Alle dreieinhalb Minuten ereignet sich in Hessen ein Verkehrsunfall. Alle zwanzig Minuten wird dabei ein Mensch verletzt. Vier Menschen sterben jede Woche auf den Straßen des Landes – und viermal täglich verunglückt jemand mit einem E-Scooter. Alle 19 Minuten ist ein junger Fahrer zwischen 18 und 24 Jahren in einen Unfall verwickelt. Diese Durchschnittswerte, die das hessische Innenministerium am Montag bei der Präsentation der Verkehrsunfallbilanz 2025 nannte, machen das abstrakte Zahlenmaterial des Jahresberichts greifbar. Insgesamt registrierte die hessische Polizei im vergangenen Jahr 150.286 Verkehrsunfälle, eine Zunahme um 2,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (2024: 146.946). 199 Menschen kamen ums Leben – nahezu identisch mit dem Vorjahreswert von 198. Die Zahl der Schwerverletzten stieg leicht um 0,4 Prozent auf 3230, die der Leichtverletzten um 3,7 Prozent auf 22.567. Mehr als die Hälfte aller Unfälle – 51,1 Prozent – ereigneten sich innerorts. Die steigenden Unfallzahlen sind nach Angaben des hessischen Innenministers Roman Poseck (CDU) nicht zuletzt eine Folge der wachsenden Zahl von Kraftfahrzeugen. Hinzu kämen eine zunehmende Vielfalt an Verkehrsmitteln – von E-Scootern über Pedelecs bis hin zu Lastenrädern – und eine Infrastruktur, die mit dieser Entwicklung oft nicht Schritt halten könne. Minister gegen Tempolimit auf Autobahnen Obwohl verantwortungsloses Fahrverhalten wie mangelnder Abstand und überhöhte Geschwindigkeit nach wie vor für einen Großteil (40 Prozent) der schweren Unfälle verantwortlich sind, lehnt Poseck ein generelles Tempolimit auf Autobahnen ab. Dafür sehe er „keine Notwendigkeit“, sagte der Minister bei der Vorstellung der Unfallbilanz im Frankfurter Polizeipräsidium. Poseck wies darauf hin, dass sich nur elf Prozent aller Verkehrsunfälle auf Autobahnen ereigneten und dass diese Schnellstraßen damit „relativ sicher“ seien. Landespolizeipräsident Felix Paschek ergänzte, dass die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf Streckenabschnitten mit erhöhter Unfallhäufigkeit schon jetzt begrenzt sei. Wo nötig, würden Tempolimits verhängt. Im Zehnjahresvergleich zeichnet sich bei der Entwicklung der Unfallhäufigkeit in Hessen ein positiver Trend ab: Seit 2015 ist die Zahl der Schwerverletzten um 32,2 Prozent zurückgegangen, die der Verkehrstoten von 244 auf 199 gesunken – eine Verringerung um 18,4 Prozent. Fünf Tote bei Unfällen mit E-Scootern Besonders alarmierend ist aus Sicht des Ministers allerdings die Entwicklung bei den Elektrokleinstfahrzeugen. Die Zahl der Unfälle mit E-Scootern stieg im Jahr 2025 um 39,2 Prozent auf 1505 Fälle (2024: 1081). 1011 Personen wurden verletzt – 42 Prozent mehr als im Vorjahr. Fünf Menschen verloren ihr Leben. In 174 Fällen war eingeschränkte Verkehrstüchtigkeit die Unfallursache, ein Anstieg um 47,5 Prozent im Vergleich zu 2024. Bei 780 der Unfälle mit Elektrorollern waren Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene am Lenker. 78 Kinder unter 14 Jahren verunglückten mit E-Scootern, zehn davon schwer. Dabei gilt eigentlich: Kinder unter 14 Jahren dürfen keine elektrisch betriebenen Roller führen. „E-Scooter verleiten offensichtlich zu unvernünftigem Verhalten“, bilanzierte der Minister. Anlass, diese Fahrzeuge zu verbieten, sehe er dennoch nicht. „E-Scooter gehören zur Vielfalt der Verkehrsmittel.“ Seit fünf Jahren steigen die Unfallzahlen bei jungen Fahrern zwischen 18 und 24 Jahren kontinuierlich an. 2025 registrierte die hessische Polizei 27.338 Unfälle in dieser Altersgruppe (2024: 26.321). Besonders dramatisch: Die Zahl der tödlich verunglückten jungen Erwachsenen stieg um 30 Prozent auf 26 Tote (2024: 20). 13 von ihnen kamen bei Pkw-Unfällen ums Leben, acht bei Motorradunfällen. Die Hauptursachen sind ungenügender Sicherheitsabstand und nicht angepasste Geschwindigkeit – klassische Symptome von Risikobereitschaft und Selbstüberschätzung am Steuer. 3389 Unfälle unter Alkohol- und Drogeneinfluss Seit der Teillegalisierung von Cannabis im April 2024 und der Anhebung des THC-Grenzwerts auf 3,5 Nanogramm je Milliliter Blut im Sommer 2024 beobachtet die hessische Polizei eine Zunahme cannabisbedingter Unfälle. Allein unter THC-Einfluss starben im vergangenen Jahr zwei Menschen, zwölf wurden schwer verletzt. Noch gefährlicher ist nach den Worten des Innenministers der Mischkonsum: Bei Unfällen, bei denen der gleichzeitige Genuss von Alkohol und Cannabis eine Rolle spielte, gab es 14 Schwerverletzte. Insgesamt registrierte die Polizei 2025 genau 3399 Unfälle unter Alkohol- oder Drogeneinfluss, davon 1281 mit Verletzten. 18 Menschen starben bei solchen Unfällen. Der Innenminister übte in diesem Zusammenhang scharfe Kritik an der Bundespolitik: „Die Legalisierung von Cannabis bedeutet für die Polizei deutlich erschwerte Kontrollmöglichkeiten. Legal und illegal verschwimmen jetzt, was zu zahlreichen komplexen Abgrenzungsfragen im polizeilichen Alltag führt.“ Und er wurde noch deutlicher: „Ich bleibe bei meiner Meinung, dass die Legalisierung von Cannabis ein Fehler war, der uns als Gesellschaft geschadet hat.“
