FAZ 25.09.2026
06:06 Uhr

Umspannwerk: Neuer Netzknoten erleichtert Energiewende im Industriepark Höchst


Industrie, Autobauer und Hausbesitzer stellen auf eletrischen Strom um, dafür wird das Leitungsnetz ausgebaut werden: Am Rande Frankfurts nimmt der Netzbetreiber Amprion ein neues Umspannwerk in Betrieb.

Umspannwerk: Neuer Netzknoten erleichtert Energiewende im Industriepark Höchst

Eigentlich sind in Umspannwerken eher selten Menschen anzutreffen. Nicht einmal einen eigenen Parkplatz hat das Werk in Schwanheim. Trotzdem stehen am Donnerstagmittag zahlreiche Shuttle-Taxis vor der Anlage am Ende eines Feldwegs. Schließlich ist heute großer Andrang: Anlässlich der symbolischen Inbetriebnahme des Netzknotens Farbwerke Höchst (FWH) Süd sind rund 80 Gäste in die Umspannanlage des Netzbetreibers Amprion geströmt. „Die Umspannanlage ist ein zentraler Baustein, um die Rhein-Main-Region sicher und leistungsfähig mit Strom zu versorgen“, sagt Hendrik Neumann, technischer Geschäftsführer von Amprion, bei seiner Rede in der Werkshalle. Ohne Strom funktioniert nicht viel – in der Rhein-Main-Region und anderswo. Die Inbetriebnahme sei ein sichtbares Zeichen für die Zukunft der Energieversorgung in einer der wichtigsten Wirtschaftsregionen Deutschlands. „Unsere Aufgabe ist es, die großen Erzeugungs- und Verbrauchszentren zu verbinden, neue Lastschwerpunkte frühzeitig zu erkennen und die Stabilität des Gesamtsystems sicherzustellen“, sagt Neumann. Im Rhein-Main-Gebiet müsse das Übertragungsnetz in den nächsten Jahren noch leistungsfähiger werden, heißt es bei Amprion. Für die Energiewende müsse immer mehr Strom über große Distanzen transportiert werden – von dort, wo Windräder oder Gezeitenkraftwerke stehen, dorthin, wo er tatsächlich gebraucht werde. Die bestehenden 220-Kilovolt-Höchstspannungsleitungen von Amprion würden deshalb sukzessive auf 380 Kilovolt (kV) umgerüstet. Schlüssel für eine stabile Energieversorgung Umspannanlagen sind für den Betrieb des Netzes unverzichtbar. Hier wird der Stromfluss gesteuert und verteilt, dazu muss er auf eine niedrigere Spannungsebene gehoben werden. Bei der neuen Anlage handelt es sich um eine gasisolierte (GIS) 380-Kilovolt-Umspannanlage. Diese Variante hat laut Amprion gegenüber einer Freiluftanlage den Vorteil, deutlich weniger Raum zu benötigen. Die GIS-Anlage verfüge über sechs Schaltfelder, zu denen drei Transformatoren zählten, erklärt der Betriebsverantwortliche bei einem Rundgang durch das Umspannwerk. Der Netzknoten wird durch die Umspannanlagen Waldsee und Farbwerke Höchst Süd ergänzt, beide auf der 110-Kilovolt-Ebene. Seit 2022 arbeitete Amprion an dem Bau der knapp sechs Kilometer langen Abzweigung nach Kelsterbach. Man müsse Strom nicht nur transportieren, sondern auch sicherstellen, dass das Gesamtsystem mit einem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien jederzeit stabil und sicher betrieben werden könne. Neue Industrieanlagen, Rechenzentren und Wasserstoffprojekte seien nur dann möglich, wenn die notwendige Netzinfrastruktur rechtzeitig zur Verfügung stehe, so Neumann. Mehr Strom für die Elektrifizierung der Industrie und für Rechenzentren Die Anforderungen an die Strominfrastruktur in der Rhein-Main-Region steigen aus verschiedenen Gründen. Industrielle Prozesse werden zunehmend elektrifiziert, auch Unternehmen und Haushalte benötigen mehr Strom. Zugleich wächst der Bedarf durch Rechenzentren. Diese seien das „hohe Gut schlechthin“, sagt Edwin Schick, Geschäftsführer des Verteilnetzbetreibers Syna, die viel Netzkapazität und Energie benötigten. Für den angrenzenden Industriepark Höchst sei der Bau des Netzknotens ein „wichtiger Meilenstein“, sagt Joachim Kreysing, der Geschäftsführer von Infraserv, der Betreibergesellschaft des Industrieparks. Der Industriepark brauche 2000 Gigawattstunden elektrische Energie – und der Bedarf werde sich mehr als verdoppeln. Das neue Umspannwerk stabilisiere damit nicht nur den Industriepark, sondern die ganze Region. Zudem erfordere die Dekarbonisierung der Industrie weitere Ressourcen. Was heute Wärme sei, werde bald Strom sein. Unternehmen bräuchten Planungssicherheit und die Zuverlässigkeit eines Stromnetzes. Daher seien „Projekte wie diese ein Standortfaktor für die Region“. Johannes Loheide, Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium, stimmt ihm zu: Das Umspannwerk sei „nicht nur eine technische Anlage, sondern hier stehen Grundlagen für Arbeitsplätze und Wertschöpfung der Region“. Auch die Frage der Sicherheit war Thema. Umspannwerke von Amprion sind in den vergangenen Wochen und Monaten Zielscheibe von Anschlägen geworden. Diese Angriffe zeigten, welche Bedeutung Umspannwerke für eine verlässliche Stromversorgung hätten und wie verwundbar sie seien, sagt Neumann. Kritische Infrastruktur verdiene einen besonderen Schutz. Dazu gehört für Neumann auch die Ermöglichung von Videoüberwachung. Da ein hundertprozentiger Schutz jedoch nicht möglich sei, komme es entscheidend darauf an, was nach einer „Situation“ passiere: „Der größte Resilienzgewinn liegt nicht in einem lückenlosen Objektschutz, sondern in einem Rechtsrahmen, der eine schnelle Wiederinbetriebnahme möglich macht.“ Unterstützung bekommt er von Staatssekretär Loheide: „Entscheidend ist nicht die Frage, ob man verhindern kann, dass man getroffen wird. Entscheidend ist die Geschwindigkeit, in der man wieder aufbaut.“