Als alles vorbei ist und der Druck von ihr abfällt, da überwältigen Seher Danisman-Koyunbakan die Gefühle. Eben noch ist die 25 Jahre alte Sportlerin mit triumphal hochgestreckten Armen und einem Lächeln auf den Lippen ins Ziel des Frankfurter City-Triathlons eingelaufen, jetzt liegt sie mit feuchten Augen in den Armen ihres Mannes. Zum ersten Mal überhaupt hat die gebürtige Saarländerin am Sonntag einen Dreikampf über die olympische Distanz absolviert. 1,5 Kilometer ist sie im Langener Waldsee geschwommen, 40 Kilometer mit dem Rad gefahren und zehn Kilometer gejoggt. Drei Stunden und 17 Minuten hat sie dafür gebraucht und landete auf dem 157. Platz bei den Frauen. In der Menge der mehr als 2600 Athleten in den verschiedenen Kategorien ist die Wahlhessin aufgefallen: Die gläubige Muslima trug das gesamte Rennen über einen Sport-Hijab, also ein Kopftuch, und einen schwarz-weißen Ganzkörperanzug mit langen Armen und Beinen. Und das bei sommerlichen Höchsttemperaturen. „Ich habe die ganze Zeit darauf geachtet, dass ich nass bleibe“, sagt sie zu der besonderen Herausforderung. Schläuche und Verpflegungsstationen an der Strecke hätten ihr eine wohltuende Kühlung ermöglicht. Dennoch sei ihr die Belastung in den letzten Kurven durch die Innenstadt zu viel, das Wetter zu heiß geworden. „Mir tat jeder Muskel weh.“ Doch die Stimmung und der Zuspruch, den sie schon vom frühen Morgen an erlebt hatte, hätten ihr Kraft gegeben. „Ich bin froh, dass ich mir selbst bewiesen habe, dass ich das kann.“ Hasskommentare tauchen unter dem Foto der Sportlerin auf Negative Kommentare und Anfeindungen waren im Vorfeld ihrer Teilnahme am Frankfurter City-Triathlon täglich in großer Zahl unter ihren Posts in den sozialen Medien aufgetaucht. Beim Rennen selbst sind sie nun ausgeblieben. „Das zeigt mir, dass die Realität viel schöner ist als diese Scheinwelt“, sagt Danisman-Koyunbakan. Auf der Facebook-Seite der Veranstaltung selbst waren die Hasskommentare zu ihrem Foto so heftig und zahlreich gewesen, dass die Agentur Eventpower die Kommentarfunktion abschaltete und die Polizei benachrichtigte, wie Sprecherin Stephanie Rave bestätigt. Mit einer solchen „Explosion“ hatten weder die Sportlerin noch die Organisatoren gerechnet. Der Sport zählte schon immer zum Leben von Danisman-Koyunbakan. Ihre kurdischen Eltern sind in den Achtzigerjahren nach Deutschland eingewandert. Als Teenager kam sie über eine Schul-AG zum Drachenbootfahren. Als sich die Crew auflöste, fing sie mit dem Rudern an. Täglich saß sie im Boot und nahm an Regatten teil. Ein Kopftuch hat sie damals noch nicht getragen. „Meine Eltern hatten mich zwar in die Moschee geschickt“, ihr aber selbst überlassen, ob und wie sie den Glauben ausübt. Während der Corona-Pandemie beschäftigte sich Danisman-Koyunbakan eingehender mit ihrer Religion. Bald fühlte sie sich nicht mehr dabei wohl, ohne Hijab aus dem Haus zu gehen. „Ich bin die einzige von sieben Schwestern, die ein Kopftuch trägt“, erzählt sie. „Mir gibt das Halt, und es erinnert mich daran, ein guter Mensch zu sein.“ Eine Spezialistin für Burkinis schneiderte ihren Sportanzug Während ihres Studiums der Sportwissenschaften, mit dem sie nach dem Schulabschluss begonnen hatte, sorgte das für Probleme. Beim Turnen verrutschte die Kopfbedeckung immer wieder. Zusammen mit einer Designerin, die sie über einen Aufruf in den sozialen Medien fand, entwarf Danisman-Koyunbakan ein geeigneteres Modell. Anfragen anderer Frauen bestätigen sie darin, dass sie damit eine Lücke füllt. Zum Triathlon fand sie per Zufall. Beim „Zehn-Freunde-Event“ in Frankfurt, einer Kurzversion des Dreikampfs, sprang sie ein, weil jemand ausgefallen war. Sofort war sie begeistert, kaufte sich ein Rad und begann regelmäßig zu trainieren. Ihre Suche nach einem passenden, ihrem Glauben entsprechenden Outfit lief jedoch ins Leere. Im Internet habe sie lediglich Bilder von Athletinnen gefunden, die offenbar eine Leggings und darüber ein Teil mit kurzen Hosen trugen. Wieder musste Danisman-Koyunbakan selbst aktiv werden. „Wenn ich mich nicht wohlfühle, kann ich mein sportliches Potential nicht abrufen“, sagt sie. Eine Spezialistin für Burkinis schneiderte ihr nach ihren Vorgaben den Anzug, den sie nun auch bei ihrer City-Triathlon-Premiere trug, mit dünnerem Stoff an der Seite, um mehr Luft hineinzulassen, und einem eingenähten Polster fürs Velofahren. Optimal sei dieser Prototyp jedoch nicht. „Ich bin einfach nur Seher, die im Internet ihre Geschichte teilt“ Bei einem Volkstriathlon nahe ihrer Wahlheimat Gießen lernte die angehende Physiotherapeutin den Vertreter einer Sportartikelmarke kennen, der ihr zusagte, sich des Themas anzunehmen. „Er hatte vorher keinen Bedarf gesehen.“ Bestenfalls könnte 2027 ein ergonomischer Anzug vorliegen, der den Bedürfnissen muslimischer Sportlerinnen entspricht. Befürchtungen, man könnte ihr den Start in Frankfurt verwehren, weil das Wasser im See zu warm für Neoprenanzüge war, bestätigten sich nicht. Sie habe vorsichtshalber aber bei der Deutschen Triathlon Union nachgefragt, ob ihr Modell regelkonform sei. Schon während der Vorbereitung begleitete sie „ein mulmiges Gefühl“. Sie sei sich darüber im Klaren gewesen, dass man es auf ihr Outfit schieben würde, sollte sie überhitzen und abbrechen. Die Botschaft, die sie vermittelt, dass Sport jeder Kultur und jeder Religion offensteht, hätte so einen deutlichen Dämpfer abbekommen. „Aber ich wollte mir auch keinen Druck machen und den Triathlon entspannt angehen.“ Die auch in anderen Bereichen als Coach für muslimische Frauen tätige Sportwissenschaftlerin sieht sich heute nicht mehr als Vorreiterin. „Das war lange der Fall“, aber sie habe ihre Haltung geändert. „Ich bin einfach nur Seher, eine muslimische Sportlerin, die im Internet ihre Geschichte teilt.“ Dass dies immer auch unschöne Folgen nach sich ziehen wird, daran zweifelt sie nicht. „Aber ich werde zu einer Person heranwachsen, die lernt, besser damit umzugehen.“
