Die Cloudbetreiber Amazon Web Services (AWS) und Microsoft werden oft in einem Atemzug genannt, gemeinsame Sache machen sie selten. Beim Thema Wasser, das Grundlage allen Lebens, aber in Rechenzentren auch eine wichtige Ressource für die digitale Welt ist, bündeln sie nun erstmals ihre Kräfte: Die Amerikaner, die sonst mit ihren Cloudplattformen konkurrieren, unterstützen ein Renaturierungsprojekt im hessischen Vogelsberg. Es soll auch der Wasserversorgung der Großstadt Frankfurt zugutekommen. Denn ein Teil des Trinkwassers, das Haushalte und Unternehmen dort verbrauchen, wird im Vogelsberg gewonnen. „Es gibt die Ressource Wasser eben nur einmal, die Verantwortung dafür tragen wir alle“, erklärt Michael Hanisch, Technischer Geschäftsführer von AWS Deutschland, den ungewöhnlichen Schulterschluss, der am Mittwoch in Berlin bekanntgegeben wurde. Beide Unternehmen hätten sich schon länger zum Ziel gesetzt, weltweit mehr Wasser in den Kreislauf einzuspeisen, als sie für ihre weltweite Aktivität entnehmen, ergänzt Christian Schätz, Leiter des operativen Geschäfts von Microsoft Deutschland. Mindestens die Wassermenge, die für die Kühlung ihrer Server in Rechenzentren in der Rhein-Main-Region verbraucht wird, soll nun durch die Renaturierung einer Bachlandschaft bei Herbstein zurückgewonnen werden. Über 750.000 Kubikmeter Regen jährlich sollen wieder in die Grundwasserschichten sickern statt wie heute über Drainagen und Felder direkt in Flüsse abzufließen. So soll in der vulkanischen Landschaft, die etwa ein Zehntel des in Frankfurt verbrauchten Trinkwasser liefert, verhindert werden, dass der Grundwasserspiegel sinkt. Die Arbeiten selbst wird der hessische Landesverband des Naturschutzbunds Nabu, der schon seit 20 Jahren Projekte zum Wasserschutz im Vogelsberg betreibt, übernehmen. Insgesamt 80 Hektar Fläche entlang eines Bachlaufs sollen in ein Feuchtgebiet umgestaltet werden, das teilweise monatelang unter Wasser steht. Geplant ist, das einst vertiefte Bachbett wieder höher zu legen, überflutete Gebiete zu schaffen und die umliegenden Wiesen durch Beweidung mit Rindern vor Verbuschung zu schützen. Dafür wird die Nabu-Stiftung vom Geld der Techriesen die Flächen kaufen, um dann ungestört von landwirtschaftlichen oder kommunalen Interessen optimale Bedingungen für den Wasserkreislauf zu schaffen. 4,1 Millionen Euro für Flächenkauf und Umbau AWS und Microsoft profitierten von der Expertise der Naturschützer, sagen Hanisch und Schätz. Der Nabu wiederum könne dank der Kooperation ein Renaturierungsprojekt angehen, für das es zwar schon Ideen, bisher aber keine Finanzierung gab, sagt Ingo Ammermann, Bundesgeschäftsführer der Naturschutzorganisation. 2,9 Millionen Euro kommen von AWS, Microsoft beteiligt sich mit 1,2 Millionen Euro. Die Zusammenarbeit soll nicht nur dafür sorgen, dass das Wasser vom Boden aufgenommen werden kann. Die künftig wieder feuchtere Landschaft soll zugleich bessere Lebensräume für Pflanzen und Tiere bieten. Ob die Artenvielfalt wirklich zunimmt und tatsächlich so viel Wasser wie errechnet in der Landschaft gehalten werden kann, wird mindestens zwölf Jahre lang wissenschaftlich begleitet. Für Ammermann sollte dieses Vorgehen Schule machen: AWS und Microsoft arbeiteten wissenschaftsbasiert und mit verbindlichen Zielen. Ihr Vorhaben sei kein kleines Projekt: „Für die westdeutsche Landschaft sind 80 Hektar durchaus ein Wort“, so der Nabu-Geschäftsführer. Thema Wasser kann Datacenter-Bau stoppen Dass AWS und Microsoft gerade beim Thema Wasser sozusagen über ihre Grenzen gehen, ist eine Antwort auf die zunehmend kritischer werdende Haltung gegenüber Rechenzentren. Neben der Versorgung mit Strom sind die öffentliche Akzeptanz und mit ihr die Wasserfrage zum wichtigsten Hinderungsgrund für den Ausbau der Datacenter-Kapazitäten weltweit geworden. Gegner von Neubauprojekten führen stets auch die vermeintlich enormen Wassermengen an, die für die Kühlung der Serverhallen verbraucht würden. Dabei scheint ausgerechnet die KI, für die ein Großteil der neuen Rechenzentren errichtet wird, der Branche einen Bärendienst zu erweisen: Sie greife für Auskünfte auf Daten aus aller Welt zurück, beklagten jüngst mehrere Vertreter der Branche auf einer Konferenz. Das führe dazu, dass Interessierte häufig mit veralteten Zahlen und Technologien argumentierten, die in Deutschland gar nicht eingesetzt würden. Hanisch und Schätz versuchen, mit der eigenen Sparsamkeit dagegenzuhalten. Rechenzentren jüngerer Baujahre müssten nur einmalig befüllt werden. Schätz führt die beiden Neubauten an, die Microsoft gerade im Rheinischen Revier errichten lässt: Jeder werde einmalig mit 125.000 Kubikmetern Wasser gefüllt, danach arbeite man mit einem geschlossenen Kreislauf. Ziemlich genau so viel Wasser braucht die gesamte Stadt Frankfurt im Durchschnitt an einem Tag, der Jahresverbrauch liegt bei rund 52 Millionen Kubikmetern. AWS übernimmt Kosten für Immobilienbesitzer Microsoft habe sich schon vor zehn Jahren verpflichtet, in der globalen Gesamtbilanz „water positive“ zu werden, sagt Schätz. Dazu gehöre, auf den eigenen Datacenter-Arealen möglichst viel Regen für den Wasserkreislauf aufzufangen und aufzubereiten. Bis zum Jahr 2030 werde man das globale Ziel erreicht haben. Ganz ähnlich ist die Nachhaltigkeitsplanung von AWS. Die Amazon-Tochter, die in eigenen sowie in Rechenzentren anderer Betreiber in und um Frankfurt eines ihrer neun europäischen Cloud- und KI-Zentren betreibt, unterstützt in der Region noch zwei weitere Projekte für diese Wasserbilanz: In der Stadt Frankfurt finanzieren die Amerikaner für 500 Gebäude den Einbau digitaler Überwachungstechnologie zur Früherkennung von Wasserlecks. Im Spessartwald bei Würzburg beteiligen sie sich finanziell an der Renaturierung eines größeren Feuchtgebiets. Microsoft wiederum hat über das Vogelsberg-Projekt hinaus eine bundesweite Partnerschaft mit dem Nabu geschlossen und plant mit ihm Projekte zur Renaturierung des Rheinufers und der Tagebaulandschaft, in der das Unternehmen seine ersten eigenen Rechenzentren in Deutschland errichtet.
