FAZ 25.03.2026
14:39 Uhr

UN-Bericht zu Bedrohten Arten: Wandernde Fische weltweit im Abwärtssog


Vier Fünftel der wandernden Süßwasserfische gelten als verschwunden. Auf einem UN-Treffen in Brasilien sorgt ein Bericht zum Aussterberisiko Hunderter Arten für Aufsehen.

UN-Bericht zu Bedrohten Arten: Wandernde Fische weltweit im Abwärtssog

Eine politisch weitgehend übersehene Biodiversitätskrise schwimmt in unseren Flüssen: Wandernde Süßwasserfische gehören inzwischen zu den am stärksten gefährdeten Wildtieren auf dem Planeten. Bisher wurde ihnen international allerdings wenig Beachtung geschenkt, gerade einmal 24 schützenswerte Arten listete das seit Langem existierende „UN-Übereinkommen zur Erhaltung der wandernden wildlebenden Tierarten“ (CMS). In einem neuen Bericht korrigiert das CMS diese Zahl deutlich nach oben: auf 349. Diese Arten gelten als bedroht und bedürfen internationaler Schutzmaßnahmen, weil sie auf ihren Wanderungen Ländergrenzen überschreiten. Dem Bericht zufolge sind die Populationen wandernder Süßwasserfische weltweit seit 1970 bereits um mehr als 80 Prozent zurückgegangen. Das liegt daran, dass diese Fische auf lange, ununterbrochene Flüsse angewiesen sind, die Laich-, Nahrungs- und Aufzuchtgebiete miteinander verbinden. Einige Arten legen in ihrem Leben bis zu 10.000 Kilometer zurück. Ihre Lebensräume werden aber degradiert, weil Staudämme die Flüsse zerstückeln und Feuchtgebiete in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt werden. Das blockiert die Wanderrouten der Fische. Hinzu kommen Wasserverschmutzung durch Abwässer sowie Überfischung, da wandernde Süßwasserfische Hunderte Millionen Menschen auf der ganzen Welt ernähren. Auch der Klimawandel setzt Süßwassersystemen zu, indem er etwa die Dynamik von Flussmündungen verändert. Der Meeresspiegel steigt, während die Abflussmenge der Flüsse wegen der sich häufenden Extremwetter zwischen Hochwasser und Trockenheit schwankt. Dadurch sterben immer mehr Fische an den artenreichen Flussdeltas der Erde. Erderwärmung stört empfindlich die Biologie der Fische Wandernde Tierarten leiden besonders stark unter den Folgen des Klimawandels, weil sie die Veränderungen gleich an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Lebensräumen zu spüren bekommen. Darüber hinaus gerät die innere Uhr von ihnen durch die Erderwärmung aus dem Takt, wodurch sie oft nicht mehr zu den passenden Bedingungen ans Ziel kommen. So ging insgesamt bereits fast die Hälfte der Populationen aller wandernden Arten, die durch das globale Übereinkommen der Vereinten Nationen geschützt sind, zurück. Das sind fünf Prozent mehr als noch vor zwei Jahren. Fast ein Viertel der Arten ist vom Aussterben bedroht, wie ein weiterer Bericht zeigt, den das CMS im Vorfeld seiner 15. Weltkonferenz in Brasilien veröffentlichte. In dieser Woche kommen Landesvertreter und Wissenschaftler zur CMS-Konferenz in Brasilien zusammen, um unter anderem einen Aktionsplan für die rund 350 wandernden Süßwasserfischarten zu erarbeiten. Es sollen die bislang ehrgeizigsten internationalen Bemühungen zu deren Erhalt werden. Denn die Wanderarten spielen eine entscheidende Rolle zum Erhalt der Ökosysteme, da sie als wichtige Verbindungsglieder zwischen ökologischen Netzwerken fungieren. „Um sie zu schützen, müssen die Länder zusammenarbeiten, damit die Flüsse verbunden, produktiv und voller Leben bleiben“, sagt der Hauptautor des Berichts, Zeb Hogan. Wanderkorridore die Lösung? Die Staaten könnten ihre Flüsse etwa durch gemeinsam koordinierte Wanderkorridore wieder verbinden und ihren Staudammbetrieb aufeinander anpassen. Zudem müssten technische Standards für eine grenzüberschreitende Überwachung eingeführt und Fischereiregulierungen aufeinander abgestimmt werden. Ein Bericht der World Fish Migration Foundation aus dem Jahr 2024 zeigt, dass solche Maßnahmen Wirkung zeigen: Populationen von wandernden Süßwasserfischen, die Schutzmaßnahmen erhielten, gingen weniger stark zurück als andere. Die Maßnahmen umfassen derzeit allerdings meist Fischfangregulierungen und keine umfassenden Anpassungen der Lebensräume. An das globale CMS-Abkommen haben sich zwar 132 Länder sowie die Europäische Union rechtlich gebunden. Die meisten bedrohten Wanderfische kommen dem Bericht zufolge aber in Asien vor, insbesondere im größten Flussdelta der Welt, dem Gangesdelta, sowie im Mekong-Strom. Von den Ländern des unteren Mekongs sind derzeit allerdings keine in den CMS-Verhandlungen vertreten oder Teil des Übereinkommens. Mehr als die Hälfte der als grenzüberschreitend schützenswert gelisteten Fischarten kommen in Nichtvertragsstaaten vor. Hinzu kommen weitere Arten, die in Gewässern mehrerer Länder leben, von denen nur eines Vertragspartei des CMS ist. So hat Brasilien zwar bereits einen Entwurf für einen Aktionsplan zum Schutz von wandernden Welsen im Amazonasbecken vorgelegt. Die betroffenen Gebiete erstrecken sich aber auch über Kolumbien und Venezuela, die nicht Teil des Übereinkommens der Vereinten Nationen sind. Ein weiteres Problem an der Liste zu schützender Wanderfische ist die schlechte Datenverfügbarkeit, worauf auch die Wissenschaftler selbst in ihrem Bericht verweisen. Um die Bedrohungslage der verschiedenen Arten zu ermitteln, berufen sie sich vor allem auf die Rote Liste der Weltnaturschutzorganisation IUCN. Die Wissenschaftler betrachteten, welche Arten als wandernde Süßwasserfische gelten, die Ländergrenzen überschreiten. Allerdings sind nicht alle Fischbewegungen ausreichend dokumentiert, um festzustellen, welche Arten als Wanderfische einzustufen sind. Es könnte also noch mehr wandernde Süßwasserfische geben, die den besonderen Schutz des internationalen Übereinkommens benötigen würden. Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei bilanzierten im Januar, dass die CMS ein bisher ungenutztes Potential für eine verbesserte Erhaltung wandernder Süßwasserfische habe. Im Fachmagazin „Nature Reviews Biodiversity“ schreiben sie, dass das Übereinkommen nicht angemessen auf den Schutz wandernder Süßwasserfische eingehe. Mit der Aufnahme von 325 neuen Arten und der aktuellen Konferenz versuchen die Wissenschaftler und Landesvertreter, dem entgegenzutreten.