzlich frei von Berührungspunkten zu einem friedenspolitisch getarnten Extremismus. Im Juli 2024 bezog man sich im eigenen Magazin „Friedensbrief“ positiv auf einen prorussischen Propagandisten, den ehemaligen DDR-Agenten und regelmäßigen RT-Schreiber Rainer Rupp. Dabei unterstellte man der NATO und der Ukraine weitreichende Eskalationsabsichten im Ukrainekrieg, passend zum Narrativ des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Putinisten, Anarchisten, linke Verschwörungstheoretiker Außerdem bewarb die AG Frieden in der jüngeren Vergangenheit mehrfach Aktionen der linksextremistischen und im Verfassungsschutzbericht Rheinland-Pfalz beschriebenen Organisation „Die Plattform“. Mindestens eine gemeinsame Veranstaltung wurde ausgerichtet. Seit 2024 sitzt eine Person im Vorstand der AG Frieden, die sich explizit dem entsprechenden Spektrum des „organisierten Anarchismus“ zurechnet. Bezeichnend ist auch ein Beitrag des damaligen „Friedensreferenten“ Markus Pflüger aus dem Jahr 2017 im Magazin „Ausdruck“ der „Informationsstelle Militarisierung“. Darin wird in Bezug auf die Ausschreitungen beim Hamburger G-20-Gipfel darüber fabuliert, „ob die Eskalation nicht politisch gewollt“ oder „der Ausnahmezustand . . . eine bewusste polizeiliche Aufstandsbekämpfungsübung gewesen“ sei. Auch hier werden Täter zu Opfern gemacht. Eine nähere Betrachtung des späten Wirkens und der Darstellung von Paul Wipper zeigt, dass es um den antiextremistischen Konsens in der AG Frieden traditionell schlecht bestellt ist. Ihn am 8. Mai 1985 reden zu lassen, muss als eine Verhöhnung von Opfern angesehen werden, die aber bis heute positiv dargestellt wird. Die Person Wipper nachträglich schönzureden und das eigene Handeln nicht zu reflektieren, zeugt von nicht vorhandener Qualitätssicherung und mangelnder Sensibilität. Damit steht insbesondere die Eignung für Auftritte in und mit Schulen im Zweifel. Zugekleistert und übertüncht werden die skizzierten Ausfälle und Qualitätsmängel gern mit der rhetorischen Figur der „Dialogbereitschaft“, damals selbst mit einem hohen NS-Funktionär, der sich selbst immer als „anständiges Opfer“ sah. Der antitotalitäre Konsens politischer Bildungsarbeit wurde und wird damit konterkariert. Das lobenswerte bürgerschaftliche Engagement zahlreicher Mitglieder des „Arbeitskreises Trier im Nationalsozialismus“ der AG Frieden bedarf deshalb dringend einer wissenschaftlich fundierten Begleitung. Inwieweit es sich bei Wippers Wirken in der Friedensbewegung um einen Einzelfall handelt, ist wiederum eine Forschungsfrage von Relevanz. Grundsätzlich zeugt der Fall von ideologischen Kontinuitäten, die sich vor verändertem Hintergrund weiter entfalten konnten: Der Idealist irrt nicht, und wenn doch, hat ihn halt die Elite verführt und verraten, obwohl er sich immer treu blieb und Anstand zeigte. Schon in seinen 1943 als kleines Buch veröffentlichten Kriegsgedichten schrieb der ranghohe Nationalsozialist Paul Wipper: „Die böse Hydra lebt allüberall“, und „Seelenlose Vorgesetzte sind die Henker des guten Willens.“ Das erste Gedicht ist eine Ode „An den Führer“.