Anusa Thapa Magar eilte von ihrem Arbeitsplatz auf den Malediven nach Hause, nachdem sie von den verheerenden Überschwemmungen in Nepal erfahren hatte. Sie hatte die Hoffnung, dass ihre geliebte Großmutter zu den Überlebenden gehörte. Sie machte sich auf den Weg zum zweistöckigen Haus ihrer Familie in der Kleinstadt Betrawati. Doch es gab kein Haus mehr und auch kein Betrawati. Die dreiundzwanzigjährige Magar stand auf dem verhärteten Schlamm und fragte sich, ob ihre Großmutter, die kaum noch laufen konnte, unter der Erde lag. „Aama“ – Mutter auf Nepalesisch – war zuletzt auf ihrem Bett liegend gesehen worden. „Wenn mein Haus darunter begraben ist, heißt das doch, dass meine Aama auch noch hier darunter ist, oder?“, sagte Magar. Jeden Tag legen Dutzende Überlebende, die in Zeltlagern an einem Hang oberhalb von Betrawati Zuflucht gefunden haben, den halben Kilometer zurück, um durch das Ödland zu streifen, das einst ihre Stadt war, auf der Suche nach Spuren ihrer Häuser, Geschäfte und Angehörigen, die von den Fluten verschlungen wurden. Auf der nepalesischen Seite der Grenze werden nach der Flutkatastrophe, die durch einen Gletschereinsturz ausgelöst wurde, noch immer 5130 Menschen vermisst – mindestens 1386 Menschen kostete sie das Leben. Die Behörden suchen weiterhin nach Überlebenden, doch es ist mittlerweile schon viele Tage her, dass jemand lebend gefunden wurde. Eine Spur der Panik Die Straße zwischen Bidur und Betrawati ist durch eine dicke Schlammschicht ersetzt worden, die der angeschwollene Fluss durch die Überschwemmung abgelagert hat. Um Betrawati zu erreichen, muss man nun einen steilen Hang hinaufsteigen, einen schmalen Bergrücken überqueren und dann zu den Überresten dessen hinabsteigen, was einst eine geschäftige Siedlung war. Entlang des Weges liegen verlassene Schuhe und Pantoffeln – stumme Zeugen der Panik, die ausbrach, als die Menschen versuchten, vor der Flutwelle aus Wasser, Schlamm und Geröll zu fliehen. Ein verlassenes Schulgebäude steht halb unter Trümmern begraben. Weiter oben auf dem Weg sind Kinderschuhe, Schulkrawatten und Rucksäcke im Schlamm verstreut. Das Hochwasser strömte mit solcher Wucht flussabwärts, dass es gegen den Fuß eines Hügels prallte, bevor es quer durch das Tal zurückschlug und alles mitriss, was sich ihm in den Weg stellte. Die Einwohner von Betrawati berichteten, dass bereits Minuten vor Eintreffen der Flut Warnungen über das herannahende Hochwasser die Runde machten, da Freunde und Verwandte aus dem flussaufwärts gelegenen Gebiet anriefen, um sie zu warnen. Doch nur wenige waren sich der Geschwindigkeit und des Ausmaßes dessen bewusst, was auf sie zukam. „Ich habe nichts mehr außer den Kleidern, die ich gerade trage.“ (Kalpana Thapa Magar, 43) Magar und ihre Familie konnten sich, wenige Minuten bevor das Hochwasser ihre Haustür erreichte, in Sicherheit bringen, nachdem ihr Mann nach Hause geeilt war, um sie zu warnen, dass der Flusspegel stieg. „Wären wir auch nur eine Minute zu spät gekommen, wären wir an diesem Tag gestorben“, sagte Magar. „Wir hatten uns von Grund auf hochgearbeitet, um endlich ein Zuhause zu haben, und wir waren glücklich. Jetzt ist all unsere harte Arbeit zunichte.“ „Ich bin alleinstehend, ich habe weder einen Ehemann noch einen Sohn, der sich um mich kümmern könnte. Da mein einziges Eigentum durch die Überschwemmung beschädigt wurde, weiß ich nicht, wohin ich gehen soll“, sagt Nani Kanchi Khatri. Sie lebt allein und leidet an Asthma. Die Überschwemmung hat nicht nur ihr Haus zerstört, sondern auch die Medikamente, die sie erst kürzlich gekauft hatte, mitgerissen. Alles verloren. Für viele Familien in der Region war es nicht die erste Katastrophe, die sie durchleben mussten. Beim Erdbeben in Nepal im Jahr 2015 kamen fast 9000 Menschen ums Leben. Die fünfundvierzigjährige Lehrerin Sita Thapa Magar, Kalpanas ältere Schwester, sagte, das Erdbeben habe zwar Not und Verluste mit sich gebracht, doch die Familien hätten zumindest ihre Habseligkeiten retten und auf ihrem Land wieder aufbauen können. Diesmal seien die beiden Häuser, die sie gemeinsam mit ihrem Mann besaß, weggerissen worden und ihr Ackerland unter Trümmern begraben. „Diesmal haben wir alles verloren“, sagte sie. Betrawati sei eine blühende Stadt gewesen, die Pilger und Wanderer versorgte und in den letzten Jahren immer wohlhabender geworden war. Familien bauten größere Häuser, vermieteten Zimmer und investierten in die Bildung ihrer Kinder. Wirtschaftlich ging es den Menschen hier langsam besser. Jetzt ist nichts mehr übrig. Chitrakar sagte, er sei erst wenige Minuten vor dem Hochwasser gewarnt worden, sodass ihm keine Zeit blieb, irgendwelche Habseligkeiten zu retten. „Ich hatte ein zweistöckiges Haus und ein Einzimmerhotel, wo jetzt der Fluss fließt“, sagte er. „Da alles weg ist, habe ich keine Ahnung, wie es weitergehen soll.“
