FAZ 26.03.2026
09:26 Uhr

Türkische Mafia in Berlin: In der Türkei drohen ihm 1281 Jahre Haft


In Berlin werden türkische Unternehmer von Mafiagruppen terrorisiert, zum Beispiel von den „Daltons“. Über das Chaos in Istanbuls Unterwelt – und wie es nach und nach zu uns schwappt.

Türkische Mafia in Berlin: In der Türkei drohen ihm 1281 Jahre Haft

Rund 20 Jahre bevor Alican C. in Berlin auf zwei Filialen einer Supermarktkette schoss, wurde er in Adana in der Türkei geboren. Er wuchs als ältestes von fünf Kindern auf, als Jugendlicher wurde er von seinem Vater geschlagen, versuchte sich das Leben zu nehmen, 2022 brach er ohne Abschluss die Schule ab. Im Alter von 17 Jahren reiste er mithilfe von Schleusern über Bosnien, Kroatien und Italien nach Deutschland. Zunächst wohnte er in Wismar in einem Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, dann lebte er zwei Jahre lang weitgehend struktur- und ziellos in einem Flüchtlingsheim in den Tag hinein. Seine Aufenthaltsgestattung erlosch am 27. April 2024, eine Duldung wurde befristet bis zum 3. Februar 2025. Vorher lernte C. in dem Flüchtlingsheim in Mecklenburg-Vorpommern aber einen Mann kennen, der ihn schließlich mit nach Berlin nahm. Der Mann gehörte einer kriminellen Vereinigung an, die regelmäßig junge, orientierungslose Türken mit Drogenproblemen rekrutierte. Diese jungen Männer wurden in Berlin mit Unterkunft, Drogen und Essen versorgt. Alican C. fühlte sich bald wie ein Familienmitglied – dann sollte er aber Gegenleistungen liefern. Am 3. März 2025 wurde Alican C. zu einer Filiale der türkischen Supermarkt-Kette Eurogida in Spandau gefahren, im Auto drückte man ihm eine geladene halbautomatische Pistole in die Hand und erklärte ihm die Funktions­weise. Er stieg aus, schoss gegen 20.05 Uhr sechsmal auf den Supermarkt, rannte zurück zum Auto, wurde zu einer Filiale nach Berlin-Wilmersdorf gefahren und schoss dort noch mindestens dreimal. Mehr als 200 Ermittlungsverfahren Der Filialleiter eines Eurogida-Markts, der zur Inhaberfamilie gehört, hatte vorher einen Anruf bekommen: Ein „Ahmet von den Daltons“ verlangte 250.000 Euro — andernfalls würden die Läden gesprengt. Nach den Schüssen erhöhte ein Anrufer, der sich als „Alican von den Daltons“ bezeichnete, die Forderung dann auf 500.000 Dollar. Auch Mitglieder der Geschäftsführung der Supermarktkette wurden kontaktiert: Man werde alle Familienmitglieder der Reihe nach töten und auch die Frauen und Kinder angreifen, hieß es. Die Marktbetreiber zahlten trotzdem nicht, und der Schütze Alican C. wurde im April 2025 festgenommen. Das Berliner Landgericht verurteilte ihn im September zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und neun Monaten. Diese Details zu dem Fall und dem Leben von Alican C. stammen aus dem Urteil, das der F.A.Z. vorliegt. Der Auftraggeber von C. wurde ebenfalls verurteilt. Er soll auch dafür gesorgt haben, dass einem Geschäftsmann in Spandau siebenmal in die Beine geschossen wurde. Bei der Staatsanwaltschaft Berlin sind mittlerweile mehr als 200 Ermittlungsverfahren zu ähnlichen Schutzgelderpressungen anhängig. Die Berliner Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) sagte dem rbb kürzlich: „Wir stellen hier eine Häufung von Straftaten gegen Ladenbesitzer aus dem türkisch-kurdischen Kulturkreis fest. Die werden unter Druck gesetzt, die werden eingeschüchtert, zum Teil werden Waffen eingesetzt. Ziel ist es, dass diese entsprechende Schutzgelder zahlen.“ Dahinter stecke oft eine Gruppierung namens „Daltons“, die aus dem türkisch-kurdischen Kulturkreis stamme. „Die ,Daltons‘ gehen dergestalt vor, dass sie über Mittelsmänner junge Flüchtlinge rekrutieren, derer sie sich als Handlanger bedienen, um ihre Straftaten vor Ort umzusetzen, wobei sich die Hintermänner im Ausland befinden.“ In der Türkei drohen ihm 1281 Jahre Haft Über die Daltons kann man aus einem anderen Gerichtsdokument, das der F.A.Z. vorliegt, viel lernen: Die Generalstaatsanwaltschaft Istanbul hat im September Anklage gegen mehrere Mitglieder der Gruppierung erhoben. 105 Verdächtige werden in der 1500 Seiten dicken Anklageschrift aufgezählt. Die Daltons entstanden demnach im Umfeld des türkischen Kriminellen Barış Boyun, der schon 2018 vor der türkischen Polizei vorübergehend ins Ausland fliehen musste. Seine Organisation führte er laut Anklage aber weiter an, Geld verdiente die Gruppe durch Waffenhandel, Diebstahl, Drogenhandel, Auftragsmorde und Raub. Boyun setzte regionale Chefs ein, darunter einen Mann namens Beratcan Gökdemir. In Istanbul war der zunächst als Dieb bekannt, dann wurde er Drogenhändler, schließlich soll er einen bewaffneten Arm der Gruppe von Boyun geführt haben, die als „Daltonlar“ bekannt wurde, auf Deutsch: die Daltons. Gökdemir ist heute unter einem anderen Namen bekannt: Can Dalton. In der Türkei wird er für viele Morde verantwortlich gemacht, auch er floh aus dem Land, wo ihm 1281 Jahre Haft drohen. Angeblich sitzt er in Russland im Hausarrest, wird von den dortigen Behörden bislang aber nicht ausgeliefert. Auf Instagram hat sein auf privat gestelltes Profil 320.000 Follower, eine Follower-Anfrage beantwortet er Mitte März schnell. Auf seinem Profil ist nur ein Bild zu finden, das einen jungen Mann mit verspiegelter Sonnenbrille zeigt, es hat mehr als 80.000 Likes bekommen. In Tausenden Kommentaren wird Can Dalton als König gefeiert, in einem heißt es: „Jeder, der uns Unrecht antut, wird nicht leben.“ Von seinem früheren Chef Boyun, der heute in Italien in Haft sitzt, soll sich Can Dalton 2024 im Streit getrennt haben. Seine Daltons konkurrieren mit anderen kriminellen Gruppen, die ähnlich strukturiert sind und ähnlich heißen, zum Beispiel „Caspers“ oder „Şirinler“ – also Schlümpfe. Mehrere Dutzend Tote soll es in Istanbul in den vergangenen Jahren wegen dieser Gruppen gegeben haben. Auf Tiktok sehr erfolgreich Diese kriminellen Organisationen begehen ihre Taten nicht nur heimlich – sie brüsten sich damit sogar in den sozialen Medien. In der türkischen Anklageschrift heißt es, dass die Daltons insbesondere auf der Plattform Tiktok sehr populär seien. Führungspersonen, insbesondere die im Ausland, zeigten sich mit Waffen, Luxusfahrzeugen und teurer Markenkleidung. So sollen Jugendliche beeindruckt und angeworben werden. Anfällig dafür seien vor allem junge Männer aus armen Vierteln, die dann die Drecksarbeit machen müssten. Erpressungsversuche gegen wohlhabende Geschäftsleute gehören laut der Anklageschrift zum Geschäftsmodell der Daltons, außerdem Auftragsmorde und Angriffe auf rivalisierende Banden. Das Chaos, das in Istanbuls Unterwelt herrscht, hat sich nun auch auf andere Länder und Städte übertragen – zum Beispiel auf Berlin. Hakan Taş war lange integrationspolitischer Sprecher der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus, für viele Migranten ist er bis heute ein wichtiger Ansprechpartner. Taş sagt, dass sich bei ihm bereits mehr als 20 Betroffene gemeldet haben, die von türkischen Mafiagruppen bedroht wurden oder werden. Sie betreiben Fahrschulen, Lebensmittelketten, Restaurants, Cafés oder Bars und haben irgendwann einen Anruf mit Schutzgeldforderungen bekommen. „Oft hatten diese Gruppierungen wohl vorher Leute eingeschleust in die Geschäfte, um herauszufinden, was sie verlangen und womit sie drohen können“, sagt Taş. Die Anrufer erwähnten manchmal auch, wo die Kinder der Bedrohten zur Schule gehen. Manche zahlen deswegen. Und wenn nicht? Taş hat Videos aus Überwachungskameras gesehen, in denen Vermummte auf Läden schießen, in Kreuzberg wurde sogar schon eine Handgranate in ein Lokal geworfen. Oft bleibt unklar, ob die Erpresser wirklich zu den Daltons gehören oder einfach nur den Ruf der Organisation nutzen, um schnell an Geld zu kommen. Straftaten mit Schusswaffen haben um 68 Prozent zugenommen In Teilen der türkisch-kurdischen Community werden solche Probleme am liebsten ohne Polizei gelöst. Stattdessen beauftragt man Mittelsmänner mit Verhandlungen, die dann gerne selbst die Hand aufhalten. Auch deswegen ging kürzlich Adem Ispirli an die Öffentlichkeit. Er ist Chef einer Kfz-Werkstatt, Erpresser verlangen 250.000 Euro von ihm und haben schon mehrfach auf seine Geschäfte geschossen. „Wenn du anfängst, über Dritte zu verhandeln, beginnt das Spiel erst richtig“, sagte Ispirli vor Kurzem der F.A.Z. „Dann merken die, da ist jemand, der Angst hat.“ Er rät allen Betroffenen deswegen: „Immer zur Polizei gehen.“ Für die Berliner Polizei ist das Hauptproblem die hohe Verfügbarkeit von Schusswaffen. Immer wieder finden die Ermittler halb- und vollautomatische Schusswaffen, die aus der Türkei stammen. Im April 2024 hatten türkische Ermittler laut der „Welt“ eine illegale Waffenfabrik der Daltons gestürmt. Die Berliner Polizei hat die Sondereinheit „Ferrum“ eingerichtet, um Schusswaffen aus dem Verkehr zu ziehen und weitere Schießereien einzudämmen. Straftaten mit Schusswaffen haben in Berlin 2025 um 68 Prozent zugenommen, allein im Januar und Februar 2026 wurden 31 Menschen durch Schüsse verletzt, außerdem gab es einen Toten. Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht: Ende vergangener Woche wurde ein 23 Jahre alter Mann durch mehrere Schüsse auf offener Straße in Kreuzberg verletzt, in der Nacht zu Montag wurde ein Mann in Berlin-Schöneberg niedergeschossen. Benjamin Jendro, Sprecher der Berliner Polizeigewerkschaft GdP, sagte danach: „Täglich grüßt das Murmeltier, so traurig es klingt.“ Es vergehe in Berlin kaum noch eine Nacht, in der nicht irgendjemand zur Schusswaffe greife. „Es wäre schön, wenn die Politik dann auch mal endlich was unternimmt.“ Neu ist diese Entwicklung schließlich schon lange nicht mehr. Bereits im März 2024 wurde ein Türke mit belgischem Pass am Checkpoint Charlie erschossen. Den Mordauftrag hatte laut italienischen Ermittlungsakten, die der F.A.Z. vorliegen, Barış Boyun gegeben – der Mann also, der ganz am Anfang der Geschichte der Daltons steht.