FAZ 06.10.2026
17:25 Uhr

Tuchel und England: Warum es kaum englische Spitzentrainer gibt


Obwohl Thomas Tuchel mit England ein bemerkenswerter Erfolg gelingt, gibt es viele, die sich einen Engländer als Nationaltrainer wünschen. Doch englische Spitzentrainer fehlen seit Jahren. Warum?

Tuchel und England: Warum es kaum englische Spitzentrainer gibt

Thomas Tuchel gilt als ein Fußballfeinschmecker, der gern mal anderer Meinung ist. Schwärmen um ihn herum alle von einem spielerischen Leckerbissen, findet Tuchel das Haar in der Suppe. Schimpfen alle über Magerkost, schwärmt Tuchel hingegen von Dingen, die ihm trotzdem geschmeckt haben. Am Samstagabend aber, nachdem Englands Nationalmannschaft im Nations-League-Spiel bei Kroatien 7:0 gewonnen hatte, stimmte sogar ihr deutscher Coach in die begeisterten Kritiken mit ein. „Es war ein fantastischer Sieg, natürlich ein hervorragendes Ergebnis“, sagte er. „Die Leistung hat dieses Ergebnis unterstrichen. Sie war von der ersten bis zur letzten Minute auf höchstem Niveau. Das Tempo, die technische Qualität und der Einsatz ohne Ball waren auf allerhöchstem Niveau, und ich bin sehr zufrieden mit der Einstellung.“ Das Lager der Tuchel-Kritiker, das nach einer Niederlage im spektakulären Duell mit Spanien (2:3) und einem glanzlosen Sieg gegen Tschechien (2:0) zuletzt wieder lauter geworden war, dürfte damit erst einmal ruhig gestellt sein. Doch Tuchel weiß, dass die Stille trügerisch ist. Bei der WM im Sommer, bei der England als Dritter so gut abschnitt wie seit dem einzigen Titelgewinn 1966 nicht mehr, hatte schließlich eine halbe Stunde im Halbfinale gegen Argentinien gereicht, um ihn ins Zentrum der Debatten zu rücken. Tuchels Plan, die 1:0-Führung mit den Einwechslungen mehrerer Defensivspieler über die Zeit zu bringen, war schiefgegangen. Im Prinzip war Tuchel schon vor seinem Dienstbeginn gewarnt gewesen. Das Revolverblatt „Daily Mail“ hatte schließlich den Tag seiner Verpflichtung als Englands Fußball-Nationaltrainer im Herbst 2024 als einen „düsteren Tag“ für das Land bezeichnet. Dementsprechend präpariert ging er in seine erste Pressekonferenz – und wurde prompt auf die Frage festgenagelt, ob er als Ausländer bei den Auftritten der „Three Lions“ die Nationalhymne singen werde. Er habe noch nicht entschieden, antwortete er zögerlich. Später schob er nach, er wolle sich zunächst das Recht verdienen, beim kollektiven „God save the King“ mit einzustimmen. Nichts ausrollen, was er später nicht zurückholen kann: Das war elegant gelöst, dagegen kamen auch seine Kritiker nicht an. Noch nie gewann ein englischer Trainer die Premier League Dabei war die Hymnendebatte ohnehin nur ein Symptom eines tiefer sitzenden Unbehagens. Immerhin ist Tuchel schon Englands dritter ausländischer Nationaltrainer nach Sven-Göran Eriksson (2001–06) und Fabio Capello (2007–12); seine Verpflichtung hat daher selbst eingefleischte „Wir gegen euch“-Puristen nicht kalt erwischt. In Wahrheit geht es um die Frage, wie es sein kann, dass es im Mutterland des Fußballs eben keine einheimische Alternative zu Tuchel gab – jedenfalls keine mit vergleichbaren Leistungsnachweisen. Zehn Anwärter hatte der nationale Fußballverband (FA) eigenen Angaben nach interviewt, darunter auch eine Handvoll Engländer. Am Ende aber entschied er sich für Tuchel und ließ ausrichten, „den besten Kandidaten für den Job“ gefunden zu haben. Englische Spieler gehören seit einigen Jahren wieder zu den besten der Welt: Profis wie Jude Bellingham (Real Madrid), Harry Kane (Bayern München) und Bukayo Saka (FC Arsenal) sind international gefeierte Stars. Dagegen muss man englische Trainer auf dem höchsten Niveau mit der Lupe suchen. Selbst in der Premier League haben aktuell nur drei der 20 Klubs einen englischen Trainer: Gary O’Neil bei Ipswich Town, Frank Lampard bei Coventry City und Michael Carrick bei Manchester United. Vier Vereine haben deutsche Trainer, fünf Coaches kommen aus Spanien. Seit der Einführung der Premier League als höchste englische Spielklasse zur Saison 1992/93 hat kein englischer Trainer die Meisterschaft gewonnen. Das wiederum hat entscheidend mit dem Erfolg der Liga zu tun. Die Premier League ist die beste, vor allem aber die am besten vermarktete Fußballliga der Welt. Die globale Reichweite, die wirtschaftliche Dominanz und die üppigen Gehälter machen England nicht nur zum Sehnsuchtsort für Spieler, sondern auch für Trainer. Und aus Sicht der Klubbesitzer, von denen ebenfalls viele aus dem Ausland kommen, wiegen überprüfbare Qualifikationen in der Regel schwerer als englische Befindlichkeiten. Dadurch konkurrieren aufstrebende Trainer auf ihrem Weg nach oben nicht nur mit ihren Landsmännern, sondern zusätzlich mit Rivalen aus aller Welt, die oft schon europäische Titel gewonnen haben. Sam Allardyce, der in seiner langen Karriere für Vereine wie die Bolton Wanderers, West Ham United und den FC Everton gearbeitet hat, witzelte in einem Podcast, er hätte eine glanzvollere Laufbahn gehabt, wäre sein Name „Allardicio“. Keine Zeit für Entwicklung Umgekehrt wagen bislang trotzdem nur wenige Trainer den Weg aus England in ausländische Ligen. Ein prominentes Beispiel ist Graham Potter. Nach ersten Gehversuchen im englischen Amateurfußball ging er nach Schweden. Dort führte er den Östersunds FK sensationell von der vierten in die erste Liga und bis in die Europa League; 2017 gewann der Verein den schwedischen Pokal. Durch diese Erfolge wurden Klubs in der Heimat auf ihn aufmerksam. Es folgten Stationen bei Swansea City und Brighton & Hove Albion sowie weniger erfolgreiche Jahre beim FC Chelsea und West Ham United. Seit einem Jahr ist Potter Nationaltrainer Schwedens. Wie steinig aber auch dieser Karriereweg sein kann, konnte man zuletzt bei Liam Rosenior besichtigen: Er wechselte im Januar von Racing Straßburg zum FC Chelsea, unterschrieb dort einen Vertrag über sechseinhalb Jahre, wurde aber schon im April wieder freigestellt. Premier-League-Trainer sollen sich nicht entwickeln, sie haben zu funktionieren. Mittlerweile dreht die FA auch an strukturellen Stellschrauben. Reformen wie der sogenannte „Elite Player Performance Plan“ (EPPP) der Premier League und das „England DNA Programme“ des nationalen Verbands haben auf der Ebene der Spieler die Talentförderung im Land seit Anfang der Zehnerjahre spürbar verbessert. Die aktuelle Generation englischer Spitzenfußballer ist ein Beleg dafür. Zwar wurde damit verbunden auch die Ausbildung der Trainer aufgewertet, bislang allerdings nicht mit dem Effekt, dass mehr englische Trainer bei Premier-League-Klubs unterkommen. Sean Dyche, der im Februar bei Nottingham Forest entlassen wurde, sagte im Zusammenhang mit Tuchels Ernennung zum Nationaltrainer, er könne nicht erkennen, „was dieser Prozess bringen soll“. Ein neuer Trainerentwickler in Englands Fußballverband An dem Punkt kommt Kevin Thelwell ins Spiel. Seit Anfang des Jahres ist er der neue „Elite Coach Developer“ der FA. Es ist sein Auftrag, „die Entwicklung der besten englischen Trainer zu unterstützen“, wie der Verband mitteilte. Neu daran ist das strategische Mandat, geeigneten Kandidaten Pfade in den Spitzenfußball aufzuzeigen. Dan Ashworth, Chief Football Officer bei der FA, sagte zu Thelwells Engagement, er werde Trainern helfen, ihr Potenzial auszuschöpfen, „und gleichzeitig dafür sorgen, dass Vereine im In- und Ausland sie bei der Trainersuche als mögliche Kandidaten berücksichtigen“. Mittelfristig soll das dazu führen, dass diese Trainer auch für die Nationalmannschaft infrage kommen. Und Tuchel? Dessen explizite Mission war es, England bei der Weltmeisterschaft im Sommer zum Titel zu coachen. Nachdem das nicht klappte und selbst die normalerweise besonnene BBC die Schuld am Scheitern „fast ausschließlich bei Tuchel“ sah, gab es öffentliche Kritik daran, dass die FA seinen Vertrag schon im Februar bis zur Europameisterschaft 2028 verlängert hatte. Nun kündigte Tuchel an, künftig die Balance zwischen Spielkontrolle und der vertikalen Spielweise der Premier League zu suchen – „das Chaos umarmen“, wie er es nannte. Es wirkt wie ein Kompromiss, um das beschädigte Vertrauen in seine taktischen Fähigkeiten zu reparieren. Gegen Kroatien war die Umarmung innig. Am Dienstag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und bei DAZN) geht es wieder gegen Tschechien.