FAZ 27.03.2026
15:15 Uhr

Gold für Hase/Volodin: Weltmeister der klassischen Schönheit


Headbanger sind andere: Aber Minerva Hase und Nikita Volodin sind die besten Paarläufer. Die WM in Prag erlebt den größten Triumph ihrer Sachlichkeit.

Gold für Hase/Volodin: Weltmeister der klassischen Schönheit

Im schönsten Moment ihrer Jahr für Jahr mit schönen Erfolgen angereicherten Karriere blieben Minerva Hase und Nikita Volodin erst einmal in ihrem Element. Sie lagen auf dem Prager Eis in der riesigen Arena, was ihnen bei ihren Eiskunstlauf-Programmen nur selten widerfährt, blickten nach oben und kosteten ihr Hochgefühl aus. Nach dreieinhalb gemeinsamen Jahren waren die Berliner Paarläuferin und ihr eingedeutschter Partner aus Sankt Petersburg auf dem Gipfel ihrer von Erfolgen und Triumphen gesäumten Karriere angekommen: Sie sind seit dem späten Donnerstagabend die neuen Eiskunstlauf-Weltmeister in der Paarlauf-Disziplin. Ein Titel, den die beiden fünf Wochen nach der Bronzemedaille bei den Olympischen Winterspielen in Mailand ob ihrer Topqualität allemal verdient hatten. Und wie immer ordneten Minerva Hase und ihr inzwischen mit der deutschen Staatsangehörigkeit ausgestatteter Partner ihren größten Karriereschritt eher rational als emotional ein. Den hellsten Glanz beim Kurzprogramm Sie waren, nachdem die japanischen Titelverteidiger und Olympiasieger Riku Miura und Ryuichi Kihara den letzten großen Wettbewerb dieser langen Eiskunstlaufsaison ausgelassen hatten, punktgenau bereit, deren Erbe anzutreten. Und verdienten sich einen Vorsprung von mehr als zehn Punkten nach der kurzen und der langen Kür vor Anatasiia Metelkina und Luka Berulawa, den georgischen Silbermedaillengewinnern bei den Spielen von Mailand, und dem kanadischen Paar Pereira/Michaud. Den hellsten Glanz verbreiteten Hase/Volodin während der WM bei ihrem makellosen Tango-Kurzprogramm. In der Kür konnten sie sich einen Wackler beim dreifach vorgesehenen Salchow leisten, den Volodin nur zweifach und Hase zweieinhalbfach hinbekamen. Kleine Kratzer am Gesamtbild, das wie so oft bei Hase/Volodin von Reife und Selbstbewusstsein zeugte. Ob sie auch noch in der kommenden Saison den Ehrgeiz entwickeln werden, ihren größten Titel zu verteidigen, ist die Frage. In Prag sagte Minerva-Fabienne Hase zu diesem Thema nichts Konkretes. „Wir lassen es offen, ob wir weitermachen oder nicht.“ Hocke/Kunkel rocken die Halle Dass das zweitbeste deutsche Paar Hocke/Kunkel nach Platz sieben in Prag mit seinem Faible für artistische Luftakrobatik vom nächsten Herbst an wieder dabei sein wird im Paarlaufzirkus, erscheint dagegen eher wahrscheinlich. Die beiden zeigten in der tschechischen Hauptstadt ein neues Artistenkunststück, als Robert Kunkel seine Partnerin um sich kreisen ließ – der „Headbanger“ wurde von einem großen Teil der knapp 17.000 Zuschauer in der Halle frenetisch bejubelt. Dinge, von denen Hase/Volodin die Finger lassen. Sie haben sich der klassischen Schönheit und Harmonie in dieser Kunstlauf-Disziplin verschrieben und prägen damit ihre Sportart. Die beiden jeweils 25 Jahre alten Paarläufer wurden am Donnerstag auch zu Nachfolgern des olympischen Traumpaars Aljona Savchenko und Bruno Massot, das 2018 bei den Winterspielen in Pyeongchang mit einer Traumkür die Goldmedaille in Pyeongchang eroberte und wenige Wochen später in Mailand zum Ende der gemeinsamen Karriere noch einmal Weltmeister wurden. „Aljona (sechsmal Weltmeisterin) und Bruno waren ein Paar, zu dem man nur aufblicken konnte“, pries die neue deutsche Weltmeisterin ihre Vorgänger am Tag der eigenen Krönung, „sie haben uns gezeigt, wie man mit Druck in den Wettkämpfen umgeht.“ „Eiskunstlauf wieder aus dem Schatten hervorgeholt“ In Prag waren Hase/Volodin, die in den vergangenen Jahren zu Seriensiegern in den Grand-Prix-Wettbewerben und 2025 Europameister wurden, auf dem Gipfel ihrer Karriere. Ihre Konstanz in den großen Wettkämpfen gründet auf einem stabilen Selbstbewusstsein und der Fähigkeit, „unter Druck liefern zu können“, sagt die Weltmeisterin Hase, die auch in den Augenblicken ihres größten sportlichen Glücks wie ihr oft stoisch anmutender Partner geerdet blieb. Ohne jede Spur von Überheblichkeit stellte die Berliner Sportsoldatin und Psychologiestudentin fest: „Wir haben den Eiskunstlauf in Deutschland wieder aus dem Schatten hervorgeholt. Wir hatten noch nie so viel Fansupport wie hier bei einer Weltmeisterschaft.“ Nikita Volodin, inzwischen mit Grundkenntnissen der deutschen Sprache vertraut, genoss den größten Karrieremoment der Meister des Machbaren ohne große Worte. „Was wir zusammen gemacht haben, ist jetzt Geschichte“, sagte er nach dem größten Erfolg des Paars unter der Obhut des einfühlsamen und fachlich über jeden Zweifel erhabenen russischen Trainers Dmitri Sawin. Das Schlusswort von dessen Meisterschüler nach dem triumphalen Saisonabschluss lautete: „Jetzt haben wir die volle Medaillenkollektion, das ist unglaublich.“ Aber wahr!